Frank­furter Anhänger mögen mir fol­gende Ana­logie bitte ver­zeihen: Ein­tracht-Fan zu sein war in den letzten zwanzig Jahren ein wenig so wie die Scor­pions“ gut zu finden. Die Scor­pions“ waren auch irgend­wann mal cool und erfolg­reich, hatten ein paar Hits und ver­san­deten dann nach und nach in der eigenen Mit­tel­mä­ßig­keit. Cool­ness und Erfolg sind heute höchs­tens noch als Erin­ne­rung vor­handen. Was bleibt, ist der matter wer­dende Glanz alter Tage und die Songs von früher, die man ab und an noch hört, wenn man an die gute alte Zeit denkt. Damals, ja, damals.

Von der lau­ni­schen Diva zum bie­deren Haus­müt­ter­chen

Damals“ war Anfang der Neun­ziger und ich ver­liebte mich heftig in eine attrak­tive und auf­re­gende Frank­furter Mann­schaft. Ganz im Nick Horn­byschen Sinne wusste ich natür­lich nicht, welche Menge an Schmerz und Ärger damit ein­her­gehen würde. Frank­furt ver­dad­delte die Meis­ter­schaft 1992, stieg wenig später ab, mal wieder auf, mal wieder ab, mal wieder auf, hielt sich ein paar unspek­ta­ku­läre Jahre in der ersten Liga, mutierte von der lau­ni­schen Diva zum bie­deren Haus­müt­ter­chen und stieg erneut ab. Bereut habe ich diese Liebe trotzdem nie.

Nach dem letzten, wirk­lich unnö­tigen Abstieg und einem Jahr in der zweiten Liga, das nur durch viel Zynismus und erhöhtem Alko­hol­konsum zu ertragen war, stieg die SGE im Sommer wieder in die erste Liga auf. Die Liga, in deren Spit­zen­gruppe sie nach dem Selbst­ver­ständnis der meisten Fans gehört. Auch nach meinem. Trainer und Manager krem­pelten das Team um und ver­pflich­teten junge, uner­fah­rene Spieler aus der Zweiten Liga oder Bank­drü­cker aus der ersten, die ich alle­samt nur schwer ein­schätzen konnte. Dem­entspre­chend stand ich der Mann­schaft relativ neu­tral gegen­über. Den Klas­sen­er­halt würde das Team schon irgendwie schaffen, dachte ich und stellte mich auf eine unspek­ta­ku­läre Saison ein. Als das erste Pflicht­spiel im DFB-Pokal gegen Aue 0:3 ver­loren ging, schwante mir Böses.

Die Punkte pur­zelten wie reife Früchte

Was dann aber in den fol­genden Wochen pas­sierte, war kaum zu glauben. Die Ein­tracht gewann das Auf­takt­spiel gegen Lever­kusen nach einer begeis­ternden Leis­tung mit 2:1. Will­kommen zurück“, kum­pelte der Kom­men­tator, wäh­rend ich in der Fuß­ball­kneipe meines Ver­trauens saß und skep­tisch am Bier nippte. Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Konnte es doch.

Von den ersten acht Sai­son­spielen gewann die Ein­tracht ganze sieben. Hof­fen­heim wurde aus dem Sins­heimer Sta­dion gewatscht. Der HSV um den frisch ver­pflich­teten Rafael Van der Vaart wurde ebenso besiegt wie die gut gestar­teten Nürn­berger, das Über­ra­schungs­team aus Frei­burg oder die immer unbe­quemen Han­no­ve­raner. Gegen den Deut­schen Meister aus Dort­mund erreichte man in einem der spek­ta­ku­lärsten Spiele der Saison ein 3:3. Der Herbst kam, die Punkte pur­zelten wie reife Früchte, und mir tat der Nacken weh vom steten Kopf schüt­teln.

Nun ist die Hin­runde vorbei und Frank­furt hat sich in der Spit­zen­gruppe fest­ge­setzt. Und das nicht irgendwie, son­dern mit gna­denlos offen­sivem, attrak­tivem Fuß­ball, der den gemeinen Frank­furt-Fan, der sich das maus­graue Jäck­chen der Mit­tel­mä­ßig­keit schon wär­mend um die Schul­tern gelegt hatte, von den Sitzen reißt. In diesem Sinne könnte So ein Jahr, so wun­der­schön“ als Titel nicht tref­fender sein, denn es gibt nicht den einen Moment, der für mich ganz beson­ders war. Es gibt gleich eine ganze Reihe an Momenten, ein ganzes Halb­jahr eigent­lich, das unglaub­lich war.

Fast jedes Wochen­ende pas­sierten Dinge, die ich als Ein­tracht-Fan höchs­tens noch aus dem Fern­sehen kannte. Die Kom­bi­na­tion vor Sebas­tian Jungs Tor gegen Han­nover. Takashi Inuis Ball­an­nahme vor dem Tor gegen Ham­burg. Alex Meiers Tor aus der Dre­hung gegen Frei­burg. Der Sechzig-Meter-Frei­stoß von Pirmin Schwegler, Aigners anschlie­ßender Direkt­pass und Inuis Abschluss zum 2:0 gegen Wolfs­burg. Die Liste ließe sich noch ein ganzes Stück wei­ter­führen.

Die Scor­pions“ werden nie wieder cool und erfolg­reich sein, so viel steht fest. Bei Ein­tracht Frank­furt könnte das anders sein. Von Fuß­ball 3000“ war schnell die Rede und natür­lich vom Eurob­ba­bo­gaal“. Ob die Hin­runde 2012/13 ein One-Hit-Wonder war, bleibt abzu­warten. Und doch scheint es, als pfiffe der­zeit der Wind of Change“ durchs Wald­sta­dion.