Wie Luka Modric zum Weltfußballer wurde

Wie Modric als Flüchtling das Fußballspielen lernte

In Russland hatten die Fans das trotz des lauten Jubels nie vergessen. Als er im ersten Spiel gegen Nigeria per Elfmeter zum 2:0 traf, verweigerten einige Anhänger im Stadion von Kaliningrad den Torjubel und hielten T-Shirts mit einem durchgestrichenen Konterfei von Modric hoch. An der Fassade des Hotels in der kroatischen Küstenstadt Zadar, in dem er mit seiner Familie während des Bürgerkriegs Unterschlupf gefunden hatte, wehte ein Bettlaken im Wind, auf dem stand: »Luka, an diesen Tag wirst du dich noch erinnern.« Als ein Journalist ihn in einer Pressekonferenz auf Mamic ansprach, kanzelte Modric ihn sofort ab. »Da haben Sie aber lange recherchiert«, sagte er. »Das hier ist eine WM, und nur darum geht es.« Die Fans versöhnten solche Reaktionen nicht.

Im Hotel von Zadar

Dabei ist der Rest von Modrics Geschichte eigentlich wie gemacht, um sich in die Herzen der Anhänger zu spielen. Sie erzählt von einem kleinen Jungen, der Anfang 1992 mit seinen Eltern aus dem Dorf Zaton vor serbischen Milizen geflüchtet war. Der Großvater und sechs weitere Zivilisten wurden dort ermordet. Das Fußballspielen brachte sich Modric in jenem alten Hotel in Zadar, das als Auffanglager diente, selbst bei. Mit anderen Kindern kickte er barfuß im Treppenhaus, im Speisesaal, im zwölf Quadratmeter großen Zimmer, in dem sie zu viert lebten. Jahre später, als Modric schon Fußballprofi in England bei Tottenham war, sagte ein Mitarbeiter dieser Notunterkunft: »Er hatte damals schon einen guten Schuss, er machte mehr Fenster kaputt als alle Bomben.«

In den Neunzigerjahren bewunderte er Zvonimir Boban, den ersten Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft, der ab 1991 für den AC Mailand spielte. Mit Boban kam ein wenig Leichtigkeit und Magie in die schwere Zeit. 1998 hockte der junge Luka vor dem Fernseher, als Kroatien die DFB-Elf mit 3:0 aus der WM schoss und im Halbfinale den Gastgeber und späteren Titelträger Frankreich an den Rand einer Niederlage brachte. In jenem Jahr, Modric war zwölf, will er sich zum ersten Mal gesagt haben, dass er es sein solle, der die kroatische Nationalelf ins Halbfinale einer WM führt.

Stahlbad statt Ballett

Aber eigentlich war er zu schmächtig für den Fußball. Ein »Kind voller Furcht« nannte man ihn auf einer Fußballschule. Mit zehn Jahren fiel er bei einem Probetraining bei Hajduk Split durch, immerhin durfte er beim lokalen NK Zadar mitspielen, bis er den Sprung zu Dinamo Zagreb schaffte. Aber selbst dort blieb man skeptisch, sie verliehen ihn an den bosnischen Klub Zrinjski Mostar und an Inter Zapresic. Dunkles Stahlbad statt weißes Ballett. Er sagte einmal: »Wer dort besteht, kann überall spielen.« Und so kam es: Nationalmannschaft, EM, WM, Premier League, Primera División, Tottenham Hotspur, Real Madrid. Überall dort, wo Modric spielte, war er der Kopf des Teams. Ex-Nationaltrainer Slaven Bilic sagte: »Ich habe die ganze Taktik um Modric gestrickt.« Selbst Cristiano Ronaldo gab zu: »Wir richten uns immer nach Luka.« Er nennt ihn »El Pony«, weil es aussieht, als galop­piere ein Pferd über eine Wiese, wenn Modric mit wehenden Haaren den Ball durchs Mittelfeld führt. Modrics Wechsel zu Real Madrid bedeutete auch das Ende von Mesut Özil. Trainer Carlo Ancelotti glaubte, dass die Mannschaft mit dem Kroaten erfolgreicher spielen würde. Und so kam es: Mit ­Modric gewann Real viermal die Champions League. Doch im Grunde ging es dem Spieler Modric lange wie seiner Nationalmannschaft: Er wurde ein wenig unterschätzt, war ein ewiger Geheimfavorit. Einer, von dem man sagt, dass er die Weltfußballerwahl gewinnen könnte, aber am Ende stehen doch immer nur zwei andere Namen.

Vielleicht weil er in das Narrativ des Fußballs nicht hineinpasst. Weil er einen Übersteiger nur macht, wenn es wirklich sein muss. Auch die Mannschaft, die er bei dieser WM anführte, wie er es einst ersehnt hatte, passte nicht in die Erzählung einer WM. Sie war weder glanzvoller Favorit noch sympathischer Underdog. In der Kabine feierten die Spieler mit Rechtsrock, der Verteidiger Domagoj Vida, der vier Jahre für Dynamo Kiew spielte, rief nach dem Viertelfinalsieg gegen Russland: »Ehre für die Ukraine!«, was, so intoniert, eher wie eine nationalistische Provokation als nach durchdachtem Protest gegen die Ukraine-Politik des Gastgeberlandes klang. Vor dem Finale bellte Torhüter Danijel Subasic, dass er und seine Mitspieler »füreinander sterben würden« und »Eier wie ein Vogel Strauß« haben.