Der Besitzer meines Stamm­ki­osks ist früher häufig mit dem Lkw nach Deutsch­land, Hol­land und Bel­gien gefahren. Des­wegen kann er ein paar Bro­cken Deutsch spre­chen. Sein Lieb­lings­satz lautet: Ich bin früher häufig mit dem Lkw nach Deutsch­land, Hol­land und Bel­gien gefahren.“ Es ist meis­tens nach Mit­ter­nacht, wenn ich ihn besuche. Ich hole mir dann ein Myko­ly­nezke-Bier und ver­bringe noch ein paar Minuten auf dem Balkon unserer Woh­nung, sechster Stock, Plat­ten­bau­sied­lung, Kiew Khark­vskiy-Massiv.

Der Balkon ist etwa 80 Zen­ti­meter tief und vier Meter breit. Hier steht und hängt aller­hand rum, ein Aschen­be­cher, ein biss­chen Spiel­zeug, eine Wäsche­leine, etliche Kar­tons von Elek­tro­ge­räten, die irgend­wann mal aus- und dann wieder ein­ge­packt wurden. Der Aus­blick ist toll: Man schaut auf andere Plat­ten­bauten und kann zwi­schen ihnen einen kleinen See erkennen.

Sie nannten ihn Voodoo-Horst“

Das Beste an dem Balkon ist aber ein Plas­tik­stuhl. Abge­sehen davon, dass er rot ist, sieht er aus wie der, den Horst Ehr­man­traut eines Tages ins Frank­furter Wald­sta­dion brachte. Ehr­man­traut sagte damals, er mache das, weil er in der Ban­ken­stadt Frank­furt nicht elitär wirken wolle. Indes, die Medien machten aus ihm einen aber­gläu­bi­schen Trainer. Sie nannten ihn Voodoo-Horst“. Wie auch immer, der rote Khark­vskiy-Massiv-Plas­tik­stuhl und ich sind gute Freunde geworden. Letztes Bier vor dem Schla­fen­gehen und ein biss­chen Lichter im Plat­ten­baud­schungel gucken. Nor­ma­ler­weise gegen 2 Uhr nachts.

Am Freitag kam ich aller­dings früher nach Hause. Kör­per­lich am Ende. Die Pollen waren los und in meiner Nase tobte seit Stunden ein Speed-Metal-Kon­zert. Ich wollte das Vier­tel­fi­nale Deutsch­land gegen Grie­chen­land eigent­lich im Innenhof der Deut­schen Bot­schaft gucken. Doch war ich dort sicher? Ich wusste nur, dass ich hier auf dem Balkon geschützt war, der, wenn man es genau nimmt, ein schlauch­ar­tiger Win­ter­garten ist. Also setzte ich mich hin. Die Vor­be­richte liefen bereits, ein paar meiner Kol­legen waren nach Danzig unter­wegs. Ich blieb sitzen, ZDF-Media­thek, später Al Jazeera Eng­land.

Ich schaue Fuß­ball­spiele gerne in Gemein­schaft. Am Vor­abend hatte in einem Kiewer Kel­ler­club auf einer Couch gelegen. Um mich herum Dynamo-Fans, die aller­hand zu dis­ku­tieren hatten. Wenn es laut wurde, ließ ich mir Pas­sagen von meinem ukrai­ni­schen Mit­be­wohner Eugen oder seinem Kumpel Igor über­setzen. Es ging zumeist um Schieds­richter und Tor­ka­meras.

Und doch kommt es immer wieder vor, dass ich wich­tige Spiele alleine gucken. Das war auch bei den letzten Tur­nieren so. 2008 schaute ich etwa Deutsch­lands 3:2‑Sieg gegen die Türkei in einer richtig miesen Bier­kneipe auf einem richtig miesen Bar­ho­cker am Ham­burger Haupt­bahnhof – ich hatte meinen Zug ver­passt. Vor zwei Jahren, als die WM in Süd­afrika statt­fand, habe ich das Ach­tel­fi­nale gegen Eng­land von einem alten Büro­stuhl mit abge­bro­chenen Lehnen aus ver­folgt. Alle Kol­legen waren mit einem Mal aus­ge­flogen und hatten mich ver­gessen. Manchmal kamen SMS: Wahn­sinn!“ Oder: Jaaaaa!“ Dann schrieb ich zurück: Jaaaaa!“ Deutsch­land gewann 4:1.

Aus­gleich, runter mit dem Kwas

Dieses Mal kamen keine SMS, keine Anrufe, nichts. Mein Handy lag in der Küche, ich war zu schwach, um auf­zu­stehen. Deutsch­land spielte gut, mit Tempo, Marco Reus und Miroslav Klose gefielen mir und dem Kom­men­tator von Al Jazeera, der immer wieder die Unei­gen­nüt­zig­keit des Lazio-Stür­mers lobte. Und als Philipp Lahm das 1:0 schoss, jubelte er so laut, als hätte die eng­li­sche Natio­nalelf gerade die EM gewonnen.

Dann fiel das 1:1. Ich trank den Kwas aus und dachte an das Cham­pions-League-Finale Bayern gegen Chelsea. Ich drückte mich tief in den roten Stuhl. Und da: das 2:1, 3:1, 4:1. Der Al-Jazeera-Mann grölte, Deutsch­land war im Halb­fi­nale. Ich wollte den Stuhl nehmen und irgendwas mit ihm machen, doch der Balkon ist zu eng, der Stuhl ließ sich ein­fach nicht ver­schieben. Also schaute ich auf die Lichter von Khark­vskiy Massiv. Nichts regte sich. Ich ging hin­unter und holte mir am Kiosk noch ein Myko­ly­nezke.

Ehr­man­traut inter­es­siert nie­manden

Auch vor dem Kiosk steht ein Plas­tik­stuhl. Er sieht dem Ehr­man­traut-Modell sogar noch ähn­li­cher, denn er ist weiß. Ich sagte zum Besitzer: Guter Stuhl!“ Er zog die Schul­tern hoch und machte eine Hand­be­we­gung, die bedeuten sollte: Geht so.“ Ich sagte noch: Glücks­stuhl!“ Dann wollte ich ihm von Horst Ehr­man­traut berichten, doch es inter­es­sierte ihn nicht. Er erzählte mir, wie er früher häufig mit dem Lkw nach Deutsch­land, Hol­land und Bel­gien gefahren ist.