Wie trainiert man eine Gefängnismannschaft?

»Diese Spieler schauen nie zurück«

ber die Jahre hat Mewes in jeden menschlichen Abgrund geblickt: Angreifer Keva, der mit einer abgesägten Schrotflinte einen Schuldner in einer Bar wegen 16.000 Mark erschoss. Verteidiger Buri, nigerianischer Kindersoldat, der seine ganze Familie exekutiert hatte. Der solide Libero Jan, Sexualstraftäter, der von Mithäftlingen auf bestialische Weise mit dem Kartoffelschälmesser malträtiert wurde.

Mewes weiß, dass so ein Team nur funktionieren kann, wenn der Großteil der Spieler hinter dem Trainer steht. »Die Balance zwischen Distanz und Nähe«, so der Trainer, »ist ein zentrales Thema meiner Arbeit.«


Bild: Tobias Kappel

Für ihn ist klar: In Dinge, die abseits der Trainingszeiten oder des Spiels zwischen den Insassen ablaufen, mischt er sich nicht ein. Er gibt sich keinen Illusionen hin, dass er seine Spieler bekehren könnte. Fast alle kehren nach der Haftentlassung ins alte Milieu zurück.

»Für sie zählt nicht das Vergangene«

Der Coach weiß, dass Fußball keinen Intensivstraftäter hindert, rückfällig zu werden. Er weiß aber auch, dass für viele Häftlinge Fußball eine Chance ist, dem Trauma ihrer Tat, der Verurteilung und Haft für Momente zu entfliehen.

»Diese Spieler schauen nie zurück, die können auch die Opfersituation ausblenden«, erklärt Mewes, »denn sie haben ihre Strafe bekommen. Für sie zählt nicht das Vergangene, sondern nur noch das, was kommt.« Mit entsprechender Chuzpe präsentieren sie sich auf dem Grandplatz. Zahllose – ideelle – Meistertitel hat Eintracht schon gewonnen.


Bild: Tobias Kappel

Mit seinen Kontakten im Hamburger Fußball vermittelt er manch talentierten Spieler nach der Entlassung zu einem Verein. Aktuell beobachtet die U23 des Hamburger SV einen von Mewes’ Jungs, der demnächst in den offenen Vollzug kommt. Über dessen Vergehen hat der Coach die Scouts informiert. Die wissen, dass es eine besondere soziale Herausforderung ist, diesen Kicker zu holen.

Das Talent hat der Junge, ob er auch die Willenskraft besitzt, sich von alten Freunden und Gepflogenheiten fernzuhalten, muss sich erst zeigen.

Im Mai 2015 kam der Zwei-Meter-Vorstopper Musa in den offenen Vollzug. Mewes bot dem Twen aus Niger an, ihn bei der Klubsuche zu unterstützen. Doch kaum war er auf freiem Fuß, hörte der Coach nichts mehr von ihm. 26 Tage nach der Entlassung wurde Musa erschossen, als er gewaltsam in ein Haus einbrach.

----
Dieser Text ist eine gekürzte Version der Reportage »Am Tor zur Unterwelt«. Die Langfassung lest ihr in 11FREUNDE #169. Jetzt am Kiosk, im Shop oder im App-Store.