Seite 4: „Keiner der Jungs in der Kabine ist mein Kumpel“

Sie machen keinen Hehl daraus, dass es bei Ihnen als Aktiver nie zum Pro­fi­status gereicht hat. Wann merken Sie im Alltag, dass Co-Trainer Tim Borowski und Manager Frank Bau­mann ehe­ma­lige Natio­nal­spieler sind?
Beim Lat­ten­schießen. (Lacht.) Ansonsten glaube ich nicht, dass mir Fun­da­men­tales fehlt, um diesen Job zu machen. Aber natür­lich gibt es Momente, wo mir die beiden Hin­weise geben.

Zum Bei­spiel?
Etwa als ich in der Woche nach der Nie­der­lage gegen den FC Bayern den Ein­druck hatte, es könnte kippen. Da habe ich die Art der Ansprache an die Mann­schaft ver­än­dert.

Was haben Sie anders gemacht?
Nor­ma­ler­weise spreche ich unmit­telbar vor Spielen eher fach­be­zogen als emo­tional. Auch weil ich der Ansicht bin, dass Emo­tion, dieses Wir-müssen-brennen, sich schnell abnutzt. Aber vor der Partie gegen For­tuna Düs­sel­dorf kamen wir im Trai­ner­team überein, dass es am besten sei, alle Fach­lich­keit raus­zu­lassen und pure Emo­tionen zu trans­por­tieren.

Julian Nagels­mann hat erzählt, er sei nur einmal in seiner Zeit als Pro­fi­coach nervös gewesen: vor seiner aller­ersten Ansprache an die Mann­schaft.
Das war bei mir anders. Viel­leicht hat es mir geholfen, dass ich schon 75 Spiele als Co-Trainer erlebt hatte.

Ihre Mann­schaft stand auf einem Abstiegs­platz. Lupfen da nicht zwangs­läufig ein paar Rou­ti­niers die Augen­braue. Frei nach dem Motto: Wieder so ein Green­horn – und noch dazu ein Ex-Tor­wart.“
Na klar. Wäre doch schräg, wenn es diese Reak­tion nicht gäbe. Aber ich bin der Über­zeu­gung, dass Profis einen Trainer letzt­lich nur nach zwei Kri­te­rien bewerten: 1. Macht er mich indi­vi­duell und die Mann­schaft besser? 2. Ist der ehr­lich zu mir oder geht er im Zweifel einem Kon­flikt aus dem Weg, indem er die Unwahr­heit sagt? Und auf dieser Grund­lage habe ich hier vom ersten Tag an gehan­delt.

Wel­cher von Ihren Jungs war anfangs eher skep­tisch?
Natür­lich habe ich bei den Unter­hal­tungen mit Thomas Delaney oder Max Kruse gemerkt, dass die erst einmal schauen, wer da kommt. Die haben mir direkt oder indi­rekt zu ver­stehen gegeben, dass sie sich eigent­lich einen Gestan­denen gewünscht hätten. Aber so lagen von Beginn an die Karten auf dem Tisch. Und wenn es dem Trainer dann gelingt, Spieler vom Gegen­teil zu über­zeugen, führt das zu viel mehr Geschlos­sen­heit, als wäre ich mit einem Bonus gestartet, den ich dann nicht ein­löse.

Viele Ihrer Spieler loben, dass Sie hier­ar­chi­sche Distanz mit mensch­li­cher Nähe in Ein­klang bringen. Sie besitzen offenbar natür­liche Auto­rität.
Das Spieler-Trainer-Ver­hältnis hat genug natür­liche Hier­ar­chie­ebenen, die ein Trainer auch nie in Frage stellen sollte. Aber mein Bestreben ist, zu jedem ein per­sön­li­ches Ver­hältnis her­zu­stellen, weil ich schließ­lich täg­lich mit denen zu tun habe. Aber in diesem Bestreben sollte mich nie­mand als Kumpel-Typ miss­ver­stehen. Keiner der Jungs in der Kabine ist ein Kumpel von mir.

Und diese Ambi­va­lenz klappt?
Ich will nicht nur wissen, ob ein Spieler den Flug­ball beherrscht, son­dern auch, was ihn privat beschäf­tigt, was ihn glück­lich oder unglück­lich macht. Weil ich nur dann Ent­schei­dungen ihm gegen­über glaub­würdig ver­treten kann. Denn ich bin mir im Klaren, dass meine Ent­schlüsse für Ein­zelne schwer­wie­gende Folgen haben können.