Wenn es gegen Juventus Turin geht, sind sich die Fans der Klubs aus Neapel, Mai­land, Rom und Flo­renz ganz schnell einig: E anche ques­t’anno la Cham­pions la vin­cete l’anno prossimo“, tönt es dann im Netz und aus gefühlt allen Ecken Ita­liens, die es nicht mit dem Rekord­meister halten. Auf Deutsch heißt das so viel wie: Und auch dieses Jahr gewinnt ihr nächstes Jahr die Cham­pions League.“

Die Juve-Fans kon­tern meist mit einer ent­spre­chenden Napoli‑, Inter- und Milan-Vari­ante. Nur mit dem Unter­schied, dass sie sich dann auf den Scu­detto“ beziehen, den ita­lie­ni­schen Meis­ter­itel, oder auf die Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion. Je nachdem, wer gerade wel­ches Ziel ver­passt hat.

Das Gesetz des FC Bayern

Und ver­passt haben die Top-Teams der Serie A in der abge­lau­fenen Spiel­zeit offen­sicht­lich eine ganze Menge. Der SSC Neapel, die beiden Mai­länder Ver­eine und der AS Rom hatten in Hin­blick auf die Meis­ter­schaft schon früh das Nach­sehen. Aber auch die Juve-Anhänger wurden trotz des achten Meis­ter­ti­tels in Folge und des Trans­fers von Cris­tiano Ronaldo nicht wirk­lich glück­lich.

Seit 1996 wartet man in Turin auf die erneute Krö­nung in der Königs­klasse“. Ähn­lich wie beim deut­schen Seri­en­meister aus Mün­chen hat sich das Selbst­ver­ständnis ein­ge­schli­chen: Ohne Hen­kel­pott ist so eine Saison nichts wert. Diesem offi­ziell natür­lich nie for­mu­lierten Gesetz musste sich vor kurzem auch Mas­si­mi­liano Allegri beugen. Nach fünf Meis­ter­schaften, vier Pokal­siegen und zwei Super­cups in fünf Jahren geht es für den 51-Jäh­rigen Coach nicht mehr weiter im Pie­mont.

Gut ist nicht mehr gut genug

Auch bei AC und Inter Mai­land, den beiden Ver­einen mit den meisten Titeln in Ita­lien nach Juve, war gut zuletzt nicht mehr gut genug. Inter-Trainer Luciano Spal­letti, dem nach­ge­sagt wurde, meh­rere Spiele mit tak­ti­schen Fehl­griffen ver­coacht zu haben, musste sein Arbeits­zimmer beim Triple­si­eger von 2010 räumen – trotz eines vierten Platzes mit immerhin 69 Punkten. Nur einen Punkt weniger holte Lokal­ri­vale AC. Doch was bei Juventus (90 Punkte) eine nicht gewon­nene Cham­pions League ist, ist bei den Rosso­neri die ver­passte Qua­li­fi­ka­tion dazu. Des­halb war auch für Fan­lieb­ling und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur Gen­naro Gat­tuso nach 18 Monaten als Trainer in Mila­nello ein­ver­nehm­lich Schluss.

Den hohen Ansprü­chen sollen jetzt andere gerecht werden und ihre Namen klingen ver­hei­ßungs­voll. Inters Neuer, Antonio Conte, steht für schnelles Umschalt­spiel und aggres­sive Zwei­kampf­füh­rung. Und spä­tes­tens seit der EM 2016 haftet dem dama­ligen Natio­nal­trainer der Ruf an, mit­tel­mä­ßiges Spie­ler­ma­te­rial auf­werten und Mann­schaften ent­wi­ckeln zu können.

Conte könnte der per­fekte Trai­nertyp sein, um Top-Leuten wie Vize­welt­meister Ivan Perisic oder Jung­na­tio­nal­spie­lern wie Roberto Gagli­ar­dini und Matteo Poli­tano zu mehr Kon­stanz zu ver­helfen. Und auch für seine Art, Kon­flikte zu besei­tigen, ist Conte berüch­tigt: In der Natio­nal­mann­schaft sor­tierte er Mario Balo­telli aus, bei Chelsea traf es Diego Costa. Inters skan­dal­um­wo­bener Stür­mer­star Mauro Icardi soll schon auf der Abschuss­liste stehen.

Sarri weiß, wie es inter­na­tional geht

Bei Juventus ist die Nach­folge Alle­gris zwar noch nicht offi­ziell, seit einer guten Woche wird aber nur noch ein Name gehan­delt: Mau­rizio Sarri. Auch diese Per­so­nalie ist logisch, um nicht zu sagen: über­fällig. Obwohl Juve gerade in der Breite über den mit Abstand besten Kader ver­fügt, zeigten die Bian­co­neri unter Allegri nur selten offen­siven, spek­ta­ku­lären Fuß­ball. Im Vor­der­grund stand das Ergebnis.

Sarri dagegen schafft es, das schöne Spiel mit Erfolg zu ver­binden. Mister 33“ lau­tete schon zu Ama­teur­zeiten der Spitz­name des Ket­ten­rau­chers, weil er seinen Teams neben hohem Pres­sing auch zahl­reiche (und mitt­ler­weile wohl mehr als 33) Vari­anten für Spiel­züge und Stan­dards ein­zu­trich­tern pflegt. Auch von Sarris Europa-League-Tri­umph mit Chelsea ver­spricht sich Juve einen Erfah­rungs­wert. Wie schon beim Transfer von Cris­tiano Ronaldo vor einem Jahr lautet die Bot­schaft: Hier weiß einer, wie es inter­na­tional geht. Auch wenn es Sarris erster Titel im Profi-Fuß­ball über­haupt war.

Was Conte und Sarri eint und zugleich zum Pro­blem werden könnte – beide trai­nierten in der Ver­gan­gen­heit Erz­ri­valen ihrer zukünf­tigen Klubs. Was per se nichts Unge­wöhn­li­ches ist: Schon Gio­vanni Tra­pat­toni (Milan, Juventus, Inter), Fabio Capello (Milan, Roma, Juve) und Carlo Ance­lotti (Juve, Milan, zur­zeit Napoli) wech­selten einst die Seiten.

Doch in Zeiten sozialer Netz­werke, in denen Auf­zeich­nungen und Aus­sagen von früher schnell wieder ans Tages­licht gelangen, sind Neu­ori­en­tie­rungen alles andere als unbe­denk­lich. Antonio Conte etwa gilt als Ban­diera“ – als Flagge, wie sie in Ita­lien ihre treusten Seelen ehr­furchts­voll nennen. Mit Recht: Von 1991 bis zum Kar­rie­re­ende 2004 hielt er zur Alten Dame. Spä­tes­tens seit dem Cham­pions-League-Tri­umph 1996, als Conte trotz schwerer Ver­let­zung eine Halb­zeit durch­hielt, hatte der kluge Mit­tel­feld­mann aus Lecce Hel­den­status. Noch am selben Abend übergab ihm Gian­luca Vialli sym­bo­lisch die Kapi­täns­binde, die er bis 2002 trug.

Der Scu­detto 2006? Gehört Juve, nicht Inter

Als Juve-Trainer führte Conte die vom Wett­skandal gebeu­telten Turiner auf Anhieb zu drei Meis­ter­schaften in Folge (2012 bis 2014). In dieser Zeit sprach er Juventus stets zwei Titel mehr zu: Die Scu­detti 2005 und 2006 waren dem Verein im Zuge eines Wett­skan­dals aberkannt, der 2006er Titel Inter zuge­spro­chen worden.

Mit Span­nung erwarten Fans hüben wie drüben jetzt klare Kante von Conte: Macht er als Inter-Coach eine Rolle rück­wärts – oder bekennt er sich weiter zu Juve? 2013 hatte der Süd­ita­liener übri­gens ange­kün­digt, sich wie ein Profi“ zu ver­halten: Sollte ich jemals bei Inter oder Milan unter­schreiben, werde ich der erste Inter- oder Milan-Fan sein.“ Doch die Juve-Fans inter­es­siert diese Hal­tung gerade weniger denn je: Die erste Peti­tion eines Tifoso, um Conte den Stern auf dem 50 Turiner Legenden fas­senden Walk of Fame“ im Juventus Sta­dium abzu­er­kennen, ist bereits online.

Sarris Mit­tel­finger an die Juve-Fans

Auch Mau­rizio Sarris Bezie­hung zu Juve ist als frü­herer Trainer des SSC Neapel nicht unbe­fleckt. Zu sehr hat sich der Napoli-gegen-den-Rest-Ita­liens-Kon­flikt in den ver­gan­genen Jahren hoch­ge­schau­kelt. Mit den Süd­ita­lie­nern hatte Sarri 2018 den Titel­kampf lange span­nend gehalten – und brannte sich vor dem Spit­zen­spiel im April des­selben Jahres tief im Gedächtnis der weiß-schwarzen Fans ein. Bei der Ankunft des Napoli-Busses am Turiner Sta­dion kon­terte der 60-Jäh­rige die Beschimp­fungen des war­tenden Juve-Anhangs mit dem aus­ge­streckten Mit­tel­finger.

Wäh­rend Nea­pels Stars Lorenzo Insigne („Das wäre ein Verrat an uns Nea­po­li­taner“) und Piotr Zielinski („Er kann mich anrufen, ich werde aber nicht ran­gehen“) vor­sorg­lich der vesuvnahen Bevöl­ke­rung aus der Seele spra­chen, ist völlig offen, was pas­siert, sollte der Verrat“ nicht ein­treten.

Pure Willkür in den Medien

Wird Juventus dann doch am 14. Juni – wie meh­rere Medien berich­teten – Pep Guar­diola vor­stellen? Wird aus der 30-pro­zen­tigen Wahr­schein­lich­keit, die die Rai“-Kultsendung La Dome­nica Spor­tiva“ einem Wechsel von Tot­ten­hams Mau­ricio Pochet­tino vor acht Tagen zuge­standen hatte, eine 100-pro­zen­tige? Eher nicht. Längst hat die Trai­ner­krise der Top-Teams auch die hei­mi­schen Medien erfasst. Bei den Namen regiert bis­weilen die pure Willkür.

Und bei Milan? Dort läuft alles auf Sam­pdoria-Coach Marco Giam­paolo hinaus. Der 51-Jäh­rige war 2015 in Empoli auf Sarri und 2016 in Genua auf Vin­cenzo Montella gefolgt – zwei Trainer, die wie Giam­paolo selbst mit der ita­lie­ni­schen Ergeb­nis­ori­en­tiert­heit bre­chen. Zuvor galt Monacos Leo­nardo Jardim als mög­li­cher Nach­folger Gat­tusos, der sich zwar als großer Moti­vator mit noch grö­ßerem Herzen erwies – die junge Milan-Elf um Talente wie Patrick Cutrone, Davide Cala­bria und Franck Kessié jedoch nicht auf das nächste Level zu hieven ver­mochte.

Gat­tuso ver­zichtet auf Mil­lio­nen­ge­halt

Bei der Ver­trags­auf­lö­sung ver­zich­tete Gat­tuso auf rund zwei Mil­lionen Euro Gehalt, die ihm bis 2021 jähr­lich zuge­standen hätten. Zugleich setzte er sich dafür ein, dass statt­dessen sein Trai­ner­team in fast iden­ti­scher Höhe ent­lohnt wird. Das brachte dem beken­nenden AC-Fan nicht zum ersten Mal großen Respekt in ganz Ita­lien ein. Meine Geschichte mit Milan kann nie­mals eine Frage des Geldes sein“, erklärte der Welt­meister von 2006.

Schon wenige Tage danach fiel Gat­tusos Name beim AC Flo­renz. Wirk­lich wahr­schein­lich ist das nicht: Der neue Boss der Fio­ren­tina, der italo-ame­ri­ka­ni­sche Unter­nehmer Rocco Com­misso, dürfte nach Höherem streben – und die Cham­pions League lieber schon in diesem als im nächsten Jahr gewinnen wollen.