Seite 5: „Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker“

Max Kruse bemän­gelte noch im Sommer die fla­chen Hier­ar­chien im Team. Er sagte: Die jungen Spieler haben in der letzten Saison sehr viel mit­ge­spro­chen. Da kamen Wider­worte in Momenten, in denen es wirk­lich fehl am Platze war.“
Das bezog sich aufs Bin­nen­ver­hältnis in der Mann­schaft, nicht auf das Trai­ner­team. Natür­lich hat sich nach meiner Amts­über­nahme vieles noch ent­wi­ckelt. Am Anfang war gar nicht klar, ob ich den Job wei­ter­mache. Erst im Trai­nings­lager im Winter habe ich ent­schieden, welche fünf, sechs Spieler bei mir in der Hier­ar­chie oben stehen. Den klarsten Schnitt habe ich dann im Sommer voll­zogen.

Wie müssen wir uns das vor­stellen?
Es heißt ja öfter, der Koh­feldt lässt die Spieler mit­reden. Aber ich habe den Mann­schaftsrat fest­ge­legt und den Kapitän bestimmt. Da hatte nie­mand mit­zu­reden. Und bei mir räumen – ganz old-school-mäßig – auch immer die fünf jüngsten Spieler nach dem Trai­ning den Platz ab und die Älteren können rein­gehen. Da tragen mit Maxi und Johannes Egge­stein oder Josh Sar­gent auch mal Stamm­spieler die Tore und die Ball­netze. Das schafft ein Klima von Respekt unter­ein­ander. Wichtig ist nur, dass die Jungs wissen, dass ich in jeder Situa­tion hinter ihnen stehe.

Was unter­scheidet den Job als Bun­des­liga-Chef­coach vom Co-Trainer-Posten?
Ein Co-Trainer ist nach bestem Wissen und Gewissen bera­tend tätig, aber als Chef­coach muss man die letzte Ent­schei­dung treffen und auch mal die Ver­ant­wor­tung für Dinge über­nehmen, die man nicht wirk­lich beein­flussen kann. Das ist eine Erfah­rung, in die man sich vorher nicht rein­denken kann.

Sucht sich dieses ver­än­derte Bewusst­sein ein Ventil? Beim Spiel gegen Ein­tracht Frank­furt ras­teten Sie an der Linie aus und wurden vom Schieds­richter auf die Tri­büne ver­bannt. Anders gefragt: Hat Ihre Frau in letzter Zeit mal gesagt: Jetzt komm mal runter?“
Nee, hat sie noch nicht. Ich ver­suche, diese Seite so gut wie mög­lich zu unter­drü­cken. Denn ich weiß, dass ich damit nur ver­lieren kann. Auch wenn es meines Erach­tens falsch ist, sich so zu ver­stellen.

Welche Seite meinen Sie?
Gerech­tig­keits­fa­na­tiker. In der fünften Klasse bin ich mal mitten im Sport­un­ter­richt abge­hauen, weil ich der Ansicht war, die Leh­rerin habe unser Bas­ket­ball­team vor­sätz­lich ver­pfiffen. Das gab ziem­lich Ärger, weil ich ein­fach weg war, sogar der Direktor wurde ein­ge­schaltet. Wenn ich mich unge­recht behan­delt fühle, muss ich extrem mit mir kämpfen, um nicht aus der Haut zu fahren. Gegen Frank­furt war es nun das erste Mal so.

Ver­formt das Pro­fi­ge­schäft einen Men­schen?
Gegen Frank­furt musste ich irgend­wohin mit der Emo­tion. Also bin ich wütend über die Bande gesprungen und wurde zur Strafe auf die Tri­büne ver­bannt. Auch wenn ich die Ent­schei­dung nicht nach­voll­ziehen kann, weiß ich, dass mir so etwas besser nicht pas­sieren sollte. Ich kann Ihnen aber trotz dieser Situa­tion gegen Frank­furt ver­si­chern, dass ich noch nie in meinem Leben einen Schieds­richter belei­digt habe.

Spie­gelt sich womög­lich, wenn jeder Schritt eines Men­schen von Kameras doku­men­tiert wird, dieser Umstand irgend­wann unbe­wusst oder bewusst in seinem Ver­halten wider?
Emo­tionen bewusst ein­setzen, um der Mann­schaft zu helfen, ist sicher ein Thema. Ich mache das auch manchmal in der Kabine. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, so etwas am Spiel­feld bewusst gegen Schieds­richter ein­zu­setzen.

Vor der Saison ver­kün­deten Sie das Errei­chen des inter­na­tio­nalen Geschäfts als Sai­son­ziel. Sie erklärten diesen Schritt damit, dass Werder zuletzt immer dann gut funk­tio­niert habe, wenn es mit dem Rücken zur Wand stand. Glauben Sie, so eine Instant-Druck­si­tua­tion kommt bei den Spie­lern an?
Natür­lich lässt sich das nicht ver­glei­chen. Europa ist ein posi­tives Ziel, der Abstieg ein Exis­tenz­ziel. Den­noch haben wir fest­ge­stellt, dass sich hier unab­hängig von Spie­lern und Trai­nern in den letzten Jahren oft sehr schnell Zufrie­den­heit ein­stellte. Egal, ob der Klub Siebter oder Zwölfter war, es war meis­tens irgendwie okay. Und diese Men­ta­lität wollten wir mit der Bekannt­gabe eines Sai­son­ziels auf­bre­chen. Bei aller Gelas­sen­heit, die wir uns bewahren wollen, wir können nicht zufrieden sein, wenn wir am Ende auf Platz elf landen.

Sie hoffen also, dass sich Druck auf­baut, wenn Jour­na­listen Ihre Spieler nach jeder Nie­der­lage fragen: Was ist denn nun mit Euro­pacup?“
Erst einmal wollen wir intern Druck auf­bauen. Aber natür­lich setzen wir auch auf die Wech­sel­wir­kung. Nach den ersten drei Spielen dieser Saison hatten wir fünf Punkte. Prompt kamen die Über­schriften: Reicht das für Europa?“ Erst dachte ich: Was haben die? Ist doch erst der dritte Spieltag. Aber dann fiel mir auf: Genau diesen Effekt wollte ich. Warum soll ich mit fünf Punkten zufrieden sein?