Man könnte Giorgio Chi­naglia eine coole Sau nennen. Damit täte man ihm aller­dings ein biss­chen unrecht. Denn seine Statur mit dem über­di­men­sio­nierten Brust­korb erin­nert doch eher an einen Stier, denn an ein adi­pöses Schwein­chen. Aber nicht nur sein kantig-bul­liger Kör­perbau und die rabiate Spiel­weise konnten beein­dru­cken, Chi­naglias Wer­de­gang war bei­spiellos, zumin­dest für einen Fuß­ball-Natio­nal­spieler: vom geliebten Fuß­ball­idol zum Mafioso. Eine zutiefst ita­lie­ni­sche Geschichte.

Geboren wurde Chi­naglia 1947 in Car­rara, etwa eine Auto­stunde süd­lich von Genua; mit acht Jahren zog er nach Groß­bri­tan­nien, wo sein Vater in der wali­si­schen Stadt Car­diff Arbeit fand. Sein erster Verein war ab 1962 der dama­lige eng­li­sche Zweit­li­gist aus Wales, Swansea City; dort unter­schrieb er drei Jahre später seinen ersten Pro­fi­ver­trag. Sechsmal trug der Mit­tel­stürmer das Trikot der Waliser, konnte sie aber nicht vor dem Abstieg bewahren. So wech­selte er in die ita­lie­ni­sche Serie C zu Mas­sese Calcio, ein Jahr später zum nea­po­li­ta­ni­schen Club Inter­na­poli, bei dem der Angreifer den Durch­bruch schaffte und 25 Tore in einer Saison erzielte.

Diese Tor­quote blieb den großen ita­lie­ni­schen Klubs natür­lich nicht ver­borgen, und so wech­selte der damals 21-Jäh­rige im Jahr 1968 zu Serie A Auf­steiger Lazio Rom. Dort machte ihn gleich sein zweites Spiel zum Publi­kums­lieb­ling. Sein 1:0‑Siegtor gegen den amtie­renden Meister AC Mai­land ver­zückte die Lazio-Tifosi. Unsterb­lich machte sich Chi­naglia in der Saison 1973/74. Im Olym­pia­sta­dion von Rom fei­erten ihn 90.000 begeis­terte Anhänger am vor­letzten Spieltag als er gegen US Foggia in der letzte Minute ein Elf­me­tertor erzielte und Lazio der Scu­detto“ fak­tisch nicht mehr zu nehmen war; der erste Meis­ter­titel der Römer über­haupt. Die Krone des besten Tor­schützen durfte sich Chi­naglia nach dem letzten Spieltag auch noch auf­setzen. Doch Chi­naglia blieb trotz seiner Erfolge kein Vor­zei­ge­profi. Einen Team­kol­legen, der ihm den Ball nicht richtig zuge­spielt hatte, ver­prü­gelte er einmal noch auf dem Platz.

Erfolg­lose Kar­riere in der Squadra Azzurra“

Trotz sol­cher Vor­fälle blieb der ita­lie­ni­sche Bomber“ populär, und groß waren die Hoff­nungen seiner Lands­leute für einen guten Ver­lauf der WM 1974 in Deutsch­land. Chi­naglia war gesetzt als Mit­tel­stürmer, ent­täuschte jedoch im ersten Spiel gegen Haiti; Trainer Fer­ruccio Val­car­eggi tauschte ihn nach 70 Spiel­mi­nuten gegen Pietro Ana­stasi aus, dem dama­ligen Mit­tel­stürmer von Juventus Turin. Beim Remis im zweiten Grup­pen­spiel gegen Argen­ti­nien saß Chi­naglia nur auf der Bank. In der letzten Partie gegen Polen hätte der Squadra Azzurra“ ein Unent­schieden gereicht. Chi­naglia spielte wieder von Anfang an, konnte seine Chancen aber erneut nicht nutzen. Ita­lien verlor mit 1:2 und schied wie schon 1966 über­ra­schend nach der Vor­runde aus dem WM-Tur­nier. Der Empor­kömm­ling war auf dem harten Boden der Rea­lität gelandet. 

In der Natio­nalelf sollte es der 1,85-Meter-Mann ins­ge­samt nur auf 14 Spiele (4 Tore) bringen. Haupt­grund war der Wechsel von Lazio zu Cosmos New York. Chi­naglias Frau war US-Bür­gerin und sehnte sich nach der Heimat. Der Ehe­mann tat ihr den Gefallen und so lan­dete der Ita­liener mit der Löwen­mähne und den über­großen Kote­letten im Jahre 1976 am Big Apple. 

Dort sollte er in der neu gegrün­deten North Ame­rican Soccer League“ reich­lich für Auf­sehen sorgen. Denn was folgte, waren die sport­li­chen Höhe­punkte einer Kar­riere in einer mit­unter zu Recht belä­chelten Retor­ten­liga“ des finanz­starken Fuß­ball­ent­wick­lungs­landes USA. Chi­n­al­gias Quote war beacht­lich: In 213 Spielen erzielte der Mann aus der Tos­cana 193 Tore. Damit blieb er der erfolg­reichste Schütze, der jemals seine Schuhe in der ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­liga schnürte. Zusammen mit Pele, Franz Becken­bauer und Carlos Alberto war er ein wich­tiger Bestand­teil der nam­haften Legio­näre von Cosmos. Aber nicht nur sport­lich, son­dern auch abseits des Platzes war Long John“, wie ihn die Ame­ri­kaner fortan nannten, äußerst aktiv. 

1979 wurde Chi­naglia ame­ri­ka­ni­scher Staats­bürger, was in der ita­lie­ni­schen Gemeinde New Yorks eine Kon­tro­verse aus­löste. Wäh­rend eines Cosmos-Spiels char­terte ein ver­är­gerter Fan ein kleines Flug­zeug und drehte mit einem Banner, auf dem Giorgio stinks“ stand, seine Runden über dem Giants Sta­dium. Chi­naglia nahm es gelassen. Ob Ita­liener oder nicht, ihm wurden bereits beste Kon­takte zur orts­an­säs­sigen Mafia nach­ge­sagt. 

Nach vier Meis­ter­schaften mit Cosmos ging er 1983 zurück nach Ita­lien. Er wollte seinem Ex-Klub Lazio wieder zu altem Glanz ver­helfen und ließ sich zum Prä­si­denten wählen. Doch der Ver­such, seiner alten Liebe wieder auf die Sprünge zu helfen, schei­terte. Zwei Jahre später stieg Lazio unter seiner Füh­rung nach einem Kor­rup­ti­ons­skandal und Punkt­abzug in die Serie B ab. Chi­naglia kam erst­mals vor Gericht – wegen betrü­ge­ri­schen Bank­rotts und Bilanz­fäl­schung. Es schien, als wäre er end­gültig im kri­mi­nellen Mil­lieu ange­kommen.

Ver­strickt in die Machen­schaften der Camorra

Nach einigen ver­geb­li­chen Ver­su­chen, im ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball­ge­schäft erneut Fuß zu fassen, brachte sich Chi­naglia vor einigen Jahren erneut negativ in die Schlag­zeilen. Wegen eines Skan­dals um mut­maß­liche Kurs­ma­ni­pu­la­tionen von Lazio-Aktien war er im November 2007 schon zur Zah­lung einer Geld­strafe von 4,2 Mil­lionen Euro ver­ur­teilt worden. Chi­naglia hatte 2005 ita­lie­ni­schen Medien berichtet, ein unga­ri­scher Phar­ma­kon­zern sei am Kauf von Lazio inter­es­siert. Dies hatte die Aktien des seit dem Jahr 2000 an der Mai­länder Börse notierten Klubs in die Höhe getrieben, obwohl sich die Infor­ma­tionen als haltlos erwiesen.

Dass Chi­naglia nicht nur auf dem Platz ein Rau­hbein war, unter­strich er im Jahr 2006. Er wurde beschul­digt, Lazio-Prä­si­dent Claudio Lotito bedroht und erpresst zu haben. Long John“ hatte ver­sucht mit Hilfe der gewalt­be­reiten Lazio-Ultras Irri­du­ci­bili“ – dem harten faschis­ti­schen Kern der Ultras von Lazio – Druck auf den Ver­eins­boss aus­zu­üben, um ihn zum Ver­kauf des Klubs zu bewegen. Seit 2006 steht Lotito des­halb unter Poli­zei­schutz. Im Anschluss ver­strickte sich der ehe­ma­lige Spieler bei dem Ver­such der Über­nahme von Lazio immer tiefer in die Machen­schaften der Camorra. Die nea­po­li­ta­ni­sche Mafia wollte mit Hilfe von Stroh­män­nern den Verein über­nehmen. Zehn ver­däch­tige Per­sonen wurden in Rom im Juli 2008 wegen des Ver­dachts der Geld­wä­sche fest­ge­nommen. Auch gegen Chi­naglia wurde erneut Haft­be­fehl erlassen. 

Die Paten wollten das Geld offenbar dort inves­tieren, wo sie es noch nie gewagt hatten – in einen Tra­di­ti­ons­verein der ersten Liga. Und sie benutzten Chi­naglia als ihren Stroh­mann. Aller­dings wurde der Stür­mer­star, der in 209 Spielen für Lazio 98 Tore erzielen konnte, nie von einem ita­lie­ni­schen Gericht ver­ur­teilt und lebt heute weit­ge­hend unbe­hel­ligt in den USA. 

Ob man Chi­naglia nun in erster Linie als genialen Stürmer oder als ver­ruchten Kri­mi­nellen ansehen sollte, bleibt dem Betrachter selbst über­lassen. Chi­naglia war ein Grenz­gänger zwi­schen Gut und Böse; in jeder Lebens­lage zu allem fähig. Das ver­deut­licht eines seiner schönsten Tore, wel­ches er im Dress von Cosmos New York erzielte: Mit dem Rücken zum Tor stoppte er ein langes Zuspiel mit der Brust, drehte sich um die eigene Achse und feu­erte den Ball mit einem Seit­fall­zieher unhaltbar in den oberen Winkel. Ein unglaub­lich dyna­mi­sches Tor für einen Mann mit seiner Statur. Ein Moment zum Zun­ge­schnalzen. Unver­gessen.

Ges­tern ist Giorgio Chi­naglia im Alter von 65 Jahren an seinem Herz­in­farkt gestorben.