Wie der polnische Verband seinen Fans Grund zur Freude gibt

Football and Chill

Der polnische Verband hat eine Art »Fußball-Netflix« mit allen Länderspielen der vergangenen Jahrzehnte erstellt. Wir finden: Geile Idee! Und hätten noch ein paar Vorschläge.

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Jugoslawien ’74, Bulgarien ’83, Moldawien ’96 – was sich liest, wie die alten Reiseplanungen unserer Großeltern im VW-Bulli, bildet für einige Fußballfans das aktuelle Fernseh-Programm. Grund dafür ist die neue Online-Bibliothek des polnischen Fußballverbands PZPN, in der die Verantwortlichen alle Länderspielbegegnungen seit dem Jahr 1972 hochgeladen haben. So ist es jetzt möglich, sich kostenlos durch sämtliche Nationalelf-Partien der letzten Jahrzehnte zu klicken – einzige Voraussetzung zum Erstellen des Zugangs: ein Email-Account und kleinere polnische Sprachkenntnisse (oder sehr viel Geduld beim Ausprobieren). 

 

Ein perfekter Zeitvertreib also für die kalten Wintermonate, denn wem wird schließlich nicht warm ums Herz bei Klassikern wie Polen gegen Malta 1981 oder Georgien gegen Polen 1997? Auch wenn manch erfahrener Zuschauer derartige Kracherpartien aus dem Effeff kennt, wird die »Biblioteka PZPN« rege genutzt. Im Internet-Portal »Reddit« gaben einige User an, obwohl sie ansonsten keine großen Fußballfans seien, sich nun durch die komplette Länderspielgeschichte Polens klicken zu wollen. Andere Nutzer erklärten, gar nicht gewusst zu haben, wo man sich alte Fußball-Partien ansonsten hätte anschauen können. Kurz: Das Format kommt an. Und so häufen sich bereits die Forderungen, das sogenannte »Fußball-Netflix« auf alle internationalen Spiele polnischer Vereine auszuweiten. Wir meinen: Das ist noch viel zu wenig. Schließlich gibt es genügend Verbände, die mit einer ähnlichen Online-Sammlung unsere Sonntage verschönern könnten.

 

Trost durch Zinédine Zidane

 

Optimal eignet sich zum Beispiel eine Galerie aller französischen Länderspiele der vergangenen Jahre. Denn wer würde sich nach der nächsten 0:7-Pleite gegen das alternde Kreisliga-Team aus dem Nachbar-Dorf nicht gerne Frankreichs Viertelfinalspiel bei der WM 2006 anschauen? Einfach nur, um Zinédine Zidane dabei zuzusehen, wie er die komplette brasilianische Mannschaft im Alleingang demontiert. Und um beim Anblick der machtlosen Seleção zu denken: »Ich bin nicht der Erste, für den der Gegner heute einfach eine Nummer zu groß war.«

Wie tröstend wäre es außerdem, nachdem auch die nächste Beziehung in die Brüche gegangen ist, (beziehungsweise nur »eine kurze Pause zum Nachdenken« eingelegt wurde), sich durch alle holländischen Länderspiele der 90er-Jahre zu klicken? Vielleicht könnten wir uns wenigstens beim Zuschauen kurz daran erinnern, wie schön es war, so sanft berührt zu werden wie in jenem Moment der Ball bei Dennis Bergkamps erstem Kontakt. 

Und nicht zuletzt wäre selbst eine Online-Mediathek mit allen Spielen der deutschen Nationalelf interessant. Denn wem nach dem gestrigen Bar-Aufenthalt mal wieder der Kopf dröhnt, empfehlen wir, am nächsten Morgen bei der »Schande von Gijon« den Kater auszuschwitzen. Zwei demotivierte Mannschaften, nur Rückpässe und keine Torschüsse. Optimale Bedingungen, um ruhig und gemächlich in den Tag zu starten. 

 

Bis zur nächsten Mediathek

 

Also, liebe Verbände: Wenn ihr euren Fans eine ähnliche Freude wie der PZPN bereiten wollt, könnt ihr gerne mit einer Sammlung eurer Nationalspiele nachziehen. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten – und noch einmal das Traum-Solo des polnischen Flügel-Dribblers Robert Gadocha 1974 gegen Haiti zu bewundern.  

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