Jan Klare, wie klingt ein Tor von Mario Gomez?

Wir nutzen bei den Toren der deut­schen Mann­schaft eine abge­drehte Polka. Beson­ders klingt da der Gesang unserer Sän­gerin durch, eine Art Freu­den­schrei. Ob da jetzt Mario Gomez trifft oder nicht, ist egal. Aller­dings werden wir in dem Moment sowieso vom Jubel des Publi­kums über­tönt.

Eine Tor­me­lodie aus der Retorte. Und ich dachte, Sie impro­vi­sieren…

Die Tore sind die ein­zigen Situa­tionen, die vor­be­stimmt sind. Bei Gegen­toren spielen wir einen Trau­er­marsch. Der Rest lässt sich ja nichts vor­her­sehen, das heißt wir reagieren impuls­ge­leitet aus der Impro­vi­sa­tion heraus. Da merkt man schon noch die echte Freude, wenn ein Tor fällt. Ansonsten steht kom­po­niertes Mate­rial bereit, das ich frei abrufen kann, zum Bei­spiel ein gesun­gener Kom­mentar oder ein Applaus der ganzen Band.

Jazz und Fuß­ball – das klingt wie eine absurde Ver­bin­dung. Wieso funk­tio­niert sie trotzdem?

Erst einmal spielen wir in Dort­mund, der Stadt des Deut­schen Meis­ters. Da kann man sich dem Fuß­ball sowieso nicht ent­ziehen. Und zum anderen ist es bei so einer Band­stärke – wir haben die letzten Gigs mit 28 Leuten gespielt – ganz ähn­lich wie in einem Fuß­ball­team. Alles was da wichtig ist, ist auch in einer Band wichtig. Wer hat in wel­chem Moment welche Rolle? Wie stellen wir unser Spiel auf?

Als Diri­gent bei The Dorf geben Sie dann quasi den Mesut Özil.

Ja, ich bin in gewisser Art und Weise der Wei­chen­steller. Es gibt zwar viel Raum für indi­vi­du­elle Inter­pre­ta­tionen – der Geiger spielt zum Bei­spiel ein langes Glis­sando, wenn der Ball über das ganze Spiel­feld fliegt oder der Drummer über­nimmt den Abstoß. Aber für die Gesamt­ko­or­di­na­tion bin ich natür­lich der Mann, der die Ent­schei­dungen trifft. Man kann nicht über 90 Minuten jeden Ball­kon­takt mar­kieren, irgend­wann muss das Orchester gesamt­mu­si­ka­lisch auf ein anderes Level gehen. Als das Spiel gegen die Nie­der­lande auf eine tie­fere Ebene rutschte, haben wir psy­che­de­li­sche Ele­mente dagegen gesetzt. Ich bin der­je­nige, der die Band dann zusam­men­bringen muss. Also wirk­lich wie der Spiel­ma­cher.

Eignet sich Jazz für so ein Pro­jekt besser als andere Musik­rich­tungen?

Ja, ich denke schon. Wir pflegen beim Jazz eine hohe Impro­vi­sa­ti­ons­kultur und so ein Spiel ist eben auch nicht vor­her­sehbar. Ich habe in der Ver­gan­gen­heit viele Stumm­filme ver­tont, da kann man dra­ma­tur­gisch ganz genau steuern. Bei so einem Spiel muss man aber reagieren. Da müssen die Kol­legen in der Lage sein, sich schnell zu etwas Neuem zu for­mieren, oder plötz­lich einen dra­ma­tur­gi­schen Streifen unter­bre­chen, wenn ein böses Foul pas­siert. Inso­fern ist der Jazz schon prä­de­sti­niert dafür.

Glauben Sie, dass die Musik die Art und Weise, wie das Publikum die Partie wahr­nimmt, beein­flusst?

Die Musik spricht eine andere Ebene an. In Phasen, in denen das Spiel nicht auf höchstem Niveau läuft, lassen Kon­zen­tra­tion und Span­nung nach. Dann fährt man etwas runter und nimmt das Spiel emo­tio­naler wahr. Zum Bei­spiel diese starke Iden­ti­fi­ka­tion. Der Sport ist ja nicht nur ergeb­nis­ori­en­tiert, son­dern auch ein großes Drama. Das ist ein großes emo­tio­nales Ereignis, bei dem sich ein Stück Volks­seele auftut. Bei dem man sich zu einer Hälfte des Spiel­feldes bekennt. Dieser Aspekt wird durch die Musik ver­stärkt ange­spro­chen.

Der Spott über die TV-Kom­men­ta­toren war nach den ersten Spielen groß. Ihren Jazz kann man auch als Ant­wort auf Thomas Wark und Béla Réthy ver­stehen, als Repor­terschelte und Fern­seh­kritik.

So schlimm habe ich das gar nicht wahr­ge­nommen. (lacht) Aber die Musik ist natür­lich eine Ent­schei­dungs­al­ter­na­tive für das poten­ti­elle Publikum. Die Leute, die nur das Spiel sehen wollen, kommen sicher­lich nicht zu uns. Es gibt Leute, die wollen den Ori­ginal-Kom­mentar mit seinen Infor­ma­tionen, mit den Sta­tis­tiken und so weiter. Man muss sich bei uns auf etwas anderes ein­lassen wollen. Das ist eine ganz bewusste Ent­schei­dung.

Was war aus musi­ka­li­scher Sicht bis­lang Ihr Höhe­punkt des Tur­niers?

Das gran­diose Tor von Eng­lands Wel­beck, als er den Ball eigent­lich unmög­lich rück­lings ins Tor drückt. Das war ästhe­tisch schon eine Sage. Oder das Spiel von Spa­nien gegen Ita­lien. Da hätte man musi­ka­lisch noch viel mehr Gas geben können als bei dem deut­schen Spiel gegen die Nie­der­lande, wo wir irgend­wann in Stücke aus unserem Reper­toire über­gehen mussten.

Ange­nommen, Deutsch­land holt am 1. Juli in Kiew den EM-Titel. Was würde The Dorf spielen?

Auf jeden Fall die Polka XL. Das ist keine gewöhn­liche Polka, sie läuft an unsere Mög­lich­keiten ange­passt etwas schräger ab. Es spielen alle die ganze Zeit! Die kom­plette Wucht der Band steht im Vor­der­grund. Das klingt wie ein wild­ge­wor­dener Markt­platz, der sich musi­ka­lisch aus­drückt. Genau das ist mein musi­ka­li­sches Bild vom Titel­ge­winn.