Wie aus Honduras und El Salvador einst Todfeinde wurden

El Salvador musste den Krieg führen

Kurz darauf erzielt Martínez, ein Spieler vom Typ Horst Hrubesch, mit einem satten Distanzschuss die erneute Führung für El Salvador. Honduras egalisiert erst in der 50. Minute ein weiteres Mal, als Torhüter Walberto Fernández durch den Strafraum stolpert und einen seiner Verteidiger so behindert, dass Honduras' Stürmer »Chula« Gomez ins leere Tor trifft. Pipo Rodríguez muss noch heute lachen, wenn er an den Ausgleich denkt: »Unser Keeper war kurzsichtig. « Trainer Bundio wechselt ihn nach dem Gegentor sofort aus.

Die reguläre Spielzeit endet unentschieden, vor allem El Salvadors Kicker sind platt: Die Höhe und der Dauerregen fordern ihren Tribut. Als alle mit einem Erfolg von Honduras rechnen, schlägt die große Stunde von Pipo Rodríguez: In der 101. Minute legt Linksaußen Elmer Acevedo ein hohes Zuspiel im Halbfeld mit dem Außenrist auf Mittelstürmer Martínez ab, der sofort mit rechts den Ball hoch Richtung Elfmeterpunkt schlägt. Azulejo Bulnes schläft für einen entscheidenden Wimpernschlag und lässt Pipo Rodríguez ziehen. Der gewinnt das Laufduell mit dem aus seinem Kasten stürmenden honduranischen Torhüter Jaime Varela und schiebt mit dem rechten Fuß den Ball ins Netz.

Während seine Mitspieler den Schützen unter sich begraben, stürmt ein halbes Dutzend Fotografen auf den Platz, um den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Später schreiben die Zeitungen vom »Gol del Siglo«, dem Tor des Jahrhunderts. Beim Schlusspfiff brechen viele der honduranischen Spieler in Tränen aus. »Verständlich, denn auch sie wussten, dass es längst um mehr als Fußball ging. Wir spielten beide um die Ehre der Nation«, sagt der Torschütze. Doch die Elf von El Salvador, die Monate später in einem weiteren Entscheidungsspiel gegen Haiti endgültig das WM-Ticket löst, kann den Triumph kaum feiern. Für Rodríguez ist das 3:2 ein bittersüßer Triumph. Während er und sein Team bei der Rückkehr wie Nationalhelden gefeiert werden, laufen die Vorbereitungen auf den Krieg. Das salvadorianische Heer verlegt erste Truppen an die Grenze, und in Honduras bildet sich eine Art Bürgerwehr, zu der auch Francisco Bulnes und Marco Antonio Mendoza gehören. Rodríguez bekommt Tage später Post aus Europa.

El Salvador musste den Krieg führen

Sein Onkel, Botschafter in Spanien, sendet dem Neffen eine Handvoll mit Zeitungsausschnitten. »In allen stand, dass mein Tor die Ursache war, dass ein Krieg ausgelöst wurde«, sagt Rodríguez, »auch mein Onkel meinte, ich sei Schuld an all dem, was nach dem Spiel kam.« Schuss. Tor. Krieg? »Nein, unser Sieg war nur ein Element mehr, der willkommene Anlass, wenn man so will. Aber der Krieg war nicht aufzuhalten, er wäre so oder so gekommen«, sagt der Torschütze und klingt so distanziert wie ein Historiker.

Diese These teilt auch César Elvir.Er muss es wissen. Der Oberst im Ruhestand war damals Mitglied des Generalstabs der honduranischen Streitkräfte. »Die Probleme zwischen El Salvador und Honduras dauerten damals schon rund zehn Jahre«, erläutert er. »Unserer Regierung war die ungezügelte Zuwanderung der Salvadorianer ein Dorn im Auge. Unseren Nachbarn wiederum passte sie sehr gut in den Kram.« Nicht nur, weil es in Salvador wenig Land gab, sondern dieses oft auch noch ungerecht aufgeteilt und in Händen weniger Großgrundbesitzer war.

Die Migration nach Honduras war ein wichtiges Auslassventil, das sich mit der Entscheidung der Regierung, die Übersiedler zurückzuschicken, schloss. El Salvador wusste, dass es einen Krieg gegen den Nachbarn führen musste, wenn es einen Konflikt im eigenen Land vermeiden wollte. »Und in diesem Klima diente der Fußball als Lunte am Pulverfass«, betont der Ex-Oberst und lässt in seinem Haus in den sattgrünen Bergen nahe Tegucigalpa, inmitten von Akaziensträuchern, Bougainvilleen und gackernden Hühnern, den Krieg für einen Moment noch mal aufleben.

Verbotene Kriegsführung

Der schlanke, große Mann rollt Karten mit Frontverläufen, Kriegsstrategien und -zielen auf. »Die Spiele haben genau das feindliche Klima in der Bevölkerung geschaffen, das die Regierungen brauchten, um den Krieg zu führen.« 16 Tage nach dem entscheidenden Treffer von Rodríguez fallen die ersten Bomben auf Honduras, als salvadorianische Flieger am 14. Juli um 18.10 Uhr das Nachbarland großflächig angreifen. Einen Tag später folgt die Bodeninvasion.

Die salvadorianischen Truppen sind denen des Nachbarlandes im Verhältnis sechs zu eins überlegen. Honduras hingegen hat die modernere Luftwaffe und bombardiert Ziele im Nachbarland. Nach einhundert Stunden vermittelt die Organisation Amerikanischer Staaten (OEA) einen Waffenstillstand. »Wir hatten keinen Schuss Munition mehr. Keine Seite war in der Lage, die andere zu besiegen«, sagt Oberst Elvir. Der Krieg war kurz, aber sehr grausam. Beide Seiten griffen tief in das Arsenal der verbotenen Kriegsführung: »Napalm, menschliche Schutzschilde und Hinrichtungen, alles hat es gegeben«, sagt der Ex-Offizier, der ein Buch über den Krieg geschrieben hat und die Todesopfer mit 6000 beziffert, fast ausschließlich Zivilisten.