Wie der DFB Rassismus kleinredet

All die vielen Einzelfälle

Der DFB tut rassistische Vorfälle gerne als »Einzelfälle« ab. Die Strategie dahinter: Wenn niemand drüber redet, wird das Problem nicht groß. Er bewirkt damit aber genau das Gegenteil.

Sebastian Wells

Wenn es bei Fußballspielen zu rassistischen Vorfällen kommt, verkünden Mitarbeiter der betroffenen Vereine häufig: »Das sind nicht unsere Fans!« Auch der Deutsche Fußball-Bund greift gerne zu diesem rhetorischen Exklusionskniff.

Nur ein Beispiel: Als im September 2017 die DFB-Elf in Prag gegen Tschechien spielte, erklangen aus dem deutschen Fanblock Sieg-Heil-Rufe. Bundestrainer Jogi Löw sagte auf der Pressekonferenz: »Das sind nicht unsere Fans.« Verbandspräsident Reinhard Grindel schrieb in einem Statement: »Ihr seid nicht unsere Fans.« Und Verteidger Mats Hummel befand in einem Interview gar: »Das sind keine Fußballfans.«

Man muss es an dieser Stelle einmal so klar aufschreiben: Das ist riesengroßer Quatsch! Denn warum sollten Rassisten, Neonazis und andere Idioten sich nicht für Fußball interessieren? Warum sollten sie nicht sogar Anhänger eines Bundesligisten oder der DFB-Elf sein?

Bloß nicht zu laut drüber reden!

In einem aktuellen Rassismus-Eklat verfolgt der DFB eine ähnliche Strategie: Bloß nicht zu laut drüber reden! Bloß nicht zu konkret benennen! Bloß nicht zu tief in der Scheiße wühlen, denn sie könnte nach oben kommen. Und herrje, sie ist ja sogar braun!

Aber von vorne.

Vergangenen Mittwoch spielte die deutsche Nationalelf gegen Serbien, der Freundschaftskick endete 1:1, am Tag danach drehte sich die Berichterstattung vor allem um ein Video, das ein Zuschauer, der Sportjournalist Andre Voigt, nach dem Spiel aufgenommen hatte. Drei Sitznachbarn, so erzählte er, hätten die Spieler Leroy Sané und Ilkay Gündogan mehrfach rassistisch beleidigt. Es sei eine Atmosphäre »wie beim AfD-Parteitag« gewesen. Das Video schlug einige Wellen, verschiedene Medien berichteten, auf 11freunde.de schilderte Voigt das Erlebte. Erschreckend ist vor allem, dass Voigt auf der Tribüne keine Unterstützung der anderen Zuschauer bekam, nachdem er die drei Rassisten zur Rede gestellt hatte. »Es gab niemanden. Im Gegenteil: Eine unbeteiligte Frau pflichtete dem einen Krawallmacher noch bei, dass man heutzutage ja nicht einmal mehr Zigeunerschnitzel sagen dürfe.«

Rassismus? Ein Einzelfall!

Der DFB musste reagieren. Und er tat es, wie er es immer tut. Diesmal durfte Cacau etwas sagen. Der ehemalige Nationalspieler, seit November 2016 Integrationsbeauftragter des DFB, gab in einem Interview mit dem »Focus« zu, dass er das Andre Voigts Videobotschaft nicht gesehen habe, »mit Absicht«. Und schon hier gerät der Leser ins Stocken: Ein DFB-Mitarbeiter, der sich qua seines Jobs mit dem Thema Rassismus beschäftigt, ignoriert den Aufschrei eines Fans, der Rassismus anspricht? Mit Absicht? Das ist so, als würde ein Kriminalpolizist ein Beweisstück ablehnen, das ihm ein Zeuge auf die Wache bringt. »Kein Bedarf, es könnte die Sache zu kompliziert machen.«

Der Brasilianer Cacau ist das, was man beim DFB einen Vorzeigeprofi und bei der CDU einen guten Migranten nennt. Vor 19 Jahren kam der gläubige Christ nach Deutschland, er lernte die Sprache in Windeseile, er passte sich an, er spielte für eine türkische Mannschaft in München, danach in der Bundesliga für den 1. FC Nürnberg und den VfB Stuttgart. Später ließ er sich einbürgern, und eines Tages durfte er auch das Trikot der deutschen Nationalmannschaft tragen. Er ist einer, den sogar der aktuelle DFB-Präsident Reinhard Grindel, der Multikulti ja eigentlich für »Kuddelmuddel« hält, gerne als Paradesbeispiel der perfekten Integration präsentiert.

Zumal Cacau in seiner neuen Heimat nie mit dem Finger auf andere zeigen würde. Die Erzählung des bösen und fremdenfeindlichen Deutschen verneint er jedenfalls stets. Rassismus, so wiederholte Cacau schon als aktiver Profi gebetsmühlenartig, habe er nie erlebt. 2010 sagte er in einem Interview mit dem »Hamburger Abendblatt«: »Alle haben zu mir gesagt: Pass auf mit Rassismus. Ich habe eigentlich das Gegenteil erlebt.« Er habe die Leute angelacht, und sie hätten ihn mit einem Lachen im Gesicht empfangen. Ach, du schönes, buntes Deutschland.

Bis heute hält Cacau an diesem Narrativ fest. Er bewertet Rassismus von oben. Aus einem Glauben heraus, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich anpasst. Aus der Perspektive eines dunkelhäutigen Mannes, dem nie Rassismus widerfahren ist – weshalb das Problem für ihn nicht existent scheint.