Bekannt­lich geschehen manchmal in Fuß­ball­sta­dien Dinge, die nicht schöner ver­filmt werden können. Erin­nern wir uns nur an die nicht zu über­tref­fende Dra­ma­turgie der WM-Begeg­nung Deutsch­land gegen Polen vor drei Jahren. Wel­cher Regis­seur wollte sich anmaßen, einen effi­zi­en­teren Span­nungs­bogen schlagen zu können? 



Ebenso wie sich die deut­schen Fans noch an jenen wun­der­samen Fuß­ball­abend erin­nern, wird bei den Fans von Rapid Wien der ein­drucks­volle 3:0‑Sieg gegen den Ham­burger SV eine Weile prä­sent bleiben – alleine wegen des kleinen Cor­doba-Gefühls“, dass dieser Europa-League-Auf­takt bei den Grün­weißen aus der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt hin­ter­lassen haben muss. Wahr­schein­lich setzt sich jedoch fol­gende, ver­meint­lich mar­gi­nale Syn­chro­nität der Ereig­nisse nach­hal­tiger als das nackte Resultat in den Köpfen der Wiener Anhän­ger­schaft fest.

Wenn Tra­di­tion und Tri­umph ver­schmelzen

Nach genau 75 Minuten fing die Rapid-Kurve, wie gewohnt, an zu klat­schen. Eine kurios anmu­tende Ver­hal­tens­weise für all jene, die nicht in die Wiener Fan­kultur ein­ge­weiht sind. Ein uralter Ritus für alle Fans des mehr als 100 Jahre alten Klubs. Kaum war die legen­däre Rapid-Vier­tel­stunde“ per kol­lek­tivem Hand­schlag begrüßt, schlug der rhyth­mi­sche Bei­fall auch schon in chao­tisch-eksta­ti­schen Jubel um. Rapids Ein­wech­sel­spieler Chris­to­pher Drazan hatte das 3:0 erzielt. Tra­di­tion und Tri­umph ver­schmolzen zu einem zig­tau­send­fa­chen Schrei der Ver­zü­ckung. 

Die Rapid-Vier­tel­stunde soll die Stim­mung für die letzten Minuten noch einmal richtig auf­schau­keln“, erklärt uns Jakob Rosen­berg, Rapid-Fan und Redak­teur beim Wiener Fuß­ball­ma­gazin bal­les­terer. Dass ges­tern genau dann das 3:0 fiel, war natür­lich genial. Es wurde bis zum Schluss­pfiff durch­ge­sungen!“ Dass die cha­rak­te­ris­ti­sche akus­ti­sche Unter­stüt­zung einen mess­baren Effekt auf das Geschehen auf dem Rasen hat, will der regel­mä­ßige Sta­di­ongänger nicht defi­nitiv bestä­tigen. Man mys­ti­fi­ziert das gerne. Die Rapid-Vier­tel­stunde hat aber defi­nitiv einen Ein­fluss. Sie zeigt den Spie­lern an, dass sie jetzt noch einmal richtig rein­hauen müssen.“ 

Wann genau die Tra­di­tion begründet wurde, ist unklar und auch letzt­lich unwichtig. Angeb­lich soll bei Rapid bereits um 1910 regel­mäßig in der 75. Minute geklatscht worden sein. Damit wäre die Rapid-Vier­tel­stunde fast so alt wie der 1899 gegrün­dete Verein. In den zwan­ziger Jahren bogen die kon­di­ti­ons­starken Rapidler in schöner Regel­mä­ßig­keit Spiele in den letzten Minuten um.

Dra­ma­ti­sche Derbys

Im Heim­spiel gegen den Stadt­ri­valen Wiener AC im Jahre 1921 lag Rapid zur Halb­zeit mit 1:5 hinten. Nach 75 Minuten lau­tete der Spiel­stand immerhin noch 3:5. Eine Rapid-Vier­tel­stunde später standen 7 Treffer auf der Seite der Gast­geber und nach wie vor 5 bei den Gästen auf der Anzei­ge­tafel. 

Heute sind solche Spiele nicht mehr wirk­lich bekannt“, meint Jakob Rosen­berg. Die Klub­ver­ant­wort­li­chen bedienen sich jedoch der Ver­gan­gen­heit, um dem kampf­starken Arbei­ter­verein“ aus Wien-Hüt­tel­dorf gegen­über den Neu­rei­chen aus Salz­burg zu posi­tio­nieren. Kampf und Lei­den­schaft, die den Erfolg erzwingen, statt Spon­so­ren­mil­lionen, die sel­bigen ein­kaufen. Ein Kon­zept, das ver­fängt.

Dazu passt die stimm­ge­wal­tige, aber nur knapp 20.000 Zuschauer fas­sende Heim­statt von Rapid, das geschichts­träch­tige Ger­hard-Hanappi-Sta­dion, benannt nach dem WM-Dritten von 1954, der meh­rere hun­dert Male im grün­weißen Trikot auf dem Platz stand. Die Zuschau­er­ränge sind direkt ans Spiel­feld gebaut, West- und Ost­tri­büne ver­fallen schon mal in laut­starke Wech­sel­ge­sänge.

Per Abo ins Sankt Hanappi“

Für die Duelle gegen die grö­ßeren und klei­neren Namen Europas zieht Rapid aller­dings ins Ernst-Happel-Sta­dion mit der unge­liebten Tar­tan­bahn um. Ich war zuge­ge­be­ner­maßen vor dem Spiel gegen den HSV skep­tisch“, sagt Jakob Rosen­berg. Aber die Stim­mung war auch im Happel-Sta­dion her­vor­ra­gend.“ Den­noch würden viele Fans wohl lieber auch die inter­na­tio­nalen Spiele im Heim­sta­dion aus­tragen. 

Sankt Hanappi“, die Rapid-Kult­stätte, ist mitt­ler­weile aber zu klein für den wach­senden Anhang. Bei 11.000 Dau­er­karten zog der Verein vor der Saison die Not­bremse und stoppte den Ver­kauf. Ein paar tau­send Tickets pro Partie sollten immerhin auch frei erhält­lich sein. Auf der West“, im harten Kern des Rapid-Sup­ports, stehen ohnehin aus­schließ­lich Abo-Besitzer“, wie die Dau­er­kar­ten­in­haber in Öster­reich genannt werden. 

Rapid im Euro­pa­pokal – ange­staubter Glanz. 1985 und 1996 erreichten die Hüt­tel­dorfer das End­spiel des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger. Große Duelle mit Dynamo Dresden, Celtic Glasgow, Dynamo Moskau und Feye­noord Rot­terdam haben sich in das kol­lek­tive Gedächtnis der Wiener ein­ge­mei­ßelt. In den letzten Jahren bestä­tigten sich immer öfter die Unken­rufe der Ewig­zwei­felnden. 2005 qua­li­fi­zierte sich Rapid für die Grup­pen­phase der Cham­pions League – und schied mit sechs Nie­der­lagen in sechs Spielen ohne Chance aus. In der ver­gan­genen Saison ver­ab­schie­deten sich die Jungs vom SCR gegen den zyprio­ti­schen Ver­treter Fama­gusta bereits in der Qua­li­fi­ka­tion. 

Beherzter Marsch durch Europa

In diesem Jahr arbei­tete man sich dagegen erfolg­reich durch die Vor­runden der Europa League und schal­tete mit Aston Villa bereits einen großen Namen aus. Dazu der 3:0‑Auftaktsieg gegen den HSV – die Rapidler mar­schieren bis­lang beherzt durchs Teil­neh­mer­feld. Neben den Ham­bur­gern ist Celtic Glasgow der größte Kon­kur­rent um das Fort­kommen in der Gruppe C.

Eben­jene Mann­schaft, die vor 25 Jahren in drei dra­ma­ti­schen Spielen nie­der­ge­rungen wurde. Beim Wie­der­ho­lungs­rück­spiel im Dezember 1984, das im Old Traf­ford“ in Man­chester statt­fand, erzielte Peter Pacult das Siegtor. Viel­leicht jubelt Pacult bald wieder. Er ist der­zeit Rapids Trainer.

Die Rapid-Fans bewahren sich bei aller Euphorie ein gehö­riges Maß an Skepsis: Erwarten kann man nichts“, fasst Jakob Rosen­berg tref­fend zusammen. Und Hoffen kostet nichts.“ 

Klat­schen auch nicht. Und die schönsten Siege sind ohnehin die gänz­lich Uner­war­teten.