Holger Hie­ro­nymus, das Struk­tur­mo­dell Ihrer Initia­tive HSVplus“ zur Reform des Ham­burger SV ist auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung mit fast 80 Pro­zent der Stimmen ange­nommen worden. Wie fühlen Sie sich als Revo­lu­tionär?
Das war keine Revo­lu­tion, son­dern eine demo­kra­ti­sche Abstim­mung. Des­halb fühle ich mich nicht als Revo­lu­tionär.

Mit dem Abstim­mungs­er­gebnis ist die Aus­la­ge­rung der Lizenz­ab­tei­lung aus dem ein­ge­tra­genen Verein auf den Weg gebracht.
Wir haben uns seit Juli 2013 viele Gedanken über den HSV der Zukunft gemacht, die wir den Mit­glie­dern in zahl­losen Gesprä­chen ver­deut­licht haben. Und offenbar hält eine über­wäl­ti­gende Mehr­heit der HSV-Mit­glieder unseren Weg für den Rich­tigen.

Ihr Antrag muss im Sommer auf einer außer­or­dent­li­chen Mit­glie­der­ver­samm­lung per Drei­vier­tel­mehr­heit bestä­tigt werden, erst dann ist er rechts­kräftig. Klappt das?
Wenn wir 79,4 Pro­zent in einer Sit­zung bekommen, in der auch noch andere Kon­zepte vor­ge­stellt werden, können wir opti­mis­tisch sein, im Sommer noch einmal 75 Pro­zent der Mit­glieder auf unsere Seite zu ziehen.

Auch ohne die Brief­wahl, die auf der Ver­samm­lung abge­lehnt wurde?
Das muss auch so klappen.

Der Abstim­mung für Ihr Kon­zept könnte es helfen, wenn der HSV in der Rück­runde ähn­lich schlechte Leis­tungen in der Bun­des­liga ablie­fert, wie in der Hin­serie, oder?
Die Stim­mung unter den Mit­glie­dern für die bestehenden Ver­hält­nisse würde das viel­leicht nicht gerade beflü­geln, das mag sein. Aber mir per­sön­lich liegt das Wohl des HSV am Herzen. Und das hängt eng mit dem sport­li­chen Erfolg zusammen. Auch als Sportler kann ich nur hoffen, dass der Klub gut aus der Win­ter­pause kommt. Ich möchte wirk­lich nicht Pro­fi­teur einer Situa­tion sein, wo der HSV in Bedrängnis gerät. 

Wie ist die Struktur Ihrer Initia­tive, der neben Ihnen auch Horst Hru­besch, Thomas Von Heesen und Ditmar Jakobs ange­hören?
Ernst-Otto Rieck­hoff ist der Initiator, er hat den Motor ange­worfen. Wir ehe­ma­lige Kurz­ho­sen­ar­beiter und ein paar Leute, die was auf dem Kasten haben, fun­gieren als Unter­stützer.

Rieck­hoff hat klar gesagt, dass er trotz des Wahl­er­folgs für HSVplus“ für ein Amt nicht zur Ver­fü­gung steht. Wie ist das mit Ihnen?
Es gibt kein Schat­ten­ka­bi­nett, aber es ist klar, dass wir in abseh­barer Zeit den Medien auch Köpfe prä­sen­tieren müssen.

Welche Ämter könnten die Ex-Profis bekleiden?
Horst Hru­besch hat sich klar posi­tio­niert, er ist der Trainer der zwei­wich­tigsten Natio­nalelf in diesem Land und spielt eine schwie­rige Qua­li­fi­ka­tion, er wird für ein Amt wohl nicht zur Ver­fü­gung stehen. Ditmar Jakobs hat gesagt, dass sich ein Amt mit seiner beruf­li­chen Situa­tion nicht ver­ein­baren lässt. Es geht eben nicht, dass wir alles stehen und liegen lassen, denn eine Auf­gabe beim HSV würde viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen.

Sie hin­gegen bekleiden gegen­wärtig keine kon­krete Auf­gabe.
Der Zeit­faktor wäre nicht mein Pro­blem, das stimmt. Aber ich sitze nicht zuhause und lang­weile mich. Ganz davon abge­sehen geht es auch nicht um mich. Denn sollte es zu einer neuen Ver­eins­struktur kommen, werden die Gre­mien der Mit­glie­der­ver­samm­lung Per­sonen für bestimmte Posi­tionen vor­schlagen, die dann dar­über abstimmt.

Jetzt eiern Sie aber rum.
Dann sag ich es so: Ich kann mich den Worten von Thomas Von Heesen anschließen…

…die da lau­teten?
Wenn meine Mit­ar­beit gewünscht wird, wird es sicher nicht an der feh­lenden Zeit schei­tern. Dass wir vier Ex-Profis HSVer sind, müssen wir nie­manden mehr beweisen, aber so eine Auf­gabe ist mit viel Arbeit ver­bunden. Aber unter bestimmten Vor­aus­set­zungen kann ich mir vor­stellen, mich zur Ver­fü­gung zu stellen.

Der HSV hat Ver­bind­lich­keiten von rund 100 Mil­lionen Euro, die ver­gan­gene Saison hat der Klub mit einem Minus von 9,8 Mil­lionen Euro abge­schlossen.
Ich kenne diese Zahlen auch nur aus der Medi­en­be­richt­erstat­tung.

Und das wollen Sie mit HSVplus“ begra­digen und besser machen?
Das klingt, als wäre früher alles schlecht gewesen. So ist es ja gar nicht. Dar­über zu dis­ku­tieren lehne ich in dieser Phase auch ab, denn es ist noch nicht sicher, dass wir wirk­lich die Mög­lich­keit bekommen, es anders zu machen. Unsere Idee war, das Pro­blem der Rechts­form­ver­feh­lung aus der Welt zu schaffen, die auch bei einigen anderen ein­ge­tra­genen Ver­einen in der Bun­des­liga noch besteht.

Sprich: Sie wollen die Aus­la­ge­rung der Pro­fi­ab­tei­lung aus dem e.V..
Die Gemein­nüt­zig­keit des ein­ge­tra­genen Ver­eins kol­li­diert steu­er­lich mit dem wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb der Bun­des­liga. Es ist bis­lang zwar noch zu keiner Rechts­ver­let­zung gekommen, aber das Pro­blem steht latent im Raum. Auf dieser Grund­lage haben wir den Ansatz ent­wi­ckelt, den Spiel­be­trieb wie übri­gens Zwei­drittel der Bun­des­li­gisten aus dem gemein­nüt­zigen Verein in einer Kapi­tal­ge­sell­schaft aus­zu­la­gern. So eine Aus­la­ge­rung hätte den posi­tiven Neben­ef­fekt, dass der HSV über stra­te­gi­sche Partner nach­denken könnte, auch um von den Ver­bind­lich­keiten her­un­ter­zu­kommen. Unser Grund­ge­danke bei HSVplus“ ist also zunächst die Aus­la­ge­rung, um neue Optionen zu erschließen. Denn stra­te­gi­sche Partner kann man recht­lich nicht in einen gemein­nüt­zigen Verein auf­nehmen.

Ernst-Otto Rieck­hoff geht nach ersten Gesprä­chen mit stra­te­gi­schen Part­nern“, also Inves­toren, davon aus, dass der HSV in der nächsten Saison durch Anteils­ver­käufe von bis zu 24,9 Pro­zent bis zu 100 Mil­lionen Euro ein­nehmen könnte – und damit auf einen Schlag schul­den­frei wäre.
Da muss ich jetzt mal rein­grät­schen. Rieck­hoff hat einen Betrag in dieser Grö­ßen­ord­nung in den Raum gestellt, weil ihm unter­stellt wurde, das Kon­zept HSVplus“ plane, sinnlos Anteile am HSV zu ver­scha­chern. Er wollte damit ver­deut­li­chen, dass ein Anteils­ver­kauf nur in Frage kommt, wenn ein sehr nen­nens­werter Betrag dafür fließen würde. Ob 100 Mil­lionen Euro – oder mehr oder auch weniger – rea­lis­tisch sind, lässt sich erst sagen, wenn wir alle Bilanzen aus den Toch­ter­ge­sell­schaften kennen und auch der Wert der Marke HSV“ ermit­telt ist.

Die Gegner von HSVplus“ im Auf­sichtsrat stehen Ihnen sehr kri­tisch gegen­über. Eckart West­phalen sprach von einer fol­gen­schweren Ent­schei­dung“, Man­fred Ertl hält eine Aus­glie­de­rung in Ihrem Sinne für ein Expe­ri­men­tier­feld“ mit unab­seh­baren Folgen, für Jürgen Hunke käme ein Anteils­ver­kauf der Ver­äu­ße­rung des Tafel­sil­bers“ gleich. Was ent­gegnen Sie diesen Leuten?
Gar nichts mehr. Wir haben uns auch mit den genannten Per­sonen im Vor­feld aus­führ­lich aus­ge­tauscht. Da gibt es unter­schied­liche Auf­fas­sungen, die wir ver­sucht haben zusam­men­zu­führen. Leider ist ein Kom­pro­miss nicht gelungen. Nun haben die Mit­glieder ent­schieden. Ende der Dis­kus­sion.

Ver­stehen Sie die Angst vor dem Ein­stieg von Olig­ar­chen und schwer durch­schau­baren Inves­toren?
Die Fans fürchten sich vor einem Modell, wie es in Eng­land bei­spiels­weise beim FC Chelsea vor­herrscht, wo ein Roman Abra­mo­witsch sich einen Klub zu ein­hun­dert Pro­zent ein­ver­leibt hat. Diese Angst kann ich nach­voll­ziehen, aber sie ist schon allein des­halb unbe­gründet, weil die DFL die 50+1‑Regel auf­ge­stellt hat und wir diese Rege­lung on top auch noch in unserer Sat­zung ver­an­kert haben. Es wären nur maximal 24,9 Pro­zent Anteile, die theo­re­tisch an Partner ver­äu­ßert werden könnten.

Ein mög­li­cher stra­te­gi­scher Partner“ könnte der Investor Klaus-Michael Kühne sein, der bereits den Rück­transfer von Rafael Van der Vaart nach Ham­burg mit seinen Mil­lionen bezu­schusst hat. Viele Fans fürchten sich davor, dass der Klub in Abhän­gig­keit zu Mäzenen wie ihm geraten könnte.
Bei Herrn Kühne gab es in der Ver­gan­gen­heit keine mate­ri­ellen Inter­essen, die er bei seinem Invest ver­folgt hat. Im Übrigen ist längst nicht klar, ob es Herr Kühne wäre, der bei uns ein­steigt. Dazu müssten im Sommer erst einmal die Vor­aus­set­zungen durch die end­gül­tige Ent­schei­dung der Mit­glieder geschaffen werden. Des­halb gehört es sich nicht, über die Inter­essen von Herrn Kühne oder anderen mög­li­chen Inves­toren zu spe­ku­lieren. Wenn es soweit kommen sollte, hängt es auch von der Ver­trags­ge­stal­tung ab und dabei hat der HSV genauso das Recht mit­zu­spre­chen wie ein mög­li­cher Geld­geber. Bitte bedenken Sie, dass wie durch die langen Dis­kus­sionen genau wissen, was die Mit­glieder nicht wollen. Ein Vor­stand wird sich also bei einem even­tu­ellen Ein­stieg von Inves­toren genau über­legen, welche Ver­trags­klau­seln dem Mit­glie­der­votum ent­ge­gen­stehen. Es wäre aber absurd zum jet­zigen Zeit­punkt Ver­trags­sze­na­rien zu dis­ku­tieren. Aber mit sol­chen Mit­teln ist es natür­lich sehr ein­fach, Mit­glie­dern Angst zu machen.

Klaus-Michael Kühne hat gesagt, er könne sich Felix Magath in einer lei­tenden Funk­tion beim HSV vor­stellen. Ihr alter Mit­streiter aus Meis­ter­jahren Anfang der Acht­ziger fehlt in Ihrem Ex-Profi-Quar­tett bei HSVplus“ aller­dings noch.
Ich habe das nur den Medien ent­nommen. Um es deut­lich zu sagen: Wir haben uns bei HSVplus“ nicht zusam­men­ge­funden, um uns Pöst­chen zuzu­schieben. Mein bester Freund, Ditmar Jakobs, und ich haben im ver­gan­genen Sommer ange­fangen zu dis­ku­tieren, wie wir dem HSV helfen könnten. Da habe ich gesagt: Ditmar, kein Staats­an­walt wird dich ver­klagen, wenn du jetzt nicht ein­greifst.“ Will sagen: Wir sind völlig frei, ob wir uns enga­gieren oder nicht. Unter dieser Prä­misse kamen dann Thomas Von Heesen und Horst Hru­besch dazu. Wer da wen ange­rufen hat, kann ich gar nicht mehr reka­pi­tu­lieren, es ging nur darum, etwas zu machen – und zwar gemeinsam. Dieser Team­ge­danke stand im Vor­der­grund, keiner ist allein vor­ge­prescht. Als wir dann die Medi­en­be­richt­erstat­tung um Herrn Kühne und Felix Magath mit­be­kamen, haben wir daraus geschlossen, dass Felix den Weg wohl lieber alleine gehen will.

Wie hat sich das Abstim­mungs­er­gebnis bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung für Sie ange­fühlt.
Ins­ge­samt waren wir 12 Ver­treter von HSVplus“, also in etwa eine Fuß­ball­mann­schaft. Für uns vier Ex-Kicker hat es sich wie ein 2:1‑Sieg gegen Bayern Mün­chen in einem Bun­des­li­ga­spiel ange­fühlt. Für die Jungs, die nicht aus dem Fuß­ball kommen, war es wohl eher ein 2:1‑Sieg gegen Bayern Mün­chen am letzten Spieltag bei gleich­zei­tigem Gewinn der Meis­ter­schaft.
 
HSVplus“ plä­diert auch dafür, den Auf­sichtsrat zu ver­klei­nern. Der Auf­sichtsrat ist bei der Ver­samm­lung nicht ent­lastet worden. Auch ein Punkt für Ihre Initia­tive.
Über­haupt nicht. Wir haben uns aus inhalt­li­chen Dis­kus­sionen weit­ge­hend raus­ge­halten. Per­sön­liche Angriffe haben wir bewusst ver­mieden. Wir haben auf diese Ver­samm­lung hin­ge­ar­beitet, um zu sehen, wie die Mit­glieder ent­scheiden. Den Rest nehmen wir zur Kenntnis. Punkt.

Was liegt nun an Arbeit vor Ihnen?
Ich habe gerade mit Ernst-Otto Rieck­hoff tele­fo­niert, er soll sich jetzt mal zwei Tage hin­legen, auf Antrag kann er gerne noch einen dritten Tag frei bekommen. (lacht) Ansonsten steht jetzt der Vor­stand in der Pflicht. Durch die Ent­schei­dung ist der Vor­stand von der Mit­glie­der­ver­samm­lung beauf­tragt worden, analog zu unseren Unter­lagen zu prüfen, wie eine Aus­la­ge­rung und eine ent­spre­chende Sat­zungs­än­de­rung von statten gehen könnte.

Können Sie als Ex-Profi und Teil der Klub­ge­schichte ver­stehen, dass beim HSV noch viele an der alten Struktur des gemein­nüt­zigen Ver­eins fest­halten wollen?
Ich ver­stehe jeden. Ich respek­tiere auch demo­kra­tisch getrof­fene Ent­schei­dungen. Als Manager des HSV und Geschäfts­führer bei der DFL habe ich aller­dings die Ent­wick­lungen im Pro­fi­fuß­ball hautnah mit­er­lebt. Und aus dieser Per­spek­tive kann ich nur sagen, dass es roman­tisch klingt, dass der HSV vor 30 Jahren als ein­ge­tra­gener Verein wun­derbar um die Meis­ter­schaft und den Euro­pacup mit­ge­spielt hat, aber die Ent­wick­lung nicht stehen geblieben ist. Es gibt genü­gend gute Bei­spiele, dass ein Klub mit anderen Struk­turen auch eine andere Wirt­schafts­kraft ent­wi­ckelt. Diesen Vor­aus­set­zungen muss sich der HSV anpassen, denn der Markt wird sich wohl nicht dem HSV anpassen. Und aus eigener Kraft wird der Klub nicht mehr in der Lage sein, wieder zu Spit­zen­gruppe in der Bun­des­liga auf­zu­schließen.