Seite 2: „Was mit Viktor passiert ist, hat mich sehr nachdenklich gemacht“

Beim Ham­burger SV trat im Früh­jahr 2018 der Trainer Chris­tian Titz mit einer ähn­li­chen Über­zeu­gung an. Auch er kam aus dem Nach­wuchs mit einer klaren Vor­stel­lung von Fuß­ball und er sorgte trotz Abstieg für Auf­bruchs­stim­mung. Als Titz in der zweiten Liga nicht von seiner Linie abrü­cken wollte, wurde er ent­lassen.
Ich muss jetzt auf­passen, was ich sage, sonst kann ich nie wieder in Ham­burg ein­kaufen. (Lacht.) Als Kol­lege kann ich diese Ent­las­sung natür­lich nicht nach­voll­ziehen. Aber ich denke, dass sich die Umfelder bei den Ver­einen auch stark unter­scheiden.

In wel­cher Hin­sicht?
Ich glaube, dass man bei Werder mehr Zeit für den Erfolg ein­ge­räumt bekommt. Was nicht bedeutet, dass wir völlig los­ge­löst von Ergeb­nisse arbeiten. Hier wird’s auch unruhig, wenn wir vier Mal in Folge ver­lieren. In Bremen könnte das so aber nicht pas­sieren. Ein zen­traler Unter­schied ist: Wir gehen hier nicht den Flo­rian-Koh­feldt-Weg, son­dern wenn über­haupt den Bau­mann-Koh­feldt-Weg, am ehesten aber den Werder-Weg. Baumi“ und ich unter­halten uns seit vielen Jahren dar­über, wie wir den Verein sehen, wie wir ihn ent­wi­ckeln und wie wir Fuß­ball spielen wollen. Natür­lich ist es eher meine Auf­gabe, diese Ideen auf dem Trai­nings­platz zu ver­mit­teln und er muss schauen, welche Spieler dazu passen. Aber es ist unser gemein­samer Weg.

Sie über­nahmen den SV Werder auf einem Abstiegs­platz. Theo­re­tisch hätten Sie der Trainer sein können, der Werder nach vierzig Jahren wieder in die zweite Liga führt.
Zwei Fak­toren gaben für mich den Aus­schlag, den Job zu über­nehmen: 1. Meine Über­zeu­gung, dass wir den Klas­sen­er­halt mit dieser Mann­schaft und der rich­tigen Phi­lo­so­phie schaffen können. 2. Dass ich von Frank Bau­mann das Maxi­male an Ver­trauen bekomme, das auf dieser Ebene vor­stellbar ist. Mehr hätte ich nir­gendwo sonst bekommen.

Hatten Sie denn Optionen?
Es wäre ver­messen, wenn ich sage, wäre ich hier nicht Bun­des­li­ga­trainer geworden wäre, dann bei einem anderen Klub. Pure Arro­ganz. Aber ich habe mit der U23 in der 3. Liga die Klasse gehalten und es gab öfter Anfragen – in anderen Funk­tionen, aber auch als Chef­coach im Pro­fi­be­reich.

Wo denn?
Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich diese Details für mich behalte.

Von Ver­einen aus der Region?

Gemischt, es waren auch Ange­bote aus dem Aus­land dabei. Was ich aber sagen will: Mir war sehr wohl bewusst, wenn es bei Werder als Chef­coach schief­geht, werde ich mich in Berei­chen, in denen ich mir eine gute Aus­gangs­po­si­tion erar­beitet habe, erst einmal wieder hin­ten­an­stellen müssen.

So wie Ihr För­derer Viktor Skripnik, dem Sie schon als U23-Trainer assis­tierten und später bei den Profis. Er wurde gerade auch als Trainer beim FC Riga frei­ge­stellt.
Ich weiß noch, wie ich einmal mit meiner Frau eine Rad­tour an der Weser machte, aufs Sta­dion blickte und sagte: Mann, wäre doch Wahn­sinn, da mal dabei sein zu können.“ Als ich es dann später als Co-Trainer erlebte, hatte ich dann doch schon sehr großen Respekt vor der Auf­gabe.

Was ver­än­derte Ihre Sicht?
Es gab kein trau­ma­ti­sches Ereignis, aber im Pro­fi­ge­schäft pas­sieren auch Dinge, die mir nicht gefallen. Zu meinen Freunden, die Fuß­ball­fans sind, sage ich öfter: Ich erzähle euch nicht alles, sonst findet ihr das nicht mehr so gut.“

Worauf spielen Sie an?

Was mit Viktor pas­siert ist, gerade in den letzten Monaten seiner Amts­zeit, hat mich beschäf­tigt. Viktor ist ein sehr guter Trainer und ein sehr starker Mensch, aber wie er am Ende unter den aus­blei­benden Ergeb­nissen litt, hat mich sehr nach­denk­lich gemacht. Denn so etwas kann jedem pas­sieren.