Da ich mich berufs­be­dingt jeden ver­dammten Tag mit Fuß­ball aus­ein­an­der­setzen darf, konnte meine Frau mir das Ver­spre­chen abringen, dass das Thema wenigs­tens in unserem Som­mer­ur­laub Pause haben würde. Kein Pro­blem, dachte ich mir vor dem Abflug. Da kein großes Tur­nier anlag und mich die Gerüchte und Halb­wahr­heiten rund um den som­mer­li­chen Trans­fer­markt ohnehin bes­ten­falls peri­pher tan­gieren, blickte ich ent­spannt auf vier Wochen Ruhe, Ent­span­nung, Kopf­rei­ni­gung. Dass wir uns als Rei­se­ziel die USA aus­ge­sucht hatten, ver­ein­fachte die Auf­gabe unge­mein, denn im Land der unbe­grenzten Mög­lich­keiten ruhte der Fuß­ball eben­falls – auch wenn mich wirk­lich inter­es­siert hätte, wie es ist, Fuß­ball in Nord-Ame­rika zu schauen.

In den USA ange­kommen, zeigte sich jedoch sehr schnell, warum ich die Frau meines Her­zens der­maßen ver­ehre. Sie ahnte wohl schon, dass ich bei totalem Sport­entzug nicht lange durch­halten würde, ohne unge­müt­lich zu werden. Also hatte Sie Karten für ein Live-Sport­er­eignis orga­ni­siert. Base­ball in Seattle. Es ist nicht aus­zu­schließen, dass sie da bereits ein­kal­ku­lierte, dass mich dieses Erlebnis nach­haltig erschüt­tern würde. Denn ohne zu unter­treiben kann ich hiermit ein für alle mal fest­halten, dass Base­ball der unsin­nigste und lang­wei­ligste Sport der Welt ist. Nicht nur, dass die Sportler selbst eher an den ört­li­chen Metzger statt an aus­trai­nierte Ath­leten erin­nern, selbst bei knall­harter Kon­zen­tra­tion erschließt sich einem der Sinn und Unsinn des Regel­werks nicht.

Knut­schen auf der Groß­bild­lein­wand

Doch das Spiel scheint die Zuschauer sowieso nur neben­säch­lich in Sta­dion zu locken. Statt zu singen oder mit­zu­fie­bern, essen, trinken, quat­schen sie und warten eigent­lich nur auf die unzählig vielen Spiel­pausen, in denen sie sich auf HD-Groß­bild­lein­wänden gegen­seitig beim Tanzen und Knut­schen zusehen. Ich trank wäh­rend des Spiels zwei Lite-Beer im Wert von jeweils zwölf Euro und aß einen Hotdog, dessen Wurst nach ver­brannten Auto­reifen schmeckte. Immerhin kos­tete auch dieses kuli­na­ri­sche Ver­bre­chen zehn Euro. Es war auf eine ganz per­verse Art span­nend. Aber es war eben auch ein Desaster. Unter diesem Ein­druck fiel es mir in den kom­menden Wochen nicht schwer, auf Sport zu ver­zichten. Ich war offenbar geheilt.

Doch dann kam San Fran­cisco. Dann kam freies WLAN im Hotel. Und dann über­rollte es mich. Ich erwischte mich, wie ich heim­lich auf die Toi­lette schlich, um Fuß­ball­nach­richten aus der Heimat zu che­cken. Ich löcherte meine Kum­pels mit ner­vigen Fragen zu den neu­esten Ent­wick­lungen aus der Heimat und tarnte das alles als Recherche für die kom­mende Rei­se­route“. Ohne, dass ich es wollte, war ich mit dem Kopf nur noch halb im Urlaub.

Eines Nachts war­tete ich gar bis meine Frau ein­ge­schlafen war, um meine Sucht nach Fuß­ball­nach­richten zu befrie­digen, als plötz­lich auf dem Bild­schirm die Nach­richt Kevin-Prince Boateng bereits auf Schalke“ erschien. Mein Herz blieb stehen. Mein Mund wurde tro­cken. Ich sah kleine Sterne. Hatte ich richtig gelesen? Kevin Prince Boateng? Bei meinem Klub? Ein­fach so. Ich las weiter, fand Bestä­ti­gung und sagte: Wie geil ist das denn?“ Leider sagte ich das etwas zu laut, denn meine Frau wachte auf und mur­melte: Ist was pas­siert?“ Ich tat teil­nahmslos und imi­tierte ein schlaf­trun­kenes Mur­mel­tier: Bidde, ich hab schon geschlafen?“ Ich log für den Fuß­ball. Ich war wieder ganz unten ange­kommen.

Ein Her­me­lin­pelz voller Koh­len­staub

Fortan war an Schlaf nicht mehr zu denken. Würde der Her­me­lin­pelz­fuß­baller den Malo­cherklub in neue Sphären erheben? Wie sah seine Tor­quote eigent­lich aus? Wie viel Kilo­meter lief er bei Milan? Und was macht eigent­lich das Knie? Ich schrieb meine Freunde an. Was ist dran an der Nach­richt? Brauche alle Hin­ter­gründe? SOS?“

Ich bekam keine Ant­wort und machte mich des­wegen selbst auf die Suche nach belast­baren Fakten. Via Bou­le­vard ließ ich mich minüt­lich über den Stand der medi­zi­ni­schen Unter­su­chungen auf­klären. Ich betete: Bitte Kevin, nur zehn Knie­beugen, dann bist Du end­lich Schalker!“ In diesem Zustand aus Bib­bern, Zit­tern und ungläu­bigem Her­um­ge­klicke ver­gingen Stunden bis dann tat­säch­lich ver­meldet wurde: Boateng ist Schalker!“ Ich jauchzte vor Freude, holte mir zur Feier des Tages einen Soft­drink aus dem Kühl­schrank, ging auf den Balkon und blickte auf den schlichte Schön­heit des nächt­li­chen San Fran­cisco. Ich dachte an Schalke im Meis­ter­rennen. An Schalke im Cham­pions-League-Finale. Den Leit­wolf Boateng, der die Truppe bis an die Spitze führt. Weil er es kann. Weil er unver­wundbar ist. Eine Maschine. Ein Fuß­ball­gott.

Plötz­lich hörte ich wieder eine Stimme hinter mir: Was machst Du hier?“, fragte mein Frau. Ach nichts“, sagte ich. Mir ist nur gerade wieder ein­ge­fallen, wie ver­dammt schön das Leben ist.“ Das klang nach Tief­gang. Nach weisen Worten. Nach Gän­se­haut. Nach Hol­ly­wood. Sie sah mich an, ver­drehte die Augen und fragte: Du redest jetzt von diesem Boateng, oder?“ Sie hatte mich erwischt. Sie lächelte. Sie hat es mir ver­ziehen. Und da merkte ich wirk­lich, wie wun­der­schön das Leben eigent­lich ist.