Wie Ex-Häftling Jefferson Louis zum größten Wandervogel der Welt wurde

Journeyman

Jefferson Louis hat für, Achtung, 37 verschiedene Vereine gespielt. Mutmaßlich Weltrekord. Wie ist der ehemalige Sträfling zum Journeyman des englischen Fußballs geworden?

Ossi Piispanen
Heft: #
215

Eine halbe Stunde nach Spielende sitzt Jefferson Louis auf einer Stufe im The Meadow, einem glanzlosen Amateurfußballstadion auf halber Strecke zwischen London und Oxford, und futtert Pommes frites aus einer Plastikschale. An diesem grauen Spätsommernachmittag, der bereits den nahenden Herbst erahnen lässt, hat er mit seinem Klub Chesham United 2:1 gegen Blackfield & Langley gewonnen. Southern League Premier Division, siebte Liga. Aber Louis ist nicht zufrieden. Er wurde erst in der zweiten Halbzeit eingewechselt, und noch immer wartet er, immerhin Cheshams bester Torschütze der Vorsaison, auf seinen ersten Treffer. »Ich werde dich nicht anlügen, ich bin ein bisschen angepisst«, sagt Louis, der in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden ist. »Ich war in meiner Karriere nie ein Typ für die Bank. Und jetzt, gegen Ende, soll ich da sitzen? Nein, das passt nicht zu mir!«

Im englischen Non-League-Football ist Louis ein Star, aus dem einfachen Grund, dass er für 37 verschiedene Vereine gespielt hat. Der »Telegraph« nannte ihn einmal den Journeyman des Fußballs. Mit Oxford United, den Bristol Rovers und Mansfield Town hat er als Vollprofi in der vierten Liga gespielt. In einem Test stand er einmal gegen den FC Chelsea auf dem Platz, als José Mourinho dort gerade Trainer geworden war. Im FA-Cup verlor er im alten Highbury gegen seinen Lieblingsklub Arsenal. Diese Niederlage gegen seine Idole nennt er das eine Highlight seiner Karriere. Das andere war sein erstes und einziges Länderspiel für den Inselstaat Dominica, dem Ort, an dem die Wurzeln seiner Familie liegen.

»Ich habe in Stadien gespielt, in denen andere nie spielen werden«

In Oxford wurde Louis mit Anfang zwanzig zum Profi, doch nach einem Trainerwechsel veränderten sich die Dinge für ihn zum Schlechten. So begann seine Odyssee durch das Land und die Ligen. Er spielte für die Forest Green Rovers und für Hemel Hempstead, für Worthing und Weymouth, in Whitehawk und Wealdstone. Mal folgte er besseren Angeboten oder ehemaligen Trainern, mal wollten ihn die Klubs nach kurzer Zeit wieder loswerden – und manchmal war er einfach zu naiv, wie er heute meint. Ans Aufhören hat er nur gedacht, als seine Mutter krank wurde. Sie wurde wieder gesund, und die Reise ging weiter.

Wäre für einen wie ihn nicht eine größere Karriere möglich gewesen? Die Antwort klingt, als habe er die Frage schon zig mal beantwortet: »Ich habe in Stadien gespielt, in denen andere nie spielen werden. Ich habe mir meinen Traum erfüllt, und wenn ich alt bin, werde ich meinen Kindern davon erzählen können. Ich bereue nichts.« Nur eine verpasste Gelegenheit wurmt ihn bis heute. Mit Oxford traf er 2002 im Ligapokal auf den Premier-League-Klub Aston Villa. Oxford verlor, doch Louis machte ein starkes Spiel. Seine Mutter berichtete ihm später, wie begeistert der Kommentator im Fernsehen von ihm gewesen sei. Dieser Louis, habe er gesagt, das sei einer für die erste Liga. »Nach dem Spiel gab Aston Villa ein Angebot für mich ab«, erzählt Jefferson Louis, »aber ich erfuhr nichts davon.« Stattdessen legten die Verantwortlichen in Oxford ihm eilig einen neuen Vertrag vor. »Ich wollte einfach Fußball spielen, also unterschrieb ich – wie ein Idiot.« Von Aston Villas Interesse hat er später aus der Zeitung erfahren.

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