Seite 2: „Wir hätten ihn gelyncht“

Doch der Anschluss­treffer sollte durch einen Foul­elf­meter fallen. Haben Sie daran geglaubt, mit dem 2:3 die Wende ein­leiten zu können?
Nein, da noch nicht. Zunächst war das nicht mehr als Ergeb­nis­kos­metik. Ich habe mir ein­fach meine Lieb­lings­ecke, vom mir aus gesehen die rechte, aus­ge­sucht und ihn rein­ge­macht, ohne mir groß Gedanken zu machen. Zu dem Zeit­punkt hat noch keiner auf dem Feld, der Trai­ner­bank oder im Sta­dion daran geglaubt, dass wir Dresden aus dem Wett­be­werb schmeißen.

In der 79. Minute haben Sie dann den ent­schei­denden Hand­elf­meter zum 6:3 ver­wan­delt. Dieses Ergebnis hätte bereits für Wei­ter­kommen gereicht. War Ihnen in diesem Moment die Bedeu­tung des Elf­me­ters bewusst?
Ja, und wie. Vor dem Straf­stoß wurde ich plötz­lich extrem nervös. Ich habe mir denn Ball zurecht­ge­legt, zu den anderen Spie­lern geblickt und konnte ihnen ansehen, wie viel Hoff­nung sie in meinen Schuss legten. Sie standen da, hielten die Hände auf dem Kopf und war­teten völlig gebannt auf meinen Schuss.

Hat sich das auf Ihre Ner­vo­sität aus­ge­wirkt?
Als ich das gesehen habe, musste ich schon einige Male tief Luft holen. Auch mein Anlauf war unge­wöhn­lich lang. Ich bin eine halbe Ewig­keit zum Anlauf zurück­ge­gangen und habe über­legt, in welche Ecke ich schießen soll. Dann laufe ich, wähle meine Lieb­lings­ecke – und drin. Der Ball hatte genau zwi­schen die Hände des Kee­pers und den Pfosten gepasst.

Und dann fiel Ihnen Ihr Bruder in die Arme.
Ja, erst mein Bruder, dann alle anderen. Ich hätte das ganze Sta­dion umarmen können. Die ganze Anspan­nung war mit einem Schuss wie weg­ge­blasen. Für mich war klar, dass ich den ent­schei­denden Treffer geschossen hatte. Doch ich war so kaputt, dass ich eine Pause gebraucht hätte.

Anstatt einer Pause war­tete ein Euro­pa­po­kal­fight auf Sie. Dresden kam zurück.
So komisch es klingt: Dresden ist auf­ge­wacht und hat sofort wieder Druck gemacht. Auf einmal waren wir wieder die Gejagten. Bei jedem Dresdner Angriff wurden wir ner­vöser und haben die Bälle nur noch unkon­trol­liert weg­ge­hauen. Unser Keeper, Werner Vollack, musste noch die eine oder andere Parade zeigen. 

Doch dann die 86. Minute: Wolf­gang Schäfer kommt an den Ball und netzt nach einem 80-Meter-Solo zum 7:3 ein.
Der hätte eigent­lich zu meinem Bruder passen müssen. Schäfer läuft aus spitzem Winkel auf Ramme zu, mein Bruder steht mittig völlig frei und könnte den Ball ganz locker ins leere Tor schieben. Doch Schäfer schießt den Tor­wart an, bekommt den Ball wieder vor die Füße, und er macht das 7:3. Wenn er den Ball nicht rein­ge­macht hätte und die Dresdner wären noch zu ihrem Treffer gekommen, hätten wir ihn gelyncht. 

Sie sollen nach dem Schluss­pfiff geschluchzt haben: Mir ist ganz schwin­delig vor Glück“.

Das weiß ich nicht mehr so genau. Ich kann mich nur noch daran erin­nern, dass ich nach dem Spiel keine Stimme mehr hatte und nur rum­ge­piepst habe. Schließ­lich haben wir uns wäh­rend des Spiels fast durch­ge­hend ange­schrieen, um uns hoch­zu­pu­shen. Nach jedem Tor sind wir noch lauter geworden. Und bei der Ehren­runde wurde dann nur noch geschrieen.

Wie haben Sie gefeiert, als das Schreien nach­ließ?
Wir haben in der Kabine noch ein paar Bier getrunken, später in Kre­feld was gegessen und uns dann in alle Winde ver­streut. Ich bin mit Mat­thias Herget in die Düs­sel­dorfer Alt­stadt gefahren.

Eine Knei­pen­tour?
Tour nicht direkt. Wir sind nur in eine Kneipe gegangen: Die Pille“. Der Chef kannte mich flüchtig. Er kam zu unserem Tisch und sagte: Glück­wunsch, das war ja ein Super-Spiel.“ Als ich dann Mat­thias kurz vor­ge­stellt habe, fragte der Chef: Spielst Du auch Fuß­ball?“

Und Her­gets Reak­tion?
Mat­thias musste ganz schön schmun­zeln. Schließ­lich spielte er schon in der Natio­nalelf. Aber er ist ja ein lockerer Typ. Also haben wir den Chef auf­ge­klärt und hatten noch einen richtig schönen Abend.