Tatiana Vasi­lievna hat sich hübsch gemacht. Sie trägt Leder­san­dalen und ein schwarz-rotes Kleid mit trans­pa­renten Ärmeln. Die Son­nen­brille hat sie in die Kurz­haar­frisur gesteckt. Sie steht am Ein­gang ihrer ehe­ma­ligen Schule #216 und ist ein wenig nervös. Wird er mich erkennen?“, fragt sie. Das letzte Mal haben sich die beiden irgend­wann Mitte der acht­ziger Jahre gesehen, kurz bevor der zehn­jäh­rige Andrei Schewt­schenko hier in Kiew-Obolon von Dynamo-Scouts ent­deckt wurde. Tatiana war damals Mitte 30. Sie war seine Sport­leh­rerin.

Noch ein paar Kilo­meter weiter liegt Tscher­nobyl

Obolon ist eigent­lich kein Viertel für Träume. Wer weiter nörd­lich fährt, landet in Vysh­horod oder Novi Petrivsti, Nicht-Orte, die berühmt wurden, weil Vla­dimir der Große hier vor etwa 1000 Jahren einen Harem mit über 300 Geliebten hielt. Noch ein paar Kilo­meter weiter liegt Tscher­nobyl. Nach dem Reak­tor­un­fall im April 1986 musste Andrei Schewt­schenko mit seiner Familie aus Obolon weg­gehen, da man nicht wusste, wie stark die Region in und um Kiew kon­ta­mi­niert war. Nach drei Monaten an der See ging es zurück zum Beton, Mate-Zalki-Straße 2, erster Stock, drei Zimmer, graue, karge Fas­sade.

Die Schule #216 befindet sich direkt gegen­über dieses Plat­ten­baus. Im Ein­gangs­be­reich hängt seit einiger Zeit ein großes Poster mit dem Gesicht von Andrei Schewt­schenko. Darauf steht: Hier hat der beste Spieler der Nation gelernt.“ Ein paar Meter um die Ecke befinden sich eine Kneipe, ein Super­markt und eine Mode­bou­tique. Vor einer pro­vi­so­ri­schen Werk­statt repa­rieren Männer einen alten roten Lada, an der Bude nebenan trinken sie, Bier, Lviski, Myko­ly­nezke oder das lokale Obolon. Natür­lich auch Wodka. Sie trinken viel und manchmal liegen sie schon zur Mit­tags­zeit an den kleinen Unter­füh­rungen, wo man form­lose Kleider, Plas­tik­spiel­zeug oder Son­nen­blu­men­kerne kaufen kann.

Kinder haben ihre Auto­gramm­zettel, Fotos, Bücher, Tri­kots mit­ge­bracht

Doch heute ist hier Wun­der­land. Es ist alles erleuchtet, denn Gott hat sich ange­kün­digt: Andrei Schewt­schenko soll einen modernen Kunst­ra­sen­platz ein­weihen, den er mit einem Sponsor finan­ziert hat. Die Kinder haben ihre Auto­gramm­zettel, Fotos, Bücher, Tri­kots mit­ge­bracht. Die Foto­grafen ihre großen Kameras, die Jour­na­listen ihre Ellen­bogen. Etwa 1000 Leute sind gekommen. Ein großes Gewusel. Noch vor einer Woche war dieser Rummel nicht zu erwarten, denn in Obolon wusste kaum jemand, dass Schewt­schenko diesen Platz eröffnet – geschweige denn, dass er selbst kommen würde.

Die 55-jäh­rige Tatiana hat lange Jahre an der Schule #216 gear­beitet, Andrei Schewt­schenko war von der siebten bis zur zehnten Klasse ihr Schüler. Eigent­lich war sie vor ein paar Jahren in Rente gegangen, erst kürz­lich ent­schloss sie doch noch einmal als Leh­rerin anzu­fangen, dieses Mal an einer anderen Schule. Den erwach­senen Andrei Schewt­schenko kennt sie nur aus dem Fern­sehen.

Vier Tage vor seiner Rück­kehr sitzt sie in einem Café in einem Ein­kaufs­zen­trum, das Dream Town“ heißt. Von der Decke seilt sich King Kong herab, an den Roll­treppen hängen kleine Oscar-Tro­phäen aus Plastik. Im zweiten Stock befindet sich ein Kino. Andrei eröffnet einen neuen Fuß­ball­platz?“, fragt Tatiana, und dann nimmt sie einen großen Schluck vom Oran­gen­saft. Wird er denn auch kommen?“

Er flog mit dem Pri­vatjet von Ber­lus­coni zu seinem kranken Vater

Sie dachte immer, dass er für Oleg Blochin schwärmen würde. Doch sein großes Idol hieß schon damals Mitte der Acht­ziger Waleri Loba­nowski. Er kannte alle seine Kniffe. Eines Tages, erzählte er ihr, werde er auch sein Schüler und Freund sein. Sie war erstaunt, wie stark dieser Wunsch aus­ge­prägt war. Sie wusste natür­lich, wie eng sein Ver­hältnis zu seiner Familie war. Später, als sein Vater einen Herz­in­farkt erlitt, flog Schewt­schenko im Pri­vatjet von Silvio Ber­lus­coni nach Kiew und brachte seinen Vater nach Mai­land. Die Ope­ra­tion ret­tete ihm das Leben. Kurze Zeit später kaufte er seinen Eltern und seiner drei Jahre älteren Schwester ein Haus in Mai­land. Sie leben immer noch dort. Er mochte das schon früher“, sagt sie. Obhut, Zusam­men­ge­hö­rig­keit, Heimat.“

Nur in der Turn­halle, da war er manchmal auch allein, er spielte Vol­ley­ball, Bas­ket­ball, alles mit dem Ball, vor allem Fuß­ball. Die Turn­halle war sein Schutz“, sagt Tatiana. Dort durfte er tage­lang sein, und nie­mals hat jemand gesagt: Geh weg von hier.“ Wohin hätte er auch gehen sollen? Zu den Män­nern, die an den Bier­buden standen? Zu den Män­nern, die auf der Straße immer wieder neue rote Ladas repa­rierten? Rüber zur pink ange­malten Holz­wippe? Zum Müll­eimer? Obolon ist ein Retor­ten­viertel, das in den sieb­ziger Jahren vor allem aus einem Grund ent­worfen wurde: Die Leute brauchten Platz zum Wohnen, denn Kiew drohte aus allen Nähten zu platzen. Offi­ziell leben hier 2,8 Mil­lionen Men­schen, tat­säch­lich sind es weit über 3,5 Mil­lionen, alleine in Obolon leben 290.000.

Die Stadt­planer ver­zich­teten damals auf ver­meint­lich schnödes Bei­werk wie Bäume oder Wiesen. So blieb der junge Andrei Schewt­schenko in der Turn­halle – und vergaß dar­über immer wieder die anderen Unter­richts­stunden. Doch Tatiana sagte, dass es in Ord­nung sei. Nur manchmal, wenn es zu viel wurde, sagte sie, schickte sie ihn zu den Dünen.

Da drüben“, sagt er, da wohnt nun der Sohn von Viktor Janu­ko­witch.“

Obolon liegt direkt am Wasser und nicht überall stehen Plat­ten­bauten. Unten am Dnepr gab es früher eine rich­tige kleine Wüste, die Kinder spielten im auf­ge­schwemmten Sand und dann liefen sie barfuß zum Fluss und sprangen ins Wasser, das hier noch glas­klar war. Heute steht hier ein wei­teres Retor­ten­pro­jekt: Ein nobles Viertel, eben­falls zu Obolon gehört, doch ganz anders aus­sieht. Es ist ein Viertel für Men­schen, die sich eine Miete im vier- oder fünf­stel­ligen Bereich leisten können. Dort sitzt Evgeny Sint­chenko auf einer Stein­mauer. Ein kräf­tiger Mann, 30 Jahre alt. Früher einmal hat er in den Jugend­mann­schaften von FK Obolon und Dynamo gespielt. Er hatte sogar ein Angebot von Ale­mannia Aachen, doch er lehnte ab. Er sagt, es sei zu schlecht gewesen. Heute ist Sint­chenko Spie­ler­be­rater. Er kennt das hier alles, das alte Obolon, das neue, er hat jede Ver­än­de­rung mit­be­kommen. Da drüben“, sagt er, da wohnt nun der Sohn von Viktor Janu­ko­witch.“ Er zeigt auf ein Haus direkt an der Pro­me­nade, daneben steht ein Hotel mit gol­denen Säulen am Ein­gang und glän­zenden Orna­menten an den Bal­konen. Ein Aus­blick auf Beach­vol­ley­ball­felder, Tram­po­line und Fit­ness­ge­räte, an der Pro­me­nade gibt es einen House-Club, einen Jazz­club und einen Golf­club. Da spielt Sheva manchmal, wenn er in Obolon ist“, sagt Evgeny.

Doch Sheva war in den ver­gan­genen Jahren nicht mehr so häufig in Obolon. Und wie wird es erst in den nächsten Jahren sein? Wird er über­haupt noch einmal zurück­kommen? Ist der Platz so etwas wie ein Abschieds­ge­schenk? Evgeny glaubt, dass Andrei Schewt­schenko nun nach London oder in die USA geht. Seine Frau möchte es so. Sie bestimmt viel“, sagt er. Dann geht er weiter. Nur eine Sache noch: Dieser neue Platz an der Schule: Der ist wirk­lich von Sheva?“

Es sind noch zwei Tage bis zur Eröff­nung. Ein Mann, ein Bil­der­buch­ar­beiter mit Ziga­rette im Mund­winkel und freiem Ober­körper, nimmt die letzten Repa­ra­turen vor. Der Zaun, der den Platz umgibt, bekommt noch einen neuen Anstrich. Vor einigen Monaten war hier noch Brach­land, zwei Tore standen schief auf dem stau­bigen Boden, ein paar Gras­bü­schel, spitze Steine, kaputte Zäune, Müll­tonnen. Igor läuft hier täg­lich vorbei. Doch er hat sich bei der Bau­stelle nichts weiter gedacht. Stimmt das wirk­lich? Das hier ist wegen Andrei?“

Sheva schei­terte – beim Dribbel-Wett­be­werb

Igor ist 16 Jahre alt und ist in der Jugend vom FK Obolon aktiv, dem lokalen Stadt­teil­verein. Die erste Mann­schaft spielt auf dem Platz, wo Andrei Schewt­schenko Mitte der Acht­ziger bei einer soge­nannten Mikro­vier­tel­meis­ter­schaft teil­nahm. Das war ein popu­läres Jugend­tur­nier, das par­allel in vielen ver­schie­denen Orten der Sowjet­union statt­fand. Zu gewinnen gab es den Lederball“-Cup. Bei einem Spiel trumpfte Schewt­schenko so stark auf, dass die Scouts von Dynamo Kiew ihn vom Fleck weg ver­pflich­teten. Er war damals zehn Jahre alt. Wenige Wochen zuvor hatte er sich an einer Kiewer Sport­schule beworben, und war bei einem Dribbel-Wett­be­werb geschei­tert.

Heute steht dort ein kleines Sta­dion, eine Haupt­tri­büne, eine Gegen­ge­rade, keine Kurven. 5000 Zuschauer fasst es. Auch hier: Plat­ten­bauten in allen Rich­tungen. Wer in dieser Gegend im 14. oder 15. Stock wohnt, muss manchmal auf Hei­zung ver­zichten, denn das Wasser kühlt auf dem Weg nach oben zu schnell ab. Doch man hat einen fan­tas­ti­schen Blick. Manchmal, wenn Spiele aus­ver­kauft sind, klin­geln Fans bei den Bewoh­nern. Von ihren Bal­konen aus kann man das kom­plette Spiel­feld sehen.

Doch die Spiele sind selten aus­ver­kauft, zumal der FK Obolon gerade aus der ukrai­ni­schen Premjer Liha abge­stiegen ist. Der Klub gehört der lokalen Bier­brauerei und bekam vor einiger Zeit ein neues Wappen: Einen gelben Löwen mit Flü­geln, ein Greif. Ent­worfen hat es Kon­stantin Fjo­dorov. Er arbeitet in einer Wer­be­agentur und wohnt eben­falls in Obolon, in dem alten Plat­ten­bau­ge­biet. Er spielt in einer Hob­by­mann­schaft, die sich Sport Club Of Internet Fans Kiew, kurz: SCIF.

Ist es eigent­lich wahr, dass der neue Sport­platz von ihm finan­ziert wird?“

Am Ein­gang zu Costas Haus gibt es eine Wach­frau, die sich einen Tisch und ein kleines Bett in ihr Drei Qua­drat­me­ter­häus­chen gestellt hat. Costa lebt im ersten Stock, Ein­zim­mer­woh­nung, Schlaf­sofa, 30 Qua­drat­meter. Auf den holz­ver­tä­felten Schränken stehen Pokale, die sein Team gewonnen hat. Im Fern­sehen läuft gerade die Doku­men­ta­tion Refe­rees at work“. In einer Szene sieht man, wie sich Mas­simo Bus­acca vor dem Spiegel umzieht. Dann sagt er: Dressed fo suc­cess!“ Costa findet das nicht gut. Sie sollen pfeifen, nicht modeln. Hast du das Spiel Ukraine gegen Eng­land gesehen? Dressed for suc­cess? So ein Quatsch!“ Dann erzählt er von Obolon und dem Sand. Und auch er fragt: Ist es eigent­lich wahr, dass der neue Sport­platz von ihm finan­ziert wird?“

Es ist noch einen Tag bis zur Eröff­nung. Vor der Haustür Mate-Zalki-Straße 2 sitzen zwei Jungs. Ja, hier hat Sheva mal gewohnt“, sagt der eine. Er kommt?“, fragt der andere. Dann scheu­chen sie einen Stra­ßen­hund weg und gehen rüber zu diesem kleinen Rasen­stück, das sich direkt zwi­schen Haus und Schule befindet. Dort befindet sich ein kleines Tor, die Eisen­pfosten sind rostig und abge­knickt. Schewt­schenko soll hier seine ersten Tor­schüsse gemacht haben.

Mon­tag­mittag, 12 Uhr, Schule #216, die Anwohner stehen am Zaun, TV-Reporter rennen, Foto­grafen rennen, Kinder rennen, Sheva, Sheva“, rufen sie so laut sie können. Und auch Tatiana beeilt sich, sie drängt vorbei an den Men­schen­massen. Obolon hat sich auch hübsch gemacht, so gut es eben geht. Sie haben zwi­schen die Plat­ten­bauten kleine Beete gepflanzt, sogar das Tor auf dem kleinen Rasen­stück wurde gestri­chen und die Pfosten stehen nun wie durch Zau­ber­hand gerade. Schewt­schenko kommt wirk­lich, doch er wird all das nicht sehen. Er fährt mit seinem weißen Range Rover direkt vor die Schule. Dann wird er von Poli­zisten und zwei Damen aus der PR-Abtei­lung seines Spon­sors auf den Platz begleitet. Sheva, Sheva!“ Männer in Anzügen halten nun Reden. Einer sagt: Ich bin mit Ame­rican Foot­ball groß geworden, doch ich habe mich in Fuß­ball ver­liebt. Auch wegen Andrei Schewt­schenko.“ Ein anderer sagt: Ich hoffe, dass auf diesem Platz eines Tages der neue Sheva gefunden wird.“ Dann ruft ein Foto­graf, dass die PR-Dame end­lich aus dem Blick­feld ver­schwinden soll. Die anderen Foto­grafen rufen nun auch etwas und die Kinder rufen immer noch. Sheva, Sheva!“ Sie werden ein biss­chen unge­duldig und packen ihre Auto­gramm­büch­lein, Fotos und Stifte aus.

Dort drüben habe ich gewohnt“, sagt er und guckt zur Mate-Zalki-Straße. Sheva, Sheva!“

Andrei Schewt­schenko hat auch eine Rede vor­be­reitet. Er hat sie auf ein Blatt Papier geschrieben, das er fest in der Hand hält. Wäh­rend die anderen Männer spre­chen, schaut er gele­gent­lich drauf. Dann tritt er vor das Mikrofon und erzählt, wie er hier früher auf Gras­bü­scheln gekickt hat. Dort drüben habe ich gewohnt“, sagt er und guckt zur Mate-Zalki-Straße. Sheva, Sheva!“

Sheva ist nun fertig, er setzt sich wieder, steht wieder auf, gibt Auto­gramme, beant­wortet Fragen, nickt, lächelt, schüt­telt Hände, ein exklu­siver O‑Ton, bitte, ja, jetzt und hier, kann mal jemand den Foto­grafen mit dem Drei-Meter-Objektiv durch die Leute drü­cken? Ja, gut, danke. Nein, bitte nicht über diese Linie treten. Dann geht Tatiana mit einem Mal auf diesen neuen Sport­platz, sie wirkt hier richtig impo­sant, sie ist groß und hat ein kräf­tiges Kreuz. Sie sieht aus wie eine Direk­torin, und die Jour­na­listen gehen einen Schritt zurück. Natür­lich werden sie sich gleich auch auf Tatiana stürzen, denn sie scheint eine wich­tige Person zu sein. Nun aber mar­schiert sie erst einmal. Da eine alte Kol­legin, dort ein Nachbar. Hallo. Schließ­lich steht sie vor ihm. Er sieht sie an, und sie fragt: Andrei, kennst du mich noch?“ Dann umarmt er sie.