Tom Starke, fühlen Sie sich als Deut­scher Meister?
Natür­lich. Nur, weil nicht auf dem Platz stehe, heißt es doch nicht, dass ich keinen Anteil an den Erfolgen meiner Mann­schaft habe.

Von wel­chen Anteilen spre­chen Sie?
Als ich 2012 zum FC Bayern wech­selte, hat man mir ganz genau gesagt, was man sich von mir erwar­tete: Ich lebe und trai­niere genauso pro­fes­sio­nell wie jeder Stamm­spieler, ich halte unsere Nummer Eins Manuel Neuer im stän­digen Kon­kur­renz­kampf, ich bin jeder­zeit ein­satz­be­reit – und ich ver­suche der Mann­schaft mit einer Erfah­rung und meinem Cha­rakter wei­ter­zu­helfen.

Bitte defi­nieren Sie Ihre cha­rak­ter­li­chen Vor­züge.
Ich habe eine Antenne, wenn es um die Gefühls­welt meiner Mit­men­schen geht. Ich spüre recht schnell, wenn jemand unzu­frieden ist, oder wenn jemand Unter­stüt­zung benö­tigt. Gerade beim FC Bayern, wo selbst auf der Bank Top­stars Platz nehmen müssen, kommt es schon mal vor, dass es nicht allen Spie­lern gut geht.

Und dann kommen Sie, legen alt­vä­ter­lich den Arm um die Schul­tern der Kol­legen und berei­nigen die Pro­bleme?
Keine Sorge, die alt­vä­ter­li­chen Umar­mungen bleiben meinen Mit­spie­lern erspart. Ich pro­fi­tiere eher von meinem offenen Wesen – ich kann ohne Hem­mungen auf Men­schen zugehen. Manchmal hilft ja schon ein kurzes Gespräch, um die Launen der Kol­legen auf­zu­hei­tern.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Rolle als Ersatz­tor­wart?
Wie hat es Mat­thias Sammer gesagt: Zufrie­den­heit bedeutet Still­stand!“ (lacht) Natür­lich möchte ich lieber spielen als auf der Bank zu sitzen. Aber Sie wissen ja selbst, wen ich vor mir habe: Den besten Tor­wart der Welt. Da wäre es doch ver­messen zu sagen: Leute, jetzt lasst mich mal end­lich ran, ich kann der Mann­schaft wesent­lich besser helfen als der Manu! Womit ich zufrieden bin, ist der Fakt, dass ich Teil dieser außer­ge­wöhn­li­chen Mann­schaft sein darf.

Haben Sie nicht längst daran gewöhnt?
Ich balle nicht jeden Morgen nach dem Auf­stehen die Becker­faust und danke Gott für meinen Platz im Kader des FC Bayern. Aber erst neu­lich saß ich beim Spiel gegen Bayer Lever­kusen auf der Bank, schaute nach links und rechts und da saßen dann: Philipp Lahm, Franck Ribery, Dante, Javier Mar­tinez und Thiago Alcán­tara. Bei einem Spiel gegen den ärgsten Ver­folger sitzen solche Typen auf der Bank! Da musste ich mich schon kurz kneifen. Und nicht selten über­kommt mich eine sehr ange­nehme Euphorie, wenn ich mor­gens mit meinem Auto in die Säbener Straße ein­biege und die Fans warten sehe. Dann parke ich in der Tief­ga­rage und denke mir: Tom, wie geil ist das denn?

Ihr Alltag beim FC Bayern besteht vor allem aus den Trai­nings­ein­heiten. Ist das nicht auf Dauer etwas lang­weilig?
Lang­weilig? Ich sammle hier Erfah­rungen, die andere Fuß­baller nicht in 300 Spielen geboten bekommen. Wenn du mit sol­chen Aus­nah­me­spie­lern täg­lich auf dem Trai­nings­platz stehst, macht dich jede Ein­heit besser.

Wer haut ihnen nach dem Trai­ning noch ein paar Bälle um die Ohren?
Es gibt in unserem Kader keinen Spieler, der das nicht regel­mäßig tun würde: Frei­stöße, Elf­meter, Ecken, Schuss­übungen. Die Jungs sind nicht ohne Grund die besten Fuß­baller der Welt.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Da sind Sie Teil einer Mann­schaft, die viele für die beste Aus­wahl der Bun­des­liga-Geschichte halten und sitzen nur auf der Bank. Das muss doch extrem frus­trie­rend sein?
Wenn Sie mich das wäh­rend meiner Zeit bei Bayer Lever­kusen (2000 bis 2006, d. Red.) gefragt hätten, hätte ich geant­wortet: Natür­lich geht mir das auf den Sack, ich will mich schließ­lich beweisen, will spielen, will mich prä­sen­tieren.

Und das wollen Sie jetzt alles nicht mehr?
Doch, natür­lich. Aber ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich habe meine Erfah­rungen in der zweiten und ersten Liga sam­meln dürfen. Ich muss nie­mandem mehr beweisen, dass ich zu den besten Tor­hü­tern des Landes gehöre. Ich weiß es und die anderen wissen es auch.

Warum sind Sie dann 2012 zum FC Bayern gewech­selt?
Um Titel zu gewinnen! Ich habe schon als kleiner Junge davon geträumt, irgend­wann mal die Schale hoch­zu­heben. Und die Chance, sich diesen Traum zu erfüllen, ist beim FC Bayern eben extrem groß. Letzt­lich habe ich mir meinen Kind­heits­traum erfüllt.

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu Pep Guar­diola?
Ich glaube, er hat seinen Spaß mit mir.

Haben Sie sich etwa ein paar Gags auf spa­nisch ange­eignet?
Nein, das nicht. Aber ich musste gerade an die Szene bei dem Foto­shoo­ting am Sai­son­be­ginn denken.

Wie ver­passten Ihrem neuen Coach vor lau­fender Kamera aus Ver­sehen einen Kinn­haken.
Ja, der Schlag hat uns ver­mut­lich näher zusam­men­ge­bracht. (lacht) Im Ernst, wir ver­stehen uns sehr gut, ich schätze ihn sehr, er mich ver­mut­lich auch. Pep hat immer ein offenes Ohr für die Pro­bleme seiner Spieler. Das impo­niert mir.

Sie und Manuel Neuer sind Kon­kur­renten um den Platz im Tor. Wie kommen sie mit­ein­ander aus?
Wie ich schon sagte: Die Hier­ar­chie ist bei uns ganz klar gere­gelt. Das erleich­tert den Umgang mit­ein­ander. Obwohl ich behaupten möchte, dass wir uns auch gut ver­stünden, wenn wir auf Augen­höhe um den Stamm­platz fighten würden.

Wie haben Sie eigent­lich erfahren, dass Uli Hoeneß ins Gefängnis muss?
Ver­mut­lich im Auto auf dem Weg zum Trai­ning. Karl-Heinz Rum­me­nigge erwar­tete uns und klärte uns auf. Mich hat das scho­ckiert, das muss ich ehr­lich sagen. Und natür­lich ging das auch nicht spurlos an der Mann­schaft vorbei, wenn der eigene Prä­si­dent vor Gericht schuldig gespro­chen wird und hinter Gitter muss. Ich halte es da aber mit Karl-Heinz Rum­me­nigge, der gesagt hat: Ent­weder man zer­bricht daran oder geht gestärkt aus der Krise.“ Und zer­bre­chen werden wir nicht.

Ist man nach all den Siegen und Titeln nicht irgend­wann über­sät­tigt?
Über­haupt nicht. Ich ver­rate ihnen mal, was ich letztes Jahr dachte, als ich mit drei Pokalen in der Hand auf dem Balkon am Mari­en­platz stand: Was für ein groß­ar­tiges Gefühl – das will ich wieder haben! Wer satt ist, hat beim FC Bayern nichts ver­loren.