Timo Geb­hart, diese Woche star­tete die Cham­pions League in die neue Saison. Hat Sie das weh­mütig gemacht?

Timo Geb­hart: Ein biss­chen. Noch vor zwei Jahren spielten wir ja selbst gegen die Glasgow Ran­gers oder den FC Bar­ce­lona. Doch die letzte Saison lief eben nicht so gut, wie wir uns das vor­ge­stellt hatten. Wir sind zu Recht nicht dabei, wenn­gleich wir natür­lich gerne jedes Jahr inter­na­tional spielen würden.

Haben Sie denn Ihren Ex-Kol­legen aus den Jugend­na­tio­nal­mann­schaften die Daumen gedrückt?

Timo Geb­hart: Am Dienstag spielten meine beiden Kum­pels aus 1860-Tagen: Lars und Sven Bender. Zu denen habe ich immer noch guten Kon­takt, wir tele­fo­nieren oder mailen häufig – und klar, den Jungs habe ich die Daumen gedrückt. Zumin­dest der BVB hätte einen Sieg ver­dient gehabt.

Sie ver­letzten sich im Herbst 2010 am Sprung­ge­lenk so stark, dass Sie über die gesamte Saison nicht mehr richtig in Tritt kamen. Schließ­lich wurden Sie ope­riert. Haben Sie eigent­lich die Sorge, dass die Kar­riere im schlimmsten Fall vorbei sein könnte? Macht man sich über so etwas Gedanken?

Timo Geb­hart: Über­haupt nicht. Das blende ich aus.

Dabei hat man als Rekon­va­les­zent doch viel Zeit zum Nach­denken.

Timo Geb­hart: Gerade die Anfangs­zeit war bitter, die ersten zwei Monate. Da schuf­tete ich täg­lich alleine mit unserem Kon­di­ti­ons­trainer Christos Papado­poulos. Schlimm sind auch Momente, wenn die Mann­schaft zu einem Aus­wärts­spiel fährt, und du wieder in den Kraft­raum oder auf den Ergo­meter musst. Doch letzt­end­lich wusste ich, dass ich zurück­komme. Es han­delte sich schließ­lich um eine Sprung­ge­lenks­ver­let­zung und nicht um einen irrepa­ra­blen Knor­pel­schaden. 

Sie sagten mal: Jeder weiß, wie sehr ich leide, wenn ich nicht spiele.“ Wie drückte sich das im letzten Jahr aus?

Timo Geb­hart: Es war beson­ders krass, weil wir hinten drin standen und ich nur zusehen konnte. So viel stand damals auf dem Spiel und viele Leute hätten bei einem Abstieg viel­leicht ihren Job ver­lieren können. Damals war ich nur bei den Heim­spielen im Sta­dion. Häufig hätte ich mir dann am liebsten sofort ein Trikot über­ge­streift und wäre aufs Spiel­feld gerannt. Zum Glück haben wir einen Trainer und eine medi­zi­ni­sche Abtei­lung, die die Gesund­heit der Spieler im Blick haben. Sonst würde ich eines Tages noch mit einem gebro­chenen Fuß spielen. (lacht)

Sagt Ihnen der Name Terry But­cher etwas?

Timo Geb­hart: Nein.

Ein eng­li­scher Natio­nal­spieler, der einmal mit klaf­fender Wunde im Kopf wei­ter­ge­spielt hat.

Timo Geb­hart: Sie spielen auf meine Fleisch­wunde im Spiel gegen den 1. FC Nürn­berg an (Sep­tember 2010, d. Red.). Die war auch voller Blut, und ich bin erst 40 Minuten nach dem Vor­fall runter. Doch ich bin der Mei­nung, dass man nicht immer gleich auf­schreien sollte. Ich beisse jeden­falls lieber auf die Zähne. 

Woher rührt diese Ein­stel­lung?

Timo Geb­hart: Viel­leicht von Stefan Effen­berg.

Ihr großes Idol?

Timo Geb­hart: Ach, im Kin­des­alter wech­selt man ja seine Vor­bilder und Helden wie Unter­hosen. Effen­berg hat sich aller­dings erstaun­lich lange gehalten. Danach fand ich lange Zeit Mehmet Scholl ziem­lich gut. Ein wen­diger, trick­rei­cher Spiel­ge­stalter – so wollte ich auch sein.

Wie würden Sie Ihre Posi­tion heute denn bezeichnen? Spiel­ge­stalter, Regis­seur, Offensiv-All­rounder?

Timo Geb­hart: Ich kann offensiv alle Posi­tionen spielen. Doch natür­lich habe ich wie jeder Spieler eine Lieb­lings­po­si­tion.

Welche?

Timo Geb­hart: Meine ist die Zehn, hinter den Spitzen.

Nach der Ver­let­zungs­pause wurden Sie ver­gan­genes Wochen­ende gegen Han­nover 96 erst­mals wieder ein­ge­wech­selt. Mit Ihrem ersten Ball­kon­takt lei­teten Sie das Tor zum 2:0 ein. Ein mehr als gelun­genes Come­back.

Timo Geb­hart: Das war sen­sa­tio­nell. Schon wie mich die Fans emp­fangen haben. Gän­se­haut! 

Dabei sagen Sie selbst, viele Leute hätten ein eher nega­tives Bild von Ihnen. Sie wurden als Egoist und dis­zi­plinlos bezeichnet. Wie kam es dazu?

Timo Geb­hart: Das ist Ver­gan­gen­heit! Ich habe tat­säch­lich den einen oder anderen Fehler gemacht, doch aus denen habe ich gelernt. Heute arbeite ich pro­fes­sio­neller.

Welche Fehler waren das? Wort­ge­fechte mit eta­blierten Spie­lern, ein zu dickes Auto, Eigen­sinn im Spiel?

Timo Geb­hart: Wie gesagt: ich habe ein paar Fehler gemacht, aber die machen andere uner­fah­rene und junge Spieler auch. Bei mir bezieht sich das zum Bei­spiel darauf, dass ich früher wenig darauf geachtet habe, wie ich mich richtig ernähre. Oder darauf, dass ich früher bei tak­ti­schen Bespre­chungen nicht immer ganz anwe­send war. 

Sie hatten keine Dis­zi­plin?

Timo Geb­hart: Früher dachte ich manchmal: Du bist mit Talent gesegnet und hast eine gute Technik – das reicht doch. Tat­säch­lich reicht das nicht. Du musst arbeiten. Jeden Tag.

Hat Bruno Lab­badia Ihnen dieses Credo mit auf den Weg gegeben?

Timo Geb­hart: Er hat einen großen Anteil daran, dass Ruhe und Ord­nung in der Mann­schaft ein­ge­kehrt sind. Und ja, viel­leicht habe auch ich noch besser ver­standen, wieso Dis­zi­plin in einem Team­sport wichtig ist.

Bevor Sie zum VfB Stutt­gart wech­selten, hatten Sie Anfragen von ver­schie­denen Bun­des­li­gisten vor­liegen. Der dama­lige Bayern-Nach­wuchs­ko­or­di­nator sagte später: Da ist uns ein großes Talent durch die Lappen gegangen.“ Wieso ent­schieden Sie sich eigent­lich für den VfB?

Timo Geb­hart: Der Klub gab mir die beste Per­spek­tive und liegt nahe bei meiner Heimat Mem­mingen. Zudem ist der VfB Stutt­gart ein­fach ein cooler Verein. Und wie sich zeigt, war die Ent­schei­dung richtig. Ich war bis zu meiner Ver­let­zung Stamm­spieler…

…und trotz Ihrer jungen Jahre sind Sie bereits so etwas wie ein Füh­rungs­spieler. Im Februar dieses Jahres gewann der VfB Stutt­gart bei Borussia Mön­chen­glad­bach. Sie ver­wan­delten beim Stand von 2:2 einen Elf­meter zum Siegtor.

Timo Geb­hart: Ich würde lügen, wenn ich sagte: Das war ganz easy. Es stimmt auch nicht, dass man alles um sich herum aus­blenden kann, die Zuschauer, den Lärm, die Gegen­spieler, die Lichter. Auch nicht die Gedanken um die brenz­lige Situa­tion. Der VfB stand damals mit einem Bein in der zweiten Liga. Das war eine rich­tige Anspan­nung! Dieses Mal mit einem glück­li­chen Ende für uns.

Aktuell steht der VfB auf dem 10. Platz, zwei Siegen stehen zwei Nie­der­lagen gegen­über. Am Freitag geht es gegen den SC Frei­burg. Ist dieses Spiel ein Wei­chen­steller für die Saison?

Timo Geb­hart: Das werden wir sehen – doch letzt­end­lich ist das egal, wir wollen eh jedes Spiel gewinnen. Und doch tun wir gut daran, diese Saison keine Ziele aus­zu­geben.

Artur Boka nahm die Cham­pions League in den Mund.

Timo Geb­hart: Wie zu Beginn erwähnt: Der inter­na­tio­nale Wett­be­werb ist für alle inter­es­sant. Ob es diese Saison klappt, steht dahin.

Das klingt nach einer Über­gangs­saison. Ist der VfB der rich­tige Verein für einen Spieler, der mit­tel­fristig in der Natio­nal­mann­schaft spielen will?

Timo Geb­hart: Natür­lich träume ich von der Natio­nal­mann­schaft, wel­cher Fuß­ball­profi tut das nicht? Aber ich habe momentan andere Dinge im Kopf, als mich mit der Natio­nalelf zu beschäf­tigen oder mich zu fragen, ob ich dau­er­haft inter­na­tional spielen muss. Jetzt will ich über­haupt mal wieder spielen und ich mit dem VfB eine gute Plat­zie­rung errei­chen. 

Was bedeutet Ihnen eigent­lich Glauben?

Timo Geb­hart: Ich bin nicht beson­ders gläubig.

Sie haben auf der Brust ein Tattoo, das ein Kreuz zeigt.

Timo Geb­hart: Ich fand das Motiv ein­fach schön. Meiner Mutter hat es aller­dings nicht gefallen. Ich ver­sprach ihr damals, dass ich mir kein wei­teres ste­chen lasse. Aller­dings hielt ich mich nicht dran. Mitt­ler­weile habe ich eine Täto­wie­rung auf dem linken Oberarm. Als sie das sah, rollte sie nur die Augen. Aber ich bin ja dadurch kein Son­der­ling. Gucken Sie sich in der Liga um. Was in den acht­ziger Jahren die Ober­lip­pen­bärte waren, sind heute Täto­wie­rungen.