Seite 6: „Mich in zehn Leute reinzuschmeißen, machte mir keinen Spaß“

Ist es nicht frus­trie­rend, dass Sie kühn das inter­na­tio­nale Geschäft als Ziel setzen, aber wohl nie mehr dahin kommen, wo Werder bis vor gut zehn Jahren Dau­er­gast war: in die Cham­pions League?
Die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gungen sind so, dass es mit­tel­fristig eher unrea­lis­tisch ist. Aber bitter finde ich es nicht, denn das Ent­schei­dende im Sport ist doch, sich nie mit sol­chen ver­meint­li­chen Grenzen abzu­finden, son­dern in vielen kleinen Schritten darauf hin­zu­ar­beiten, dass sich Dinge ver­än­dern. Ich fahre ja auch mit der Absicht zum FC Bayern, dort zu gewinnen. Sonst könnte ich es lassen.

Leidet der Werder-Fan in Ihnen dar­unter, dass der Klub im Zuge der Kom­mer­zia­li­sie­rung einen Nie­der­gang erlebt hat.
Mir ist bewusst, dass uns selbst bei über­ra­gender Arbeit von Spie­lern, Trai­nern und Manage­ment viel­leicht bestimmte Grenzen gesetzt sind. Ich halte es auch für aus­ge­schlossen, dass ein Auf­steiger noch einmal den Durch­marsch schafft und Meister wird. Ande­rer­seits erkenne ich in Bremen nicht mal ansatz­weise, dass unter den ver­än­derten Rah­men­be­din­gungen die Begeis­te­rung leidet. Die Emo­tio­na­li­sie­rung der Stadt und des Ver­eins hat eher zuge­nommen. In der Hin­sicht leben wir hier doch noch im Para­dies.

Am Ende seiner aktiven Lauf­bahn ant­wor­tete Oliver Kahn auf die Frage, ob er sich vor­stellen könne, Trainer zu werden: Davon lass ich die Finger.“ Als Ex-Tor­wart fürch­tete er, bei Pro­fi­teams könne ihm die Akzep­tanz fehlen.
Mein Vor­teil ist, dass ich von einem Niveau als Aktiver komme, wo sich die Frage nach der Posi­tion erst gar nicht stellt. Des­wegen habe ich mir dar­über nie Gedanken gemacht.

Haben Sie denn Tor­wart-Cha­rak­te­ris­tika?
Was ist denn typisch Tor­wart? Ich war zumin­dest nie ein Ein­zel­gänger und hatte immer großes Inter­esse daran, wie Gruppen funk­tio­nieren. Und ich war auch kein Typ, dem es wahn­sinnig Spaß machte, sich in zehn Leute rein zu schmeißen. Im Gegen­teil, das war eher der Teil, der mich am Tor­wartjob abge­turnt hat.

Mit zwölf Jahren haben Sie mal bei einer 0:5‑Niederlage noch wäh­rend des Spiels den Platz ver­lassen.
Wieder dieses Gerech­tig­keits­ding. Nach dem fünften Gegen­treffer beschwerte ich mich bei meinen Vor­der­leuten und die meinten, mich auch noch ver­ar­schen zu müssen. Da habe ich gesagt: Wenn ihr das nicht ernst nehmt, kann ich ja gehen.“

Damals prä­sen­tierten Sie noch am Spieltag Ihrem Jugend­trainer in einer Kladde Ent­würfe mit mög­li­chen Auf­stel­lungen und Trai­nings­emp­feh­lungen.
Nur zum Ver­ständnis: Diese Geschichte hat mein Trainer erzählt, nicht ich. Ich will das gar nicht so hoch hängen, ich habe damals ein­fach so gedacht.

Aber beweist diese Epi­sode nicht, dass Sie früh schon eher Trainer als Tor­wart waren?
Wenn, dann nur unter­be­wusst. Ich habe näm­lich sehr lange darauf hin­ge­ar­beitet, Profi zu werden und es ist letzt­end­lich daran geschei­tert, dass ich nicht gut genug war. Ich kann mich noch nicht mal mit einer Ver­let­zung raus­reden. (Lacht.)