Wie David Wagner Schalke wiederbelebt

Die Mutprobe

David Wagner hat Schalke 04 auf Tabellenplatz drei geführt. Wir haben ihn für ein langes Porträt besucht und dabei gemerkt, wie Wagner einen ganzen Klub wachrütteln will – und was der Verein dabei von seiner Mutter lernen kann.

Henning Ross
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Hinweis: Dieser Text erschien erstmals in unserem Bundesliga-Sonderheft im August 2019. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhältlich.

Der Trainingskiebitz mit dem hellen karierten Hemd in der Jeans mustert die Spieler. Sie schlendern nach den Übungen teilnahmslos in ihren Kabinentrakt. Der ältere Herr schüttelt den Kopf. »Guckse dir an, dat is doch keine Truppe, dat wird doch nix. Die spieln um Abstiech.« Er sieht den Trainer David Wagner, wie er angeregt mit dem Verteidiger Benjamin Stambouli diskutiert. »Da könnse den Klopp holn. Dat würd auch inne Buchse gehn.« Er wirft die Hände von sich. Immerhin kann der Mann noch verzweifelt klingen, viele andere Fans des FC Schalke sind von den desolaten Auftritten der Vorsaison in eine schweigsame Gleichgültigkeit getrieben worden.

»Jetzt wird alles besser. Wie jedes Jahr«

Beim Trainingsauftakt Anfang Juli verzichteten die Zuschauer auf den obligatorischen Startapplaus, bei der Mitgliederversammlung sprachen selbst Vereinsoffizielle von einer lähmenden Lethargie im Klub. Die Erlöse stagnieren, immer häufiger war zudem das Stadion nicht ausverkauft. Viele Fans sind ermüdet von den wieder und wieder postulierten »großen Herausforderungen«, von Neuvorstellungen und Umbrüchen. Die Parolen wirken wie schreiende Preisempfehlungen in Discounter-Prospekten, die jede Woche im Briefkasten stecken. Seit Jahren verlassen vielversprechende Talente den Verein, meist noch ablösefrei, seit Jahren dürsten Fans nach so etwas wie Offensivfußball. Sie üben sich in sarkastischer Skepsis. Ein Anhänger am Vereinsgelände meint treffend: »Jetzt wird alles besser. Wie jedes Jahr.«

Die Erwartungen sind niedrig wie selten. David Wagner muss Schalke nicht in den Europapokal führen. Er muss diesen Klub wachrütteln.



Drei Tage nach dem Trainingsstart läuft er in kurzer Hose, hochgezogenen weißen Socken und Turnschuhen in das Lokal »Charly’s« am Vereinsgelände. »Mahlzeit!«, ruft er in den Raum, eine Rentnerrunde mit Krücken und Pils schaut erschrocken vom Mittagstisch auf. Da entdeckt Wagner einen Mitarbeiter, umarmt ihn und zieht einen Stuhl heran. »Unser AC/DC-Beauftragter«, sagt er und zeigt auf dessen Bandshirt. Nach einem kurzen Plausch wippt Wagner nach draußen, wo ihn ein kräftiger Typ direkt abpasst und von einem Bekannten aus Hessen grüßt. Wagner lacht und sagt, der solle auf seine Narbe aufpassen. Um wen es ging? Ach, nur um einen Freund aus Jugendtagen, den sie bei einem Umtrunk selbst mit mehreren Jungs nicht mehr stützen konnten. Wagner erzählt die Schnurre im Fahrstuhl zum Trainerbüro, er fragt eine Mitarbeiterin: »Bringt der Willi Koslowski noch die Post weg?«

Mehr Silicon Valley als Emschertal

Vor 25 Jahren spielte Wagner selbst hier auf Schalke, er war Teil der legendären »Eurofighter«. Er braucht keinen Apotheker nach den Risiken und Nebenwirkungen des Jobs auf Schalke zu fragen. Wagner kennt diesen erratischen und manchmal überdrehten Verein, der stärkeren Stimmungsschwankungen unterliegt als Mariah Carey. »Glückauf, einige von euch sind scheiße alt geworden – ich auch«, begrüßte er bei seiner Vorstellung umstandslos die Pressevertreter. Sein Spruch hätte genauso gut von einem Taubenzüchter in Ballonseide und Feinripp in Gelsenkirchen-Hassel stammen können, bevor der im weißen Gartenstuhl ordentlich den Kartenstapel für die Skatrunde durchmischt.

David Wagner ist bislang nicht im Unterhemd aufgetreten, er trägt meist Viertagebart, Cap und Hoodie. Er nutzt Begriffe wie »performen«, »smoothy« oder »backroom staff«, er spielte für die Vereinigten Staaten und arbeitete in England. Das klingt mehr nach Silicon Valley als Emschertal. Es könnte anbiedernd wirken, wenn so einer das Ruhrpott-Idiom übernimmt. Wagner aber hat tatsächlich längere Zeit im Revier gelebt. Er trainierte vor einigen Jahren sehr erfolgreich die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund. Das darf man auf Schalke nicht zu laut sagen, weil eine Vergangenheit beim Erzrivalen ungefähr so viel bedeutet wie ein Schufa-Eintrag. Viel wichtiger aber ist: David Wagner hat früh gelernt, sich auf neue Umgebungen einzustellen. Er hatte da keine Wahl.

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