Pisa, Venedig, Ber­gamo. Die Route eines Inter­rail-Rei­senden? Nein. Madrid, Rom, Mai­land. Der Katalog eines Bil­lig­flug­an­bie­ters? Auch nicht. Monaco, Genua, Flo­renz. Die Sta­tionen einer Fuß­ball­kar­riere. Aber hallo! Die Sta­tionen nicht irgend­einer, son­dern Chris­tian »Bobo« Vieris Lauf­bahn. Die ist nun vorbei. Offi­ziell. 



Schnöde beendet mit deut­li­chen Worten: »Ich habe keine Lust mehr zu spielen.« Die ver­ging ihm schon vor einiger Zeit, zu groß die Plagen, die ihm den Winter seiner Lauf­bahn ver­sauten. Ein malader Körper, über­höhte Erwar­tungen und nicht zuletzt ein schlechter Ruf. Dazu der Ver­lust seiner wohl größten Qua­lität: Tore schießen. Mit links, rechts, dem Kopf, mal mit Gefühl, mal mit Gewalt, mit­unter aus der Distanz – einst alles kein Pro­blem für den Stürmer im Körper eines Schwer­ge­wichts­bo­xers. Er traf und traf und traf. Das konnte er lange Jahre so gut wie kaum ein anderer seiner Genera­tion. Tor­schüt­zen­könig in Spa­nien, in Ita­lien, neun Tore in neun WM-Spielen. Nicht schlecht für jemanden, der als linker Ver­tei­diger begann, wegen seiner impo­santen Tor­quoute aller­dings umge­hend in den Sturm geschickt wurde. In Sydney, bei den Mar­coni Stal­lions geschah dies, dort, wo auch sein Vater einige Jahre pro­fes­sio­nell Fuß­ball spielte.

Stürmer im Körper eines Schwer­ge­wichts­boxer

1988, Vieri junior war gerade 15 Jahre alt, kehrte die Famile nach Ita­lien zurück und Chris­tian ging auf Wan­der­schaft. Über den Dorf­klub AC St. Lucia nach Prato und von dort nach Turin, zum AC, zu »Il Toro«, dem »Stier«. Mit 18 das Debüt in der Serie A, noch etwas zu früh für den zurück­ge­kehrten Aus­wan­derer. Es folgen Lehr­jahre in Pisa, Ravenna, Venedig und Ber­gamo. Ein Wechsel pro Jahr. So geht es fröh­lich weiter. Die Namen seiner Arbeit­geber aller­dings werden immer klang­voller: Juventus Turin, Atle­tico Madrid, Lazio Rom. Die ersten Titel schmü­cken seine Vita. U‑21-Euro­pa­meister, Scu­detto mit Juve, Euro­pa­po­kal­sieger mit Lazio. Immer wieder begleiten seine Wechsel böse Worte der Ex-Arbeit­geber, Raff­gier wird ihm vor­ge­worfen, als skru­pellos bezeichnet ihn Lazios dama­liger Prä­si­dent Sergio Crag­notti. Seinem Markt­wert kann das nichts anhaben, die Trans­fers werden immer kost­spie­liger.

1999 geht es für 45 Mil­lionen Euro zu Inter. Nie zuvor hatte ein Spieler mehr Geld gekostet. In Mai­land bricht Vieri mit seiner Regel des all­jähr­li­chen Trans­fers. Seine Gewohn­heit, viele, viele Tore zu schießen, behält er aber bei. Längst sind sie sein Mar­ken­zei­chen. In 143 Spielen für Inter trifft er 103 Mal. Sen­sa­tio­nell. Er wird der zweite Spieler in der Geschichte der Serie A, dem es gelingt, in einer Saison mehr Tore zu erzielen, als Spiele zu bestreiten.

143 Spiele, 103 Tore. Sen­sa­tio­nell.

Doch bei der WM 2002 trifft er in einer ent­schei­denden Situa­tion nicht. Im Ach­tel­fi­nale gegen die gast­ge­benden Süd­ko­reaner knallt Vieri aus fünf Metern frei­ste­hend über das Tor. Es wäre die Ent­schei­dung zugunsten Ita­liens gewesen, das dar­aufhin in die Ver­län­ge­rung muss und unter, nun ja, frag­wür­digen Umständen unter­liegt.

Vieris schlei­chender Abstieg beginnt, sein alternder Körper wider­spricht seiner phy­si­schen Spiel­weise. Es häufen sich Ver­let­zungen, Vieri fällt immer öfter aus, das Knie macht Ärger, Tore bleiben aus. Adriano läuft ihm bei Inter den Rang ab, ver­drängt Vieri auf die Bank oder gar die Tri­büne. Das Ver­hältnis zu Trainer Man­cini und Besitzer Mor­atti ver­schlech­tert sich, sie wollen »Bobo« nicht mehr, meinen, er habe den Zenit über­schritten, sei sein Geld nicht mehr wert. Inter bespit­zelt ihn, erforscht sein Pri­vat­leben. Mit Hilfe der Telecom Italia, das Unter­nehmen hält Aktien an Inter, macht sich der Verein ein Bild von Vieris Lebens­wandel. Er steht im Ruf, seine Frauen wie seine Ver­eine zu wech­seln. Ist aber fürch­ter­lich egal und geht weder Mor­atti noch die Telecom etwas an.

Er wech­selt die Frauen, wie Ver­eine

Im Oktober 2006 reicht Vieri Klage ein und for­dert Scha­den­er­satz. 21 Mil­lionen Euro stehen als Ent­schä­di­gung im Raum. Ein end­gül­tiges Urteil steht noch aus. Als die Abhör-Affäre publik wird, sind Vieri und Inter längst getrennt. Im Sommer 2005 wird der Ver­trag auf­ge­löst. Fürst­lich abge­funden sucht Vieri das Weite und findet das Nahe. Er geht zum Lokal­ri­valen, zum AC Mai­land. Dort ver­sagt er und beginnt acht Spiele sowie ein Tör­chen später eine erneute Tin­gel­tour. Diese führt ihn nach Monaco, Ber­gamo, Flo­renz und abschlie­ßend wieder nach Ber­gamo. Die eigene Ver­gan­gen­heit erdrückt Vieri zuneh­mend, der große Name wird zur Hypo­thek. Stets kommt er als Hoff­nungs­träger, stets geht er kurz darauf als Par­odie seiner selbst – als Tor­jäger im Ruhe­stand.

Jetzt ist er dies end­gültig. Er hat keine Lust mehr. Ganz offi­ziell.