Wie Bergbau und Fußball 1997 zusammen kämpften

Die letzten Tage des Ruhrgebiets

Heute schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. In unserer Reportage blicken wir zurück auf das Jahr 1997: Schalke, Dortmund und Bochum kämpften um ihre größten Erfolge, die Bergleute um ihre Jobs. Fußball und Arbeit waren ein letztes Mal Brüder

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Am 11. März 1997 klingelte das Telefon von Gerd Rehberg, damals ehrenamtlicher Bürgermeister von Gelsenkirchen und Vorstandsvorsitzender von Schalke 04. Der Bergwerksdirektor der Zeche Hugo war am Apparat und völlig aufgelöst, fast flehentlich bat er Rehberg: »Sie müssen vorbeikommen, hier ist der Teufel los!« Die Kumpel streikten nicht mehr nur, ihre Wut drohte in Aggressionen umzuschlagen.

Wochenlang war hinter den Kulissen über die Zukunft des Ruhrbergbaus verhandelt und schließlich eine drastische Reduzierung der Kohlesubventionen verkündet worden. Das Ende der Steinkohle sollte nicht wie versprochen im Gleitflug über die Jahre kommen, sondern als brutaler Absturz. Allein in den folgenden drei Jahren würde das 36 000 Arbeitsplätze kosten. Eine Katastrophe!

Tante Clara muss vermitteln

Gerd Rehberg trägt ein braunes Sakko und löffelt bedächtig eine Kartoffelsuppe. Er ist inzwischen 81 Jahre alt, ein leiser Mann mit einer Biografie fast wie ein Pottklischee. In Ostpreußen geboren, Rehberg rollt das »R« etwas und sagt »Berchleute«, kam er als Kriegsflüchtling nach Gelsenkirchen. An den Fingern zählt er die Stationen seines Lebens auf: Berglehrling, Hauer, Lehrhauer, Steiger, Bürgermeister, Schalke-Präsident.

Irgendwann bekam Rehberg den Spitznamen »Tante Clara« verpasst, weil er sich so gewissenhaft um seine Mitmenschen kümmerte und immer um Ausgleich bemüht war. Auch bei Schalke blieb er in all den Wirren dieses ständig aufgeregten Vereins, mit polternden Haudegen wie Rudi Assauer oder Jürgen W. Möllemann, ein verlässlicher Diplomat hinter den Kulissen.



Doch im Aufruhr des Arbeitskampfs war die Zeit für stille Diplomatie abgelaufen. An jenem Dienstag vor 20 Jahren, als er zur Zeche gerufen wurde, waren 15 000 Bergleute zur Großdemo nach Bonn gefahren, um in der damaligen Hauptstadt Stärke zu zeigen. Auch die Daheimgebliebenen waren kaum zu bremsen. Also fuhr Rehberg rüber zu Hugo, die Zeche lag in Gelsenkirchen-Buer quasi in Schalkes Nachbarschaft; von dort aus konnte man die Flutlichtmasten des Parkstadions sehen.

Er kletterte über eine Art Hühnerleiter auf das Dach der Werkstatt und ergriff das Wort. Vor tausenden aufgebrachten Arbeitern wetterte der Sozialdemokrat gegen die Politik der Regierung Kohl, mahnte aber auch zur Vernunft. Und während er sprach, passierte es. Rehberg fährt mit der Hand übers Herz und zieht eine Linie bis zum Mund, denn was er damals sagte, kam aus tiefstem Herzen: »Ich rief: ,Kommt heute Abend alle ins Stadion, ich lade euch ein.‘«

Überall schallt es von den Rängen: Ruhrpott! Ruhrpott!!

Schalke spielte gegen Duisburg, und natürlich wollten die Bergleute kommen. Einerseits, um auf ihre existentiellen Sorgen aufmerksam zu machen, und weil sie auf Zuspruch und Solidarität hofften. Außerdem waren die meisten von ihnen sowieso Schalker, und Fußball war immer ein Stück Ablenkung vom harten Leben gewesen. Als Rehberg auf die Geschäftsstelle zurückkehrte, war Manager Assauer dennoch erst mal sauer über die Einladung: »Wie sollen wir das denn hinbekommen?«

Kurz danach klingelte schon wieder das Telefon, diesmal riefen verzweifelte Betriebsräte der Zeche Walsum in Duisburg an. Dort wollten aufgebrachte Bergleute die Autobahn sperren, und viele Fans würden nicht zum Spiel fahren können. Also sagte Rehberg: »Die sollen auch ins Stadion kommen, in Montur, mit Grubenlampe.« Arbeitskleidung als Eintrittskarte, das war zwar ziemlich chaotisch, aber letztlich kamen abends mehr als fünftausend Bergleute mit dem Grubenlicht bei der Hand. Eine Abordnung durfte mit Protesttransparenten den Platz umrunden. »Ruhrpott, Ruhrpott«, schallte es dazu von den Rängen.

Sie ketten sich vor die FDP-Zentrale

Klaus Herzmanatus, der damals Betriebsratsvorsitzender auf Hugo und tagsüber bei der Demo in Bonn gewesen war, hockte mit Tränen in den Augen auf der Haupttribüne. Er war ein Mann, der wusste, wie man Aufmerksamkeit für sein Anliegen erzeugte. In Gelsenkirchen-Buer hatte er eine Kirchenbesetzung initiiert und das 93 Kilometer lange »Band der Solidarität« quer durchs Ruhrgebiet mitorganisiert, die längste Menschenkette in der deutschen Geschichte. Er war auch mittendrin gewesen, als sich Bergleute an der Parteizentrale der FDP festketteten, die Liberalen waren die treibende Kraft hinter den Subventionskürzungen. Und jetzt der Aufmarsch im Stadion: Wie gut das tat! »Der Fußball war immer für die Menschen im Revier da«, sagt Herzmanatus. Zumindest an jenem Abend gab es daran keinen Zweifel.

Das Spiel wurde mit einer halben Stunde Verspätung angepfiffen, doch so viel Zeit musste sein. Schalke gewann dann 4:0, und die Spieler warfen nach Abpfiff ihre Trikots über den Zaun den Bergleuten zu. Es war nur Stoff, doch man konnte sich daran festhalten. Viel wichtiger noch war aber etwas anderes: Die »Ruhrpott«-Rufe waren ein Signal und wehten weit über das Parkstadion hinaus. An den folgenden Wochenenden waren sie im Dortmunder Westfalenstadion zu hören, an der Wedau in Duisburg und im Ruhrstadion in Bochum.

An der Hafenstraße in Essen wurden sie angestimmt, in der Wattenscheider Lohrheide und im Niederrheinstadion in Oberhausen. Irgendwann tauchten Schals mit der Aufschrift »Ruhrpott« auf, darüber stand: »Die Erde, die uns glücklich macht.« Es klingt verrückt, aber es fühlte sich an, als würden die sonst erbittert rivalisierenden Klubs im Revier zu einem gigantischen FC Ruhrpott verschmelzen.

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