In der 66. Minute hatte Xabi Alonso genug. Der Spa­nier schoss aus der eigenen Hälfte auf das Tor von Rui Patricio. Dabei rutschte ihm der Ball über den Spann und lan­dete weit neben dem linken Pfosten. Die Mann­schaften spielten bis dahin das, für was sie genormt wurden: Maschi­nen­fuß­ball, der darauf aus­ge­richtet, den Gegner matt zu setzen. Allein, er hatte beide Teams mehr oder weniger patt gesetzt. Zu diesem Zeit­punkt führte Spa­nien mit 1:0 – nach Tor­schüssen.

Seit Jahren sind Trainer, Spiel­ana­ly­tiker, Medi­en­coa­ches oder Sport-Psy­cho­logen auf der Suche nach dem per­fekten Spiel. Dazu gehen sie in Höhen­kam­mern, Life-Kinetik-Zen­tren oder arbeiten mit Psy­cho­tests. Als Ralf Rang­nick den Sinn einer Ver­wis­sen­schaft­li­chung des Fuß­balls mal im Sport­studio erklären wollte, wurde er aus­ge­lacht. Das per­fekte Spiel: Wie sollte es das funk­tio­nieren? Fuß­ball, der Sport an sich, beruhe schließ­lich auf dem Prinzip des Zufalls. Rang­nick rela­ti­vierte mal in einem Inter­view mit 11FREUNDE: Man kann die Fehler auf ein Minimum redu­zieren – darauf kommt es an.“

Keine Fehler – und keine Über­ra­schungen

Bei dieser EM haben wir sogar ein paar Mal das totale Zunich­tema­chens des Feh­lers gesehen. Der Fran­zose Alou Diarra spielte etwa gegen Eng­land 37 Pässe – und 37 kamen an. Por­tu­gals Raul Mei­reles erreichte diesen Wert gegen die Nie­der­lande. Andres Iniesta schaffte im Spiel gegen Irland eine Pass­quote von 95 Pro­zent, Sergio Ramos liegt regel­mäßig im Bereich zwi­schen 90 und 100. Eigent­lich dürfte also die Zeit vorbei sein, da man sich als Fuß­ballfan auf den Rängen über Quer­schläger, Mond­bälle oder eben Schüsse aus 60 Metern auf­regt, die zudem noch über den Spann rut­schen. Alles so schön per­fekt hier.

Doch wenn auf beiden Seiten alles funk­tio­niert, dann klappt auf beiden Seiten eben: nichts. Es ist, als würde man zwei exakt iden­ti­sche Renn­wagen mit Auto­pi­loten mit exakt der­selben Geschwin­dig­keit eine freie Strecke ent­lang­jagen. Und im Gegen­satz zu sagen wir mal einem Ten­nis­match zwi­schen Rafael Nadal und Roger Federer, wo sich der Zuschauer immerhin an der Geschwin­dig­keit der Vor­hand- und der jewei­ligen Return­peit­schen ergötzen kann, kommt im Fuß­ball etwas heraus, für das der Repor­ter­sprech das Attribut intensiv“ benutzt. Das soll manchmal Span­nung, oft aber tak­ti­sche Finesse sug­ge­rieren. Und das gut zu finden, ist dieser Tage ziem­lich en vogue. Nur wird sich jemand in zehn Jahren an dieses Spiel erin­nern? In fünf Jahren? In einem Jahr? Nächste Woche? Weißt du noch damals, als Sergio Ramos gegen Cris­tiano Ronaldo an der Außen­linie klärte.

Am Mitt­woch­abend zeigten Por­tugal und Spa­nien, was intensiv“ über­setzt tat­säch­lich bedeutet, näm­lich: Beam­ten­fuß­ball. Alle Spiel­züge wurden schon einmal erprobt, dann abge­heftet und nun in den pas­senden Situa­tionen wieder her­vor­ge­holt. David Silva nie über Außen, son­dern stets durch die Mitte – Miguel Veloso mit der Grät­sche. Andres Iniesta auf Jordi Alba, Jordi Alba auf Andres Iniesta – Joao Mou­t­inho und Raul Mei­reles mit dem Block. Das große Wie­der­sehen auf dem nach Akten­ordner müf­felnden Amt. Zumal sich die meisten Anwe­senden diese Saison schon viermal begegnet sind – in Madrid oder Bar­ce­lona. Wäh­rend also Cris­tiano Ronaldo mit seinen drei, vier Über­stei­gern manche Ver­tei­diger wie Comic­fi­guren aus­sehen lässt, bleibt sein ewiger Gegen­spieler Gerard Pique ein­fach stehen.

Die Suche nach dem Schuss

Sicher, in einem EM-Halb­fi­nale erwartet nie­mand ein offenes Visier, doch viel­leicht ein biss­chen Krea­ti­vität, des Spie­lers Sehn­sucht nach dem Über­ra­schungs­mo­ment. Selten hat das ver­meint­lich per­fekte Spiel das schöne Spiel so sehr zer­stört. Sie hatten sich neu­tra­li­siert, zum Erschöpfen gekurz­passt, sie hatten wieder ihre 85, 90, 95 Pro­zent Pass­quoten erreicht, all das hatte zu nichts geführt. Sie liefen sich fest, und dann hielt Xabi Alonso nach über einer Stunde ein­fach mal drauf. Es wirkte wie die Suche nach dem Zufall. Die Suche nach dem Schuss.

Erst in der Ver­län­ge­rung fanden die Spa­nier diesen wieder. Doch Iniestas Chance ver­ei­telte Patricio und Ramos Frei­stoß zog knapp über das Tor. Und dann kam das Elf­me­ter­schießen. Lukas Podolski soll mal gesagt haben: Fuß­ball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ Por­tugal gegen Spa­nien war wie Schach – mit Würfel.