Seite 2: „Filip Kostic steckte in einer furchtbaren Schublade“

Sie haben ein Buch zum Thema Team­geist“ geschrieben. Ver­halten sich Bun­des­li­ga­spieler durch die erhöhte Wahr­neh­mung, die sie bekommen, anders als Profis in der Schweiz oder Öster­reich?

Natür­lich wissen Bun­des­liga-Spieler, dass es eine große Bühne ist, auf der sie per­formen. Aber als Trainer kann ich keinen Unter­schied im täg­li­chen Arbeiten oder im Ver­halten fest­stellen. Schließ­lich ist es meine Auf­gabe, Nähe zu den Jungs auf­zu­bauen, in Gesprä­chen auch das Zwi­schen­mensch­liche zu betonen, um letzt­lich her­aus­zu­finden, wie jeder Ein­zelne opti­male Leis­tung bringt.

Von Ihnen stammt der Satz: Ich kann Spie­lern bis zum Magen hin­un­ter­schauen. Ich habe schon alles erlebt“. Was sehen Sie da unten?

Was ich damit meine, ist, dass ich ein empa­thisch den­kender Trainer bin. Als Spieler habe ich erfolg­reiche Zeiten erlebt, aber auch Phasen, in denen es mir schlecht ging und ich das Gefühl hatte, nicht erste Wahl zu sein. Ich weiß, wie es einem Spieler geht, wenn er ver­letzt ist, wenn es ihm privat nicht gut geht oder er nicht im Kader steht. Und ich lasse diese Erfah­rungen in die Gespräche ein­fließen.

Aber bei einem Kader von 26, 27 Profis muss Empa­thie auch Grenzen haben.

Natür­lich. Jeder Spieler ver­dient Beach­tung. Nur wenn ich die Pro­bleme des Ein­zelnen kenne, kann ich an der Lösung arbeiten und dessen Leis­tungen im Trai­ning richtig bewerten. Aber wenn ich erkenne, dass einer nicht bereit ist, sich voll und ganz in die Sache ein­zu­bringen und auch Gespräche nicht fruchten dann muss ich mir einen andere Weg ein­fallen lassen.

Wie haben Sie Filip Kostic wieder zum Spit­zen­spieler gemacht, nachdem er beim VfB Stutt­gart und beim HSV weit hinter den Erwar­tungen zurück geblieben war?

Es gibt bei sol­chen Fragen stets zwei Sicht­weisen: die des Spie­lers und die des Ver­eins. Ich kann nur sagen, dass Filip, als er 2018 nach Frank­furt kam, in einer fürch­ter­li­chen Schub­lade steckte.

Heri Weber machte mir klar, dass Fuß­ball mehr als ein Job, bei dem irgend­wann Fei­er­abend ist“

Das heißt?

Die Medien schrieben: Erst kommt dieser Trainer, den keiner kennt, und jetzt holt Bobic den Kostic, der beim VfB und in Ham­burg gefloppt ist – so steigt Ein­tracht ab. Als ich ihn dann ken­nen­lernte, konnte ich es kaum glauben.

Was meinen Sie?

Filip prä­sen­tierte sich mir nicht nur mensch­lich über­ra­gend, son­dern er ist auch ein Profi durch und durch. Aber es war erkennbar, dass er ein Mensch ist, der sich wohl­fühlen muss. Und das kann er hier. Seine Familie fühlt sich in Frank­furt wohl, die Men­schen im Verein mögen ihn und sein Trainer mag ihn auch. Warum das in Ham­burg und Stutt­gart nicht so war, kann ich nicht beant­worten.

Wie sehr erschwert Corona Ihren ver­trauten Umgang mit den Spie­lern?

Ich habe das Gefühl, dass Corona uns eher enger zusam­men­ge­schweißt hat. Wir hatten anfangs auch posi­tive Fälle im Team, sodass wir in der Qua­ran­täne alle ein wenig Zeit zum Reflek­tieren hatten. Danach habe ich mit vielen Spie­lern zu zweit oder zu dritt trai­niert, was den Kon­takt noch inten­si­vierte.

Adi Hütter, wel­cher Trainer hat Sie beson­ders geprägt?

Mein Mentor war Heri­bert Weber, mit dem ich in der Saison 1993/94 noch bei Casino Salz­burg zusam­men­spielen durfte. Heri machte mir bewusst, dass Fuß­ball mehr als ein Job sein muss, bei dem irgend­wann Fei­er­abend ist. Er war damals schon Ende 30, aber er wollte noch immer jedes Trai­nings­spiel gewinnen. Sein Ehr­geiz war unglaub­lich, auch die Art, wie er Mit­spieler pushte. Durch ihn habe ich eine Sie­ger­men­ta­lität erlernt, die ich vorher so nicht besaß.

In der Saison 1995/96 wurde Weber Ihr Trainer in Salz­burg.

Es war eine tur­bu­lente Spiel­zeit: Im Herbst war Erfolgs­coach Otto Baric ent­lassen worden und durch Her­mann Stessl ersetzt worden, der nach wenigen Monaten wieder gehen musste.

Sie sagten damals, Stessl habe Weber einen Sau­haufen“ hin­ter­lassen.

Was daran lang, dass wir unter ihm weniger trai­nierten. Mensch­lich kam man prima mit Stessl zurecht, aber er ging offenbar davon aus, dass die Mann­schaft von selbst funk­tio­niert. Das war aber nicht der Fall. Dass Heri im Früh­jahr 1996 Trainer wurde, war der Schlüs­sel­mo­ment in meiner Kar­riere.

Nach der Ent­las­sung in Altach bin ich am Boden gelegen“

Weil es die Wei­chen stellte für ihr spä­teres Leben als Trainer?

Er ließ die Mann­schaft abstimmen, wer neuer Kapitän werden sollte. Zu Wahl standen zwei Rou­ti­niers, Tor­mann Otto Konrad und Wolf­gang Fei­er­singer, und ich. Die Mit­spieler votierten aber über­ra­schend mit großer Mehr­heit für mich, was Otto und Wolf­gang ent­täuschte. Ich wollte die Wahl erst gar nicht annehmen, aber Heri beließ es dabei. Und so blieb ich vier Jahre lang Kapitän und bekam so die Chance, von der Spitze der Hier­ar­chie sowohl zu den älteren Spie­lern enge Bin­dungen auf­zu­bauen, als auch den jün­geren stetig in ihrer Ent­wick­lung wei­ter­zu­helfen.

Als Trainer gelten Sie als Dis­zi­plin­fa­na­tiker. Liegt es daran, dass Sie auch als Profi über den Willen zum Erfolg fanden?

Es war eher umge­kehrt. Ich hatte Talent und eine fuß­bal­le­ri­sche Bega­bung, war aber defi­nitiv kein Arbeiter. Als ich 1993 mit 23 Jahren nach Salz­burg wech­selte, sagte Heri Weber zu mir: Du bist ein richtig guter Fuß­baller, aber dir fehlt noch das rich­tige Zwei­kampf­ver­halten, du musst aggres­siver werden.“ Erst durch diese Erfah­rungen wurde ich zum kom­pletten Spieler.

Bis­lang sind Sie an allen Trai­ner­sta­tionen aus freien Stü­cken aus dem Amt geschieden. Nur bei Ihrem Hei­mat­verein SCR Altach wurden Sie 2012 ent­lassen. Ärger­lich, oder?

Nicht nur ärger­lich, son­dern in dem Moment auch sehr ent­täu­schend. Ich habe in Altach im Nach­wuchs gespielt, war im Leis­tungs­zen­trum und kam als Profi noch einmal zurück. Als ich in Salz­burg spielte, reisten mir Fans aus Altach sogar hin­terher. Als der Verein 2009 aus der Bun­des­liga abge­stiegen war, bekam ich die Chance, eine neue Mann­schaft auf­zu­bauen, die den Wie­der­auf­stieg schafft.

Aber Sie schei­terten drei Mal in Folge am Auf­stieg.

Wir wurden einmal Dritter und zwei Mal Zweiter und ich wurde ent­lassen, weil die Ver­ant­wort­li­chen nicht mehr daran glaubten, es mit mir schaffen zu können. Das hat mir sehr, sehr weh­getan. Da bin wirk­lich am Boden gelegen.

Das heißt?

Ich war fertig. Aber ich wusste auch, dass ich schnell wieder auf­stehen muss, weil die Leute sonst anfangen, auf mir herum zu tram­peln.