Seite 4: Das Derby gegen Besiktas

Heute sind geg­ne­ri­sche Fans weit und breit nicht zu sehen. Trotzdem hört man Kampf­an­sagen. Einer aus der Gruppe Boys of Hell“ warnt: Die Aus­wärts­fans sollten nicht durch Taksim laufen!“ Ein anderer zieht einem Fener­bahce-Fan, der zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort auf­taucht, den blau-gelben Schal ab. Danach reißt er einen Feu­er­lö­scher aus der Wand und ver­sprüht den Schaum neben den U‑Bahn-Kar­ten­au­to­maten.

Oguz Altay bekommt von diesen Männ­lich­keits­ri­tualen nichts mit. Er würde das unter­binden“, sagt Zeybek. Dann holt er sein Porte­mon­naie hervor. Ticket­über­gabe. Alles okay“, sagt er. Altay hat den Daumen gehoben.

Wie eine Büf­fel­herde oder ein Slayer-Kon­zert

Um 18.59 Uhr zählen sie in der Arena den Count­down hin­unter. Cimbom“, Cimbom“, Cimbom“, stak­ka­to­artig stampft der erste Schlachtruf alle bekannten Vor­stel­lungen von Laut­stärke nieder. Er bret­tert über den Rasen wie eine Büf­fel­herde oder ein Slayer-Kon­zert oder beides zusammen. Die Fans stehen auf den Sitzen, alles vibriert, und Sekunden nach dem Anpfiff ent­rollen sie die Block­fahne über ihren Köpfen. Cimbom“, Cimbom“ – immer wieder schallt Gala­ta­sa­rays Spitz­name hinab auf den Rasen.

Alle paar Meter ragen Vor­sänger aus der Menge, sie balan­cieren auf Wel­len­bre­chern und halten sich an den Schul­tern ihrer Neben­leute fest. Sie peit­schen ein, ohne Mikro­fone, nur mit ihren Reib­ei­sen­stimmen, einige sind jen­seits der 50. Sie stehen überall im Block, sie sehen aus wie Bojen im tobenden Ozean. Früher hießen sie Amigos“, heute Abis“, große Brüder. In der 3. Minute fallen sie ein­fach in die Menge, denn Emre Colak schießt Gala­ta­saray in Füh­rung, und ein Orkan fegt über das Men­schen­meer. Hände greifen nach unten, hoch mit dir, alles okay? Ordner gibt es hier nicht.

Wir müssen den modernen Fuß­ball ertragen“

Gala­ta­saray gewinnt 2:1, doch Abdullah Zeybek ist nicht zufrieden. Es ist nicht mehr wie früher“, sagt er. In der neuen Arena, wo Gala­ta­saray seit 2011 spielt, glänzt ihm alles zu sehr: die Tri­bünen, der VIP-Bereich, die neue Bahn­sta­tion, das Spiel. Selbst die Zuschauer sehen irgendwie neu aus, denn viele alte Fans können sich die Tickets nicht mehr leisten. Der tür­ki­sche Fuß­ball steht dort, wo der deut­sche vor zwölf Jahren stand. Um die Cham­pions League zu gewinnen, müssen wir den modernen Fuß­ball ertragen“, sagt er. Doch ich ver­misse das Wilde.“

Zeybek ist müde. Das Stu­dium schlaucht, außerdem hat er Streit mit seinem Vater, der nicht möchte, dass er wei­terhin mit den UltrAslan“ rum­hängt. Er hat ihm schon mal ein Auto ange­boten, wenn sein Sohn die Gruppe auf­gibt. Und er ist ein wenig nervös wegen Drogba und der Cham­pions League. Er zieht seinen Sei­den­schal fest und fährt mit der Bahn zurück nach Taksim. Er fragt: Glaubst du, wir werden gewinnen?“