Georg Mathisen, wie wird man als Nor­weger Fan eines schot­ti­schen Dritt­li­gisten ohne jede sport­liche Rele­vanz?
Ich arbeite haupt­be­ruf­lich als Jour­na­list. Vor knapp 15 Jahren hörte ich das erste Mal von den Nor­we­gian Sup­por­ters“ und wollte ihre Geschichte in unserer Heimat bekannter machen. Also ging ich aus beruf­li­chen Gründen mit auf die Reise nach Schott­land– und kam als Fan des Sten­house­muir FC zurück. Trotz aller Objek­ti­vität war ich sofort infi­ziert.

Was fes­selte Sie so an diesem Klub?
Mehr als der Klub hat mich erst einmal die Idee hinter dem Sup­por­ters Club fas­zi­niert. Die Ran­gers oder Celtic kann jeder gut finden, aber wer sich einen sport­lich dritt­klas­sigen Klub ver­schrieben hat, hebt sich von der grauen Masse der Fans ab. Wir sind mitt­ler­weile knapp 80 Mit­glieder, alle­samt beson­dere Cha­rak­tere. Min­des­tens zwei Mal im Jahr kommen min­des­tens 20 Leute zusammen, um sich irgendwo im Nir­gendwo scheuß­li­chen Fuß­ball anzu­sehen. (lacht) Dass man in seiner Frei­zeit sinn­vol­lere Dinge anstellen kann, wissen wir alle. Und doch gehen wir immer wieder auf die Reise.

Doch warum gerade der Klub Sten­house­muir FC?
Damals ließen sich die beiden Gründer, die Gebrüder Wolf, an einem Neu­jahrs­morgen vor dem Fern­seher allein vom Namen des Klubs fes­seln. Das ist mitt­ler­weile 20 Jahre her und doch ist aus dieser Schnaps­idee so viel mehr ent­standen. Sten­house­muir ist nicht nur ein Fuß­ball­klub, für uns ist er ein Lebens­ge­fühl.

Wel­chen Ein­fluss haben die Bil­lig­flug­li­nien auf die Rei­se­freude der Nor­we­gian Sup­por­ters“?
Sie haben die Reisen ver­ein­facht. Inner­halb von drei Stunden können wir von Oslo nach Stenny kommen. Aber auch in den Zeiten vor Ryanair und Co. gingen wir auf Reisen, das war mit­unter aben­teu­er­lich. Wir fuhren mit der Fähre, mit dem Auto, waren auch mal über 20 Stunden unter­wegs. Das ist heute natür­lich deut­lich unkom­pli­zierter.

Der Klub hat den Prä­si­denten der Nor­we­gian Sup­por­ters“, Terke Eriksen, vor Jahren zum Ehren­prä­si­denten ernannt, zudem wurde die ein­zige Sitz­platz­tri­büne des Sta­dions in Nor­we­gian Stand“ umbe­nannt.
Eine tolle Geste, oder? Im Gegenzug enga­gieren wir uns für den Klub – ideell und finan­ziell. Auf unserer som­mer­li­chen Fjor­d­fahrt gibt es eine Tom­bola und viele kleine Aktionen, mit denen wir Geld für den Verein sam­meln. Damit unter­stützen wir die Jugend­ar­beit des Ver­eins und setzen uns für den Erhalt des Sta­dions ein. Wenn man so will, ist im Laufe der Jahre eine wahre Sym­biose zwi­schen Fans und dem Klub ent­standen.

Und der Klub kann sein Glück kaum fassen.
Vor einigen Jahren wurde Stenny zum Com­mu­nity-Club umge­wan­delt. Er gehört also den ein­fach Leuten. Dem Bau­ar­beiter, den Eltern, dem erfolg­rei­chen Geschäfts­mann. Jeder hat das Recht Dinge im Klub zu ver­än­dern und gegen bestimmte Ent­schei­dungen seine Stimme zu erheben. Dieser Gemein­schafts­ge­danke hat etwas Roman­ti­sches, dass der Fuß­ball heute immer mehr ver­liert. Auch ein Grund, Stenny zu lieben. 
 
Wie oft im Jahr reisen Sie nach Sten­house­muir?
Min­des­tens fünf Mal. Meine Tochter stu­diert mitt­ler­weile in der Nähe der Stadt, so kann ich meine beiden großen Lieben mit­ein­ander ver­binden: Meine Familie und Stenny.

Wie eng ist der Kon­takt zu den Ver­ant­wort­li­chen des Klubs?
Wir stehen regel­mäßig in Kon­takt. Bei jedem Besuch lädt uns der Vor­stand zum Essen ein, wir tau­schen uns über das Jahr immer wieder über Ideen für die Zukunft aus. Über die Jahre sind hier zahl­reiche enge Bin­dungen ent­standen, die über den Sup­port eines Fuß­ball­klubs hin­aus­gehen.

Haben Sie dafür ein Bei­spiel?
Einmal kamen wir am Flug­hafen in Edin­burgh an, als unser Prä­si­dent Terje von einem jungen Mann am Zoll ange­halten wurde. Terje wollte sich gerade so richtig auf­regen, als der Kerl im lächelnd erzählte, dass er einst in der Jugend von Sten­house­muir gespielt hat. Terje hatte seine Mann­schaft vor Jahren nach Oslo ein­ge­laden, wo sein Team dann bei einem Erst­li­ga­spiel an den Händen der Profis in Sta­dion ein­laufen durfte. Das war vor über zehn Jahren, aber für den Kerl ein unver­gess­li­ches Erlebnis. Er hat sich ein­fach nur bedankt.

Wie oft müssen Sie den Leuten eigent­lich erklären, dass Sie nicht voll­kommen ver­rückt sind?
Das kommt vor. Aber ich schlage diesen Leuten dann vor, doch ein­fach mit uns nach Schott­land zu kommen. Das zeigt Wir­kung: Jeder der einmal zu Stenny kommt, schwört bald wieder zurück­zu­kehren. Oder ich erzähle ihnen die Geschichte von Denny.

Denny?
Ein Junge, der sicher kein ein­fa­ches Leben gehabt hat. Er ist kör­per­lich beein­träch­tigt und lebt mitt­ler­weile in Gloucester, das liegt sechs Stunden von Sten­house­muir ent­fernt. Und trotzdem kommt er zu jedem Heim­spiel des Klubs. Wenn wir da sind, reist er manchmal einen Tag früher an, damit wir Zeit für ein ruhiges Gespräch im Pub haben. Wo gibt es so etwas denn sonst noch?

Mitt­ler­weile hat der Klub sogar Fans in den Nie­der­landen und Aus­tra­lien. Wissen Sie, wie das ent­standen ist?
Stenny ist ein Mythos, der nicht zu erklären ist. Als wir nach dem letzten Heim­spiel der Saison in die Wee Bar“ im Inneren des Sta­dions kamen, waren diesmal Jungs aus Dublin und Ports­mouth da. Sie alle kommen wie die Motten zum Licht. Warum? Das kann keiner so genau erklären. Wahr­schein­lich geht das auch gar nicht.


Von Oslo nach Sten­house­muir – Unter­wegs mit den Nor­we­gian Sup­por­ters“. Die ganze Repor­tage findet sich in der aktu­ellen 11FREUNDE #152