Daniel Huhn, Sie haben für Ihren Doku­men­tar­film Welt­klasse Kreis­klasse“ eine Saison lang den Fuß­ball­verein Gen­clikspor Reck­ling­hausen begleitet. Eine span­nende Saison?
Das kann man so sagen. Ich war ein Jahr lang mit Gen­clik in den Nie­de­rungen der Kreis­klasse unter­wegs.

Gab es Happy End?
Das kann ich nicht ver­raten, das wäre ein Spoiler. Nur so viel: Die Saison war wirk­lich tur­bu­lent. Der Film beginnt mit der Ansprache des Trai­ners vor dem letzten Sai­son­spiel. Vor der Saison war das große Ziel, auf­zu­steigen. Vor dem letzten Spiel geht es aber nur noch darum, nicht abzu­steigen. Ein großes Glück für mich.

Warum das?
Aus dra­ma­tur­gi­schen Gründen. Vor der Saison hatte ich auf einen posi­tiven Sai­son­ver­lauf gehofft. Die Hin­runde ver­lief dann aber äußerst mäßig, die Mann­schaft war Zehnter und es drohte eine Saison im grauen Mit­tel­feld. Ent­spre­chend war die Stim­mung im Verein, was für den Film kata­stro­phal gewesen wäre. Dann ist das Team aber in eine dicke Krise gerutscht und prompt hatte ich meine Dra­ma­turgie. Im sport­li­chen Bereich und drum­herum ging es wieder um alles.

Was pas­sierte im Verein?
Einiges. Der Trainer trat wäh­rend der Hin­runde zurück. Das ist im Film selber eher eine Rand­ge­schichte, war sport­lich aber höchst bedeutsam. Sein Co-Trainer über­nahm die Mann­schaft. Ein abso­luter Fuß­ball-Nerd, der unzäh­lige Stunden am Tag mit Spiel­ana­lysen ver­brachte. Trotzdem hat es mit dem Team nicht geklappt. Als es eng wurde, kam der Chef-Trainer zurück

Sie sind eigent­lich Poli­tik­wis­sen­schaftler. Wie kam es zu der Idee des Film­pro­jektes?
Es fing an als wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt. Tür­ki­sche Ama­teur­fuß­ball-Ver­eine haben oft nicht den besten Ruf. Es wird so viel geredet und geschrieben, meist negativ, aber kaum jemand hat eigent­lich eine Ahnung, was in einem sol­chen Verein so los ist. Meine Idee war, mal hinter die Kulissen zu bli­cken. Die Saison ist im Film also eher der Auf­hänger, im Mit­tel­punkt steht das Innen­leben eines tür­ki­schen Fuß­ball­ver­eins.

Hat man im Ligaalltag Vor­be­halte gegen­über einer tür­ki­schen Mann­schaft gespürt?
Es gab immer wieder Momente, in denen man eine gewisse Skepsis erkennen konnte. Eine Mann­schaft schloss nach dem Umziehen ihre Taschen in den Autos ein, anstatt sie in der Kabine zu lassen. Man merkte immer wieder, dass Gen­clikspor das Image eines Pro­blem­ver­eins mit­tragen musste, obwohl es eigent­lich ein sehr sozialer Verein ist.

Inwie­fern?
Es pas­siert auch abseits des Platzes sehr viel und die Mit­glieder sind unglaub­lich enga­giert. Für die Kids gibt es Nach­hil­fe­un­ter­richt im Verein. Außerdem gibt es Damen­mann­schaften, was bei einem tür­ki­schen Verein keine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, oder auch Fit­ness­kurse für ältere Frauen. Das ist ein wich­tiges Angebot, denn für Frauen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist der Weg zu einem tür­ki­schen Klub oft kürzer als zu einem anderen Verein.

Sie haben den Klub ein Jahr lang durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Schafft man es, als Wis­sen­schaftler und Regis­seur Distanz zu wahren und nicht mit­zu­fie­bern?
Völlig unmög­lich, irgend­wann habe ich natür­lich mit­ge­fie­bert. Zum einen, weil ich die Mann­schaft sehr gut kannte und mochte. Anders hätte ich den Film ja gar nicht machen können. Zum anderen fie­berte ich dann auch als Fil­me­ma­cher mit, damit der Film anständig endet.

Als Sönke Wort­mann das Som­mer­mär­chen drehte, vergaß er beim Tor von Oliver Neu­ville gegen Polen vor lauter Euphorie zu filmen.
So etwas konnte ich glück­li­cher­weise umgehen. Ich hatte einen Kame­ra­mann dabei und konnte also bei den ent­schei­denden Spielen richtig mit­gehen, wäh­rend er für die Bilder gesorgt hat.

Bei so viel Fuß­ball: Hat es nicht irgend­wann in den Beinen gekrib­belt?
Klar, ich habe ja selber auch lange gespielt. Wäh­rend des Drehs habe ich tat­säch­lich einmal mit­ge­kickt, bei einem Freund­schafts­tur­nier in Frank­reich. Im Film sieht man das aber kaum, ich bin einmal kurz im Bild, wäh­rend ich im Hin­ter­grund eine Flanke schlage. Ein kleiner Cameo-Auf­tritt, wie Alfred Hitch­cock, der in seinen Filmen oft im Hin­ter­grund auf den Bus war­tete oder so.

Der Film Welt­klasse Kreis­klasse“ ist ab 9. Mai 2013 im Kino zu sehen. Alle Infos zu Spiel­orten und Ter­minen finden sich unter www​.welt​klasse​-kreis​klasse​.de