Was ist nur los im Land des Welt­meis­ters? Fast scheint es, als bewege sich der »Calcio« auf eine Krise zu, wie sie sie einige deut­sche Fuß­ball­fans noch kennen, deren Erin­ne­rungen nicht durch Som­mer­mär­chen­staub zer­setzt wurden. Jüngstes Bei­spiel: Die Posse um Amauri Car­valho de Oli­veira, genannt Amauri.



Um es gleich vorweg zu sagen: Amauri ist mit Sicher­heit kein schlechter Fuß­baller. Schließ­lich ist er momentan mit zwölf Liga­tref­fern Top-Tor­jäger seines Ver­eins, der »Alten Dame« Juventus Turin. Den­noch muss man sich fragen, ob ein Stürmer, der mit Ende zwanzig erst­mals in seiner Kar­riere eine über­durch­schnitt­liche Saison spielte (15 Tore für Palermo 2007/08) tat­säch­lich eine Ablö­se­summe von 22,8 Mil­lionen Euro wert ist. Zum Ver­gleich: dafür hätte sich der FC Bayern Mün­chen gleich zwei Luca Tonis leisten können.

Der Fall Amauri erhitzt bereits seit Wochen die Gemüter der ita­lie­ni­schen Tifosi. Ein Rück­blick: Im April ver­gan­genen Jahres hatte Amauri in einem Inter­view ver­lauten lassen, dass er davon träume, irgend­wann für die ita­lie­ni­sche Natio­nal­mann­schaft auf­zu­laufen. Das klingt zunächst einmal unspek­ta­kulär. Ein­ziges Pro­blem: Amauri ist Bra­si­lianer, geboren ist der 1,86-Meter-Hüne in Cara­pi­cuiba, eine der kleinsten Städte im Bun­des­staat Sao Paulo. Nach Ita­lien kam er erst 2001, blieb dort und erlebte gewis­ser­maßen seinen eigenen »Giro d’Italia«, an dessen vor­läu­figem Ende der ita­lie­ni­sche Rekord­meister aus Turin bereits seine achte Sta­tion dar­stellt.

Aber auch das ist im heu­tigen glo­ba­li­sierten Fuß­ball eigent­lich kein Pro­blem mehr, ver­fügt
die »Squadra Azzurra« mit Camo­ra­nesi doch bereits über einen Spieler, dessen Wur­zeln
eben­falls in Süd­ame­rika liegen, und selbst der Euro­pa­meister aus Spa­nien hat mit Marcos
Senna einen gebür­tigen Bra­si­lianer in seinen Reihen.

Dunga als belei­digte Leber­wurst


Zum Pro­blem wurde es erst, als der inzwi­schen auf Amauri auf­merksam gewor­dene
Team­chef der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft, Carlos Dunga, diesen kurz­fristig für ein
Län­der­spiel im Februar diesen Jahres nomi­nieren wollte. Plötz­lich besann sich der
bra­si­lia­ni­sche Stürmer seiner Her­kunft und war im Begriff, alte Träume über Bord zu werfen,
und wäre dem Ruf gefolgt. Wenn, ja wenn Juventus Turin nicht in fast deut­scher
Gründ­lich­keit darauf ver­wiesen hätte, dass die Frei­stel­lungs­frist von 15 Tagen bereits
abge­laufen war. So blieb Amauri ohne A‑Länderspiel für irgend­eine Nation, und Dunga blieb
nichts anderes übrig, als darauf hin­zu­weisen, dass es auch schon Spieler gegeben hat, die sich über solche Hin­der­nisse hin­weg­ge­setzt haben. Außerdem ver­wies er darauf, dass Bra­si­lien auch ohne Amauri über eine ganze Reihe her­aus­ra­gender Stürmer ver­füge. Klarer Fall von belei­digte Leber­wurst.

Die Reak­tion des Geschol­tenen bestand darin, sich bereits nach kurzer Zeit wieder dem
ita­lie­ni­schen Ver­band anzu­bieten. Diesmal unter­mau­erte er dies zusätz­lich mit einer kleinen
Anek­dote: Vor einiger Zeit sei er einmal Opfer eines ras­sis­ti­schen Zwi­schen­falls geworden.
Ein Apo­theker habe ihn grund­lo­ser­weise des Dieb­stahls bezich­tigt, schlicht des­halb, weil er
Aus­länder sei. Amauri habe dies aber nicht hin­ge­nommen und dem Ras­sisten klar gemacht,
dass mehr Ita­liener ihn ihm stecke als in jedem anderen und er hof­fent­lich eines Tages sogar für die »Squadra Azzurra« spielen werde.

Was folgte, lässt sich als Hom­mage an den Ide­en­reichtum des großen deut­schen
Fuß­ball­leh­rers Erich Rib­beck bezeichnen. In Ita­lien stießen Amauris (pathe­ti­sche) Bekennt­nisse wohl auf offene Ohren, es dau­erte nicht lange, bis in der Ahnen­ga­lerie seiner
bra­si­lia­ni­schen Ehe­frau ita­lie­ni­sches Blut nach­ge­wiesen werden konnte. Amauris Gattin ist seitdem glück­li­chere Besit­zerin der ita­lie­ni­schen Staats­bür­ger­schaft, was wie­derum bedeutet, dass der stür­mende Ehe­mann in sechs Monaten end­lich seinen ver­meint­lich so lang gehegten Traum ver­wirk­li­chen kann und für die »Azzurri« spiel­be­rech­tigt ist.

Die Tifosi nahmen diese Nach­richt mit gemischten Gefühlen auf. Längst haben sich zwei Lager gebildet. Auf der einen Seite, diejenigen,die Amauris fuß­bal­le­ri­sche Wur­zeln ohnehin in Ita­lien sehen und ihn als will­kom­mene Unter­stüt­zung betrachten, auf der anderen Seite solche Fans, die ihm vor allem seinen Flirt mit der Selecao nicht ver­zeihen wollen und es mit Gen­naro Gat­tuso halten. Der erklärte jüngst, der Angreifer solle besser für Bra­si­lien auf­laufen, da er dies scheinbar ohnehin vor­ge­zogen hätte. Und er fügte mit etwas, das sehr an ver­letzen Stolz erin­nerte, hinzu: »Wir sind nicht Aser­bai­dschan oder Finn­land, wir sind Ita­lien, vier­fa­cher Welt­meister!«

Doch Titel schützen nicht vor Krisen. Das ist gerade den deut­schen Fuß­ball­fans allzu bewusst. Ähn­li­ches wie es Ita­lien gerade zu erleben scheint, vollzog sich hier­zu­lande gleich in mehr­fa­cher Aus­füh­rung. Erin­nert sei an die Herren Dundee, Rink und Zebe­scen, um nur
einige zu nennen, die dem damals strau­chelnden Euro­pa­meister um die Jahr­tau­send­wende zu alter Stärke ver­helfen sollten. Die aber, soweit sie denn ein­ge­setzt wurden, nur neue Schwä­chen her­vor­riefen.

EM ohne ein ein­ziges Stür­mertor

Aber natür­lich lässt sich an der Causa Amauri allein keine Krise des ita­lie­ni­schen Fuß­balls
erkennen. Doch muss die Frage erlaubt sein, ob einem Spieler wie Amauri ob seines Ver­hal­tens über­haupt noch wei­teres Inter­esse ent­ge­gen­ge­bracht worden wäre, wenn Ita­lien nicht eine so erbärm­liche Euro­pa­meis­ter­schaft hätte – ohne dabei ein ein­ziges Stür­mertor zu erzielen.

Auch die jüngsten Ergeb­nisse der »Squadra Azzurra« waren alles andere als über­zeu­gend. Der ein­zige Sieg aus den letzten vier Spielen resul­tiert aus einem knappen 2:1‑Erfolg gegen Mon­te­negro. Zuvor gab es ein 0:0 gegen Bul­ga­rien, Grie­chen­land spielte man eben­falls Unent­schieden – 1:1. Zuletzt dann noch die 0:2‑Pleite gegen eine deut­lich über­le­gene Elf aus Bra­si­lien, bei der es der alte und neue Coach Mar­cello Lippi nur mit Mühe und Not schaffte, das Durch­schnitts­alter seiner Anfangself unter die omi­nöse 30-Jahre-Marke zu drü­cken.

Doch nicht nur die Natio­nal­mann­schaft hat bereits bes­sere Zeiten gesehen, auch bei den
Ver­einen läuft es der­zeit alles andere als rund. Die sonst im inter­na­tio­nalen Ver­gleich so
starke Serie A sam­melte im letzten Jahr erst­mals nach gefühlten Äonen weniger Punkte für
die UEFA-Fünf­jah­res­wer­tung als die Bun­des­liga. In diesem Jahr scheint es nicht besser zu
laufen. In das Ach­tel­fi­nale des Uefa-Cups schaffte es mit Udi­nese Calcio nur eine ein­zige ita­lie­ni­sche Mann­schaft, in der Cham­pions League bangen Juventus und die Roma nach 1:0- Nie­der­lagen im Hin­spiel gegen Chelsea und Arsenal um das Wei­ter­kommen. Für Inter muss nach einem 0:0 gegen Titel­ver­tei­diger Man­chester im Rück­spiel in »Old Traf­ford« gar fast ein Wunder her. In den ita­lie­ni­schen Gazetten ist bereits vom »dis­astro europeo« die Rede.

Aber wie das mit Krisen im Fuß­ball so ist, sie gehen meist genauso schnell, wie sie gekommen sind. Noch stehen die »Azzurri« in ihrer WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe auf Platz eins. Und sollten die ita­lie­ni­schen Ver­eine in Europa doch noch einmal die Kurve kriegen, wird aus dem »dis­astro« ganz schnell der »tri­onfo« (zu deutsch: Tri­umph) werden.

Und Amauri? Der träumt schon wieder. Diesmal vom Con­fe­de­ra­tions Cup, bei dem er im kom­menden Sommer erst­mals für Ita­lien spielen will. Und wenn es bis dahin nicht klappt mit der Staats­bür­ger­schaft: Bra­si­lien ist eben­falls qua­li­fi­ziert.