Seite 3: Die Zeit der Kämpfe

Wenn in den ver­gan­genen Jahren über tür­ki­sche Fuß­ball­fans geredet wurde, ging es oft um mehr als kleine Sti­che­leien. Es gibt Mit­schnitte, auf denen Poli­zisten ihre Pis­tolen gegen Zuschauer richten, andere Videos zeigen Anhänger, die Tri­bünen aus­ein­an­der­nehmen oder geg­ne­ri­sche Spieler mit Feu­er­zeugen, Steinen oder Bat­te­rien bewerfen. Der tür­ki­sche Fuß­ball­ver­band ver­hängte immer wieder Platz­sperren. Seit einigen Jahren ver­ordnet er bei Ver­gehen soge­nannte Ladies Nights“. Das sind Spiele, zu denen nur Frauen und Kinder unter zwölf Jahren ins Sta­dion dürfen. Bei den Derbys der großen Drei – Bes­iktas, Fener­bahce, Gala­ta­saray – sind seit zwei Jahren von vorn­herein Gäs­te­fans aus­ge­schlossen.

Die Rivalen ver­tragen sich – für ein Wochen­ende

Vor der High School Lisesi wartet Abdullah Zeybek. Hier, mitten im Stadt­teil Taksim, wurde Gala­ta­saray 1905 gegründet. Zeybek, 25, ist Mit­glied der Uni­gruppe von UltrAslan“. Er trägt einen edlen Stoff­mantel, sein Voll­bart ist säu­ber­lich gestutzt. Er stu­diert an einer Pri­vat­uni­ver­sität Lite­ratur. Ver­gan­genes Jahr hat Zeybek zusammen mit Anhän­gern von Bes­iktas und Fener­bahce den Fan­kon­gress für Foot­ball Sup­por­ters Europe“ (FSE) orga­ni­siert. Als aus dessen Ham­burger Büro die Anfrage kam, sagte er: Das ist in Istanbul unmög­lich!“ Doch weil es posi­tive Rück­mel­dungen der Rivalen gab, wollten sie es mit­ein­ander ver­su­chen. Am Ende waren alle begeis­tert.

Zeybek ist mit seinen Leuten in der Ali Sami Yen Sokak ver­ab­redet, unweit des alten Sta­dions. Wo früher der Rasen war, ent­steht gerade ein modernes Hoch­haus. Trotzdem treffen sie sich immer noch hier, denn der Platz ist ein Stück Heimat. Die Gerüche, die Buden, die Men­schen – alles ver­bindet sich zu einem Gefühl, dass sich da hinter der nächsten Ecke die Tri­bünen erheben. Dort, wo ihre Väter standen, als Gala­ta­saray gegen Real Madrid oder den AC Mai­land gewonnen hat. Sogar die Köf­te­ver­käufer mit ihren mobilen Ser­vier­wagen schwirren noch herum oder die Männer, die Schnaps trinken, sich am Feuer wärmen und klat­schen, weil ein Vio­li­nist, der sich in den Kreis der Gruppe stellt, eine bekannte Melodie spielt.

Nor­ma­ler­weise ver­sam­meln sich vor den Spielen meh­rere tau­send Fans. Heute sind es viel­leicht 400, denn es regnet immer noch. Sie singen: Rennt doch zu den Bullen!“, und spielen damit auf einen Vor­fall vor einigen Jahren an, als Gala­ta­saray-Fans ihre Rivalen von Bes­iktas durch die Stadt trieben und diese bei der Polizei Schutz suchten.

Plötz­lich bekommt Zeybek eine SMS: Drogba! Es ist fix!“, ruft er, und der Vio­li­nen­mann spielt noch ein biss­chen schneller als eben. Dann ruft er noch einmal: Drogba!“

Was für Geschäfte? Geschäfte halt.“

Nur wann kommt Oguz Altay? Weißt du“, sagt Zeybek. Mr. Oguz Altay ist ein bedeu­tender Mann. Er ist viel­be­schäf­tigt.“ Und Rafet Karanfil, der Chef der UltrAslan“-Unigruppe in Istanbul, sagt: Er ist Mil­lionär. Seine Lieb­lings­au­to­marke ist Mer­cedes.“ Womit ver­dient er über­haupt sein Geld? Er ist Geschäfts­mann.“ Was für Geschäfte? Geschäfte halt.“

Vor zwölf Jahren haben die Köpfe der UltrAslan“ beschlossen, keine Gewalt mehr gegen geg­ne­ri­sche Fans aus­zu­üben. Männer wie Oguz Altay oder der andere UltrAslan“-Kopf Seba­hattin Sirin begruben mit den Chefs der Bes­iktas- und Fener­bahce-Gruppen das Kriegs­beil. Kurz zuvor waren beim UEFA-Cup-Spiel gegen Leeds United zwei eng­li­sche Fans von Gala­ta­saray-Anhän­gern abge­sto­chen worden. Die Leeds-Sup­porter hatten die tür­ki­sche Flagge ent­ehrt, sagen die Gala­ta­saray-Fans. Die Gala­ta­saray-Fans sind wahn­sinnig, sagen die Leeds-Anhänger. Die Täter gingen ins Gefängnis, manche sitzen immer noch.

Seitdem ist die Zeit der großen Kämpfe vorbei, sagen sie. Es gehe bei UltrAslan“ nur noch um die bedin­gungs­lose Unter­stüt­zung, um laute Chants und bom­bas­ti­sche Cho­reos. Nie­mand will mehr das Risiko von Platz­sperren oder Ladies Nights“ ein­gehen. Die Sorge ist zu groß, dadurch Punkte und den Anschluss an die Kon­tra­henten Fener­bahce oder Bes­iktas zu ver­lieren. Alles für Gala­ta­saray!“, sagt Zeybek. Und das ist wört­lich zu ver­stehen, denn vor einiger Zeit ver­machten die UltrAslan“ für drei Jahre sogar ihren Namen dem Klub, damit dieser mit dem Schriftzug Mer­chan­dise ver­kaufen konnte. Drei Mil­lionen Euro soll das in die Ver­eins­kassen gespült haben.

Wir waren fünf gegen 150!“

Die Gewalt ist den­noch nicht ver­schwunden. Es starben auch nach dem Jahr 2000 Men­schen bei Fuß­ball­spielen in der Türkei, 2004 erstach ein Bes­iktas-Fan einen anderen Bes­iktas-Anhänger, weil dieser ihn ange­rem­pelt hatte. 2010 über­lebten drei Burs­aspor-Fans bei einem Spiel gegen Bes­iktas knapp eine Mes­ser­at­tacke. Zum Prü­geln trifft man sich heute bei anderen Sport­arten. Zuletzt kam es im Dezember 2012 zu Aus­schrei­tungen beim Roll­stuhl-Bas­ket­ball. Es fing an mit Schmäh­ge­sängen, danach flogen Fäuste und Roll­stühle. Wer hatte Schuld? Die anderen natür­lich. Auf dem Weg zum Sta­dion erzählt Veysel Üsen, einer der Betei­ligten, vom Kampf in der Halle: Die Bes­iktas-Fans tauchten unan­ge­meldet auf. Wir waren fünf gegen 150!“ Er saß wegen der Sache ein paar Tage in U‑Haft. Das Ver­fahren ist schwe­bend, Üsen hofft auf seine Anwälte. Dann sagt er: Ich würde es wieder machen.“