Seite 2: Wie der Gesang aus Italien nach Liverpool kam

Der Text sagt viel aus über das Selbst­wert­ge­fühl und die Iden­tität der Liver­pud­lians. Sie besingen darin alte Trai­ner­le­genden und Tri­umphe, beschwören ihre Treue und benutzen ein anderes Lied als Ver­satz­stück. The fields of Anfield Road“ ist eine Umfor­mung des Liedes The fields of Athenry“, eines iri­schen Volks­liedes über die Hun­gersnot im 19. Jahr­hun­dert.

Liver­pool ist auch ein Stück Irland, setzen doch seit jeher viele Fans und Arbeiter von Dublin aus über die iri­sche See zur eng­li­schen Hafen­stadt Liver­pool über. Und so wie all die Arbeiter ihr großes Glück an den Docks von Liver­pool suchten, sucht nun auch der bra­si­lia­ni­sche Tor­wart das sei­nige an der Anfield Road, dem Sta­dion von Liver­pool FC.

Doch dieser Fan­ge­sang ver­bindet nicht nur Eng­länder, Iren und Bra­si­lianer. Die Melodie von We’ve con­quered all of Europe“ stammt aus Ita­lien. Sie basiert auf dem Dis­cohit des Jahres 1985 L’Estate Sta Finendo“ (Der Sommer endet) der Band Rig­heira“. Erst in den ver­gan­genen fünf Jahren dich­teten ihn dann ita­lie­ni­sche Fans in den Sta­dien um. Die bekann­teste Ver­sion ist auf den Tri­bünen des Sta­dions San Paolo in Neapel zu hören. Dort schallt es:

Un giorno all’improvviso (eines Tages plötz­lich)

mi inna­morai di te (ver­liebte ich mich in dich)

il cuore mi bat­teva (mein Herz schlägt)

non chie­dermi il perché (frag mich nicht warum)

di tempo ne è pas­sato (die Zeit ver­geht)

ma sono ancora qua (doch ich bin noch hier)

e oggi come allora (und heute wie für immer)

difendo la città (ver­tei­dige ich die(se) Stadt)

Liver­pooler und Napo­li­taner ver­bindet das gleiche Lied als Fan­ge­sang, aber ihre jewei­ligen Texte unter­scheiden sich deut­lich. Die Anhänger des SSC Neapel erwähnen weder alte Heroen noch den Namen des Klubs, dafür über­nehmen sie ita­lie­ni­sche Romantik in ihren Fan­ge­sang. Das Lied für ihren Verein klingt wie ein Lie­bes­be­kenntnis, auch wenn der letzte Vers zunächst als trot­zige Kraft­hu­berei daher­kommen mag. Ich ver­tei­dige diese Stadt! 

Dabei redu­ziert sich das Ver­tei­digen nicht auf kör­per­liche Aus­ein­an­der­set­zungen. Die Bewohner des Südens Ita­liens müssen aus ihrer Sicht verbal ein­stehen gegen die oft her­ab­las­senden und besser betuchten Bewohner des Nor­dens. Die Riva­lität mit dem rei­chen Juventus Turin bei­spiels­weise beinhaltet nicht nur eine sport­liche, son­dern auch eine gesell­schaft­liche Kom­po­nente. Und der Fuß­ball­klub SSC wird in Un giorno all’improvviso“ gleich­ge­setzt mit Neapel. Wer sich einmal in den hie­sigen Gassen nahe des Vesuvs bewegt hat, der wird diese Sym­biose zwi­schen Stadt und Verein ver­stehen.