Seite 3: „Die ruhige Werder-Welt von einst gibt es nicht mehr“

Spre­chen Sie über medialen Druck oder über Vor­gänge im Verein?
Über beides. In so einer Abwärts­spi­rale kommt der Moment, an dem sich ein Trainer fragt: Ver­trauen mir hier noch alle?“ Und das hat Viktor – mit seiner langen, erfolg­rei­chen Werder-Geschichte – zurecht sehr getroffen. Aber aus diesem Drama ergab sich auch die Situa­tion, dass mich Frank Bau­mann als Co-Trainer ent­ließ und sagte: Bitte buche keinen Urlaub!“ Denn zwei Wochen später stellte er mich als U23-Trainer wieder ein – und ich war Dritt­li­ga­trainer.

So ist der Pro­fi­fuß­ball.
Und letzt­lich kann keiner sagen, dass es nicht einen unglaub­li­chen Reiz hat, einer von 18 Bun­des­li­ga­trai­nern zu werden. Auch ich nicht.

Machen Sie sich den­noch Sorgen, dass Ihnen Ähn­li­ches wider­fahren könnte wie Ihren Vor­gän­gern?

Wovor ich Respekt habe, ist, dass sich mein Ver­hältnis zu dieser Stadt, in der ich seit fast zwanzig Jahren lebe, ver­än­dern könnte, weil es sport­lich nicht mehr läuft. Sprich: Dass ich durch den Job ein Stück Heimat ver­lieren könnte. Und natür­lich mache ich mir manchmal Gedanken, wie ich irgend­wann meinen Kin­dern bei­bringe, dass der Papa nicht mehr bei Werder arbeitet. Denn sie kennen es in ihrem Leben noch nicht anders.

Aber viel­leicht treten Sie in die Fuß­stapfen von Reh­hagel und Schaaf und begründen hier eine neue Ära.
Ich glaube nicht, dass es in heu­tigen Zeiten noch mög­lich ist, so lange Zeit bei einem Bun­des­li­gisten zu arbeiten.

Warum nicht?
Weil sich die Beob­ach­tung, unter der dieser Job steht, weiter ver­stärkt hat. Die ruhige Werder-Welt von einst gibt es nicht mehr. Auch wir haben hier zwei Internet-Por­tale mit gefühlt 40 Repor­tern, die rund um die Uhr berichten. Dazu alle anderen großen Medien. Ich bin skep­tisch, dass ich in dieser Gemenge­lage 14 Jahre über­stehe.

Sie haben fast zehn Jahre lang im Werder-Nach­wuchs gear­beitet. Wie sehr bringen Sie diese Erfah­rungen bei Ihrer jet­zigen Tätig­keit mit ein?
Im Nach­wuchs lernt man unheim­lich viel dar­über, wie man Spieler ent­wi­ckelt und coacht. Meines Erach­tens stoßen des­halb gegen­wärtig viele Trainer von dort zu den Profis vor. Denn die meisten jungen Spieler haben heute ein großes Bedürfnis, sich indi­vi­duell und im tech­nisch-tak­ti­schen Bereich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Wie schlägt sich das in Ihrem Alltag nieder?
Wir arbeiten hier neben dem Mann­schafts­trai­ning ständig in Klein­gruppen. Diens­tags üben wir oft mit Ein­zelnen nur Flanken oder Pass­spiel. Wir reden stun­den­lang dar­über, wie man sich bei diesem oder jenem Pass ver­hält. Gemeinhin könnte man annehmen, dass es irgend­wann heißt: Trainer, wir sind Profis, reicht jetzt auch mal.“ Aber die meisten, die da mit­ma­chen, muss ich eher bremsen.