Der Text stammt usprüng­lich aus der 11Freunde #208. Das Heft gibt es überall im Handel und direkt bei uns im Shop.

Flo­rian Koh­feldt, als Sie 13 Jahre alt waren, wech­selte Otto Reh­hagel nach einer Ewig­keit als Werder-Trainer zum FC Bayern…
und Sie können sich vor­stellen, dass seine Ent­schei­dung viele Fra­ge­zei­chen bei mir als Werder-Fan hin­ter­lassen hat. Seit Ihrer Geburt hatten Sie keinen anderen Coach in Bremen erlebt.

Wie nahmen Sie wahr, dass nun eine jah­re­lange Kon­ti­nuität auf­brach?
Mir wurde erst unter den Fol­ge­trai­nern bewusst, dass die Erfolgs­ge­schichte zu brö­ckeln begann. Dass Werder für Kon­ti­nuität steht, wurde mir dann erst richtig in der Ära Thomas Schaaf klar.

Auch nach Schaafs Abgang 2013 tat sich der Klub schwer, den geeig­neten Trainer zu finden. Sie waren der vierte Chef­coach in gut vier Jahren. Haben Sie sich je gefragt, was Kon­ti­nuität in diesem Klub bedingt?
Erfolg ist stets ein Zusam­men­spiel ver­schie­dener Para­meter. Auch bei Werder ist nicht nur heile Welt. Und ein ele­men­tarer Faktor in Erfolgs­zeiten war stets, wenn Manager und Trainer ein kon­struk­tives, enges Ver­hältnis zuein­ander pflegten. Das war sowohl bei Reh­hagel und Lemke als auch bei Allofs und Schaaf der Fall.

Ihre Inthro­ni­sie­rung durch Frank Bau­mann ver­lief eher holprig. Anfangs waren Sie nur als Inte­rims­trainer vor­ge­sehen.
Das mediale Echo zeigte nur, wie fun­da­mental sich Innen- und Außen­sicht unter­scheiden. Denn ich war mir immer bewusst, dass Frank Bau­mann über­haupt keinen Zweifel hat, dass ich zum Chef­trainer tauge. Zumal er auch per­sön­lich einiges aufs Spiel setzte als er mich holte.

Weil Sie der dritte Trainer in Folge waren, der aus dem eigenen Nach­wuchs kam?
Ich will gar nicht spe­ku­lieren, was pas­siert wäre, wenn das schief­ge­gangen wäre.

Ihre Vor­gänger Viktor Skripnik und Alex­ander Nouri ret­teten den SV Werder vor dem Abstieg, gerieten dann aber in eine Nega­tiv­schleife. Fürch­teten Sie im Herbst 2018, als Sie fünf Mal in Folge in der Bun­des­liga nicht gewannen, dass es Ihnen ähn­lich ergehen könne?
Wirk­lich ins Grü­beln gekommen bin ich nicht. Wenn ich je einen Anflug von Zweifel hatte, dann nach der Heim­nie­der­lage gegen den FC Bayern. Als Sie Anfangs Dezember knapp mit 1:2 unter­lagen. Ich könnte es mir leicht­ma­chen und sagen: 1:2 gegen Bayern ver­loren, ein Spiel, das bis zum Ende offen war – kann jedem pas­sieren. Aber in dem Match hatte ich das erste und ein­zige Mal das Gefühl, seit ich mit der Mann­schaft arbeite, dass wir nicht unseren Fuß­ball spielen. Dass wir uns für den Sicher­heits­ball ent­schieden, statt nach vorne zu spielen, dass wir beim Ver­tei­digen nicht aggressiv waren, weil wir den Blick nach hinten hatten.

Dass Teams bei Auf­ein­an­der­treffen mit dem FC Bayern der Mut ver­lässt, ist aber kein reines Werder-Pro­blem.
Mag sein, aber ich glaube fest daran, dass eine bestimmte Art von gutem Fuß­ball sich auf Dauer positiv in Ergeb­nissen wider­spie­gelt. Aber nach dem Bayern-Spiel kam ich nach Hause und habe mir gedacht: Jetzt müssen wir sehr auf­passen!“

Sie sind auch laut in der Kabine geworden.
Weil ich wusste, wenn wir diesen Weg wei­ter­gehen, wird das, was wir uns in einem Jahr mühsam auf­ge­baut haben, kaputt­gehen. Im Februar 2017 hatten wir in Mün­chen mit 4:2 ver­loren, aber da stimmte die Hal­tung. Doch bei der Nie­der­lage im Dezember konnte ich nicht mehr voll­ständig erkennen, wofür wir stehen. Es gibt immer Spiele, die von Fak­toren ent­schieden werden, gegen die ein Team machtlos ist. Wichtig aber ist, dass man nie seine Hal­tung ver­liert.

Beim Ham­burger SV trat im Früh­jahr 2018 der Trainer Chris­tian Titz mit einer ähn­li­chen Über­zeu­gung an. Auch er kam aus dem Nach­wuchs mit einer klaren Vor­stel­lung von Fuß­ball und er sorgte trotz Abstieg für Auf­bruchs­stim­mung. Als Titz in der zweiten Liga nicht von seiner Linie abrü­cken wollte, wurde er ent­lassen.
Ich muss jetzt auf­passen, was ich sage, sonst kann ich nie wieder in Ham­burg ein­kaufen. (Lacht.) Als Kol­lege kann ich diese Ent­las­sung natür­lich nicht nach­voll­ziehen. Aber ich denke, dass sich die Umfelder bei den Ver­einen auch stark unter­scheiden.

In wel­cher Hin­sicht?
Ich glaube, dass man bei Werder mehr Zeit für den Erfolg ein­ge­räumt bekommt. Was nicht bedeutet, dass wir völlig los­ge­löst von Ergeb­nisse arbeiten. Hier wird’s auch unruhig, wenn wir vier Mal in Folge ver­lieren. In Bremen könnte das so aber nicht pas­sieren. Ein zen­traler Unter­schied ist: Wir gehen hier nicht den Flo­rian-Koh­feldt-Weg, son­dern wenn über­haupt den Bau­mann-Koh­feldt-Weg, am ehesten aber den Werder-Weg. Baumi“ und ich unter­halten uns seit vielen Jahren dar­über, wie wir den Verein sehen, wie wir ihn ent­wi­ckeln und wie wir Fuß­ball spielen wollen. Natür­lich ist es eher meine Auf­gabe, diese Ideen auf dem Trai­nings­platz zu ver­mit­teln und er muss schauen, welche Spieler dazu passen. Aber es ist unser gemein­samer Weg.

Sie über­nahmen den SV Werder auf einem Abstiegs­platz. Theo­re­tisch hätten Sie der Trainer sein können, der Werder nach vierzig Jahren wieder in die zweite Liga führt.
Zwei Fak­toren gaben für mich den Aus­schlag, den Job zu über­nehmen: 1. Meine Über­zeu­gung, dass wir den Klas­sen­er­halt mit dieser Mann­schaft und der rich­tigen Phi­lo­so­phie schaffen können. 2. Dass ich von Frank Bau­mann das Maxi­male an Ver­trauen bekomme, das auf dieser Ebene vor­stellbar ist. Mehr hätte ich nir­gendwo sonst bekommen.

Hatten Sie denn Optionen?
Es wäre ver­messen, wenn ich sage, wäre ich hier nicht Bun­des­li­ga­trainer geworden wäre, dann bei einem anderen Klub. Pure Arro­ganz. Aber ich habe mit der U23 in der 3. Liga die Klasse gehalten und es gab öfter Anfragen – in anderen Funk­tionen, aber auch als Chef­coach im Pro­fi­be­reich.

Wo denn?
Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich diese Details für mich behalte.

Von Ver­einen aus der Region?

Gemischt, es waren auch Ange­bote aus dem Aus­land dabei. Was ich aber sagen will: Mir war sehr wohl bewusst, wenn es bei Werder als Chef­coach schief­geht, werde ich mich in Berei­chen, in denen ich mir eine gute Aus­gangs­po­si­tion erar­beitet habe, erst einmal wieder hin­ten­an­stellen müssen.

So wie Ihr För­derer Viktor Skripnik, dem Sie schon als U23-Trainer assis­tierten und später bei den Profis. Er wurde gerade auch als Trainer beim FC Riga frei­ge­stellt.
Ich weiß noch, wie ich einmal mit meiner Frau eine Rad­tour an der Weser machte, aufs Sta­dion blickte und sagte: Mann, wäre doch Wahn­sinn, da mal dabei sein zu können.“ Als ich es dann später als Co-Trainer erlebte, hatte ich dann doch schon sehr großen Respekt vor der Auf­gabe.

Was ver­än­derte Ihre Sicht?
Es gab kein trau­ma­ti­sches Ereignis, aber im Pro­fi­ge­schäft pas­sieren auch Dinge, die mir nicht gefallen. Zu meinen Freunden, die Fuß­ball­fans sind, sage ich öfter: Ich erzähle euch nicht alles, sonst findet ihr das nicht mehr so gut.“

Worauf spielen Sie an?

Was mit Viktor pas­siert ist, gerade in den letzten Monaten seiner Amts­zeit, hat mich beschäf­tigt. Viktor ist ein sehr guter Trainer und ein sehr starker Mensch, aber wie er am Ende unter den aus­blei­benden Ergeb­nissen litt, hat mich sehr nach­denk­lich gemacht. Denn so etwas kann jedem pas­sieren.

Spre­chen Sie über medialen Druck oder über Vor­gänge im Verein?
Über beides. In so einer Abwärts­spi­rale kommt der Moment, an dem sich ein Trainer fragt: Ver­trauen mir hier noch alle?“ Und das hat Viktor – mit seiner langen, erfolg­rei­chen Werder-Geschichte – zurecht sehr getroffen. Aber aus diesem Drama ergab sich auch die Situa­tion, dass mich Frank Bau­mann als Co-Trainer ent­ließ und sagte: Bitte buche keinen Urlaub!“ Denn zwei Wochen später stellte er mich als U23-Trainer wieder ein – und ich war Dritt­li­ga­trainer.

So ist der Pro­fi­fuß­ball.
Und letzt­lich kann keiner sagen, dass es nicht einen unglaub­li­chen Reiz hat, einer von 18 Bun­des­li­ga­trai­nern zu werden. Auch ich nicht.

Machen Sie sich den­noch Sorgen, dass Ihnen Ähn­li­ches wider­fahren könnte wie Ihren Vor­gän­gern?

Wovor ich Respekt habe, ist, dass sich mein Ver­hältnis zu dieser Stadt, in der ich seit fast zwanzig Jahren lebe, ver­än­dern könnte, weil es sport­lich nicht mehr läuft. Sprich: Dass ich durch den Job ein Stück Heimat ver­lieren könnte. Und natür­lich mache ich mir manchmal Gedanken, wie ich irgend­wann meinen Kin­dern bei­bringe, dass der Papa nicht mehr bei Werder arbeitet. Denn sie kennen es in ihrem Leben noch nicht anders.

Aber viel­leicht treten Sie in die Fuß­stapfen von Reh­hagel und Schaaf und begründen hier eine neue Ära.
Ich glaube nicht, dass es in heu­tigen Zeiten noch mög­lich ist, so lange Zeit bei einem Bun­des­li­gisten zu arbeiten.

Warum nicht?
Weil sich die Beob­ach­tung, unter der dieser Job steht, weiter ver­stärkt hat. Die ruhige Werder-Welt von einst gibt es nicht mehr. Auch wir haben hier zwei Internet-Por­tale mit gefühlt 40 Repor­tern, die rund um die Uhr berichten. Dazu alle anderen großen Medien. Ich bin skep­tisch, dass ich in dieser Gemenge­lage 14 Jahre über­stehe.

Sie haben fast zehn Jahre lang im Werder-Nach­wuchs gear­beitet. Wie sehr bringen Sie diese Erfah­rungen bei Ihrer jet­zigen Tätig­keit mit ein?
Im Nach­wuchs lernt man unheim­lich viel dar­über, wie man Spieler ent­wi­ckelt und coacht. Meines Erach­tens stoßen des­halb gegen­wärtig viele Trainer von dort zu den Profis vor. Denn die meisten jungen Spieler haben heute ein großes Bedürfnis, sich indi­vi­duell und im tech­nisch-tak­ti­schen Bereich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Wie schlägt sich das in Ihrem Alltag nieder?
Wir arbeiten hier neben dem Mann­schafts­trai­ning ständig in Klein­gruppen. Diens­tags üben wir oft mit Ein­zelnen nur Flanken oder Pass­spiel. Wir reden stun­den­lang dar­über, wie man sich bei diesem oder jenem Pass ver­hält. Gemeinhin könnte man annehmen, dass es irgend­wann heißt: Trainer, wir sind Profis, reicht jetzt auch mal.“ Aber die meisten, die da mit­ma­chen, muss ich eher bremsen.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass es bei Ihnen als Aktiver nie zum Pro­fi­status gereicht hat. Wann merken Sie im Alltag, dass Co-Trainer Tim Borowski und Manager Frank Bau­mann ehe­ma­lige Natio­nal­spieler sind?
Beim Lat­ten­schießen. (Lacht.) Ansonsten glaube ich nicht, dass mir Fun­da­men­tales fehlt, um diesen Job zu machen. Aber natür­lich gibt es Momente, wo mir die beiden Hin­weise geben.

Zum Bei­spiel?
Etwa als ich in der Woche nach der Nie­der­lage gegen den FC Bayern den Ein­druck hatte, es könnte kippen. Da habe ich die Art der Ansprache an die Mann­schaft ver­än­dert.

Was haben Sie anders gemacht?
Nor­ma­ler­weise spreche ich unmit­telbar vor Spielen eher fach­be­zogen als emo­tional. Auch weil ich der Ansicht bin, dass Emo­tion, dieses Wir-müssen-brennen, sich schnell abnutzt. Aber vor der Partie gegen For­tuna Düs­sel­dorf kamen wir im Trai­ner­team überein, dass es am besten sei, alle Fach­lich­keit raus­zu­lassen und pure Emo­tionen zu trans­por­tieren.

Julian Nagels­mann hat erzählt, er sei nur einmal in seiner Zeit als Pro­fi­coach nervös gewesen: vor seiner aller­ersten Ansprache an die Mann­schaft.
Das war bei mir anders. Viel­leicht hat es mir geholfen, dass ich schon 75 Spiele als Co-Trainer erlebt hatte.

Ihre Mann­schaft stand auf einem Abstiegs­platz. Lupfen da nicht zwangs­läufig ein paar Rou­ti­niers die Augen­braue. Frei nach dem Motto: Wieder so ein Green­horn – und noch dazu ein Ex-Tor­wart.“
Na klar. Wäre doch schräg, wenn es diese Reak­tion nicht gäbe. Aber ich bin der Über­zeu­gung, dass Profis einen Trainer letzt­lich nur nach zwei Kri­te­rien bewerten: 1. Macht er mich indi­vi­duell und die Mann­schaft besser? 2. Ist der ehr­lich zu mir oder geht er im Zweifel einem Kon­flikt aus dem Weg, indem er die Unwahr­heit sagt? Und auf dieser Grund­lage habe ich hier vom ersten Tag an gehan­delt.

Wel­cher von Ihren Jungs war anfangs eher skep­tisch?
Natür­lich habe ich bei den Unter­hal­tungen mit Thomas Delaney oder Max Kruse gemerkt, dass die erst einmal schauen, wer da kommt. Die haben mir direkt oder indi­rekt zu ver­stehen gegeben, dass sie sich eigent­lich einen Gestan­denen gewünscht hätten. Aber so lagen von Beginn an die Karten auf dem Tisch. Und wenn es dem Trainer dann gelingt, Spieler vom Gegen­teil zu über­zeugen, führt das zu viel mehr Geschlos­sen­heit, als wäre ich mit einem Bonus gestartet, den ich dann nicht ein­löse.

Viele Ihrer Spieler loben, dass Sie hier­ar­chi­sche Distanz mit mensch­li­cher Nähe in Ein­klang bringen. Sie besitzen offenbar natür­liche Auto­rität.
Das Spieler-Trainer-Ver­hältnis hat genug natür­liche Hier­ar­chie­ebenen, die ein Trainer auch nie in Frage stellen sollte. Aber mein Bestreben ist, zu jedem ein per­sön­li­ches Ver­hältnis her­zu­stellen, weil ich schließ­lich täg­lich mit denen zu tun habe. Aber in diesem Bestreben sollte mich nie­mand als Kumpel-Typ miss­ver­stehen. Keiner der Jungs in der Kabine ist ein Kumpel von mir.

Und diese Ambi­va­lenz klappt?
Ich will nicht nur wissen, ob ein Spieler den Flug­ball beherrscht, son­dern auch, was ihn privat beschäf­tigt, was ihn glück­lich oder unglück­lich macht. Weil ich nur dann Ent­schei­dungen ihm gegen­über glaub­würdig ver­treten kann. Denn ich bin mir im Klaren, dass meine Ent­schlüsse für Ein­zelne schwer­wie­gende Folgen haben können.

Max Kruse bemän­gelte noch im Sommer die fla­chen Hier­ar­chien im Team. Er sagte: Die jungen Spieler haben in der letzten Saison sehr viel mit­ge­spro­chen. Da kamen Wider­worte in Momenten, in denen es wirk­lich fehl am Platze war.“
Das bezog sich aufs Bin­nen­ver­hältnis in der Mann­schaft, nicht auf das Trai­ner­team. Natür­lich hat sich nach meiner Amts­über­nahme vieles noch ent­wi­ckelt. Am Anfang war gar nicht klar, ob ich den Job wei­ter­mache. Erst im Trai­nings­lager im Winter habe ich ent­schieden, welche fünf, sechs Spieler bei mir in der Hier­ar­chie oben stehen. Den klarsten Schnitt habe ich dann im Sommer voll­zogen.

Wie müssen wir uns das vor­stellen?
Es heißt ja öfter, der Koh­feldt lässt die Spieler mit­reden. Aber ich habe den Mann­schaftsrat fest­ge­legt und den Kapitän bestimmt. Da hatte nie­mand mit­zu­reden. Und bei mir räumen – ganz old-school-mäßig – auch immer die fünf jüngsten Spieler nach dem Trai­ning den Platz ab und die Älteren können rein­gehen. Da tragen mit Maxi und Johannes Egge­stein oder Josh Sar­gent auch mal Stamm­spieler die Tore und die Ball­netze. Das schafft ein Klima von Respekt unter­ein­ander. Wichtig ist nur, dass die Jungs wissen, dass ich in jeder Situa­tion hinter ihnen stehe.

Was unter­scheidet den Job als Bun­des­liga-Chef­coach vom Co-Trainer-Posten?
Ein Co-Trainer ist nach bestem Wissen und Gewissen bera­tend tätig, aber als Chef­coach muss man die letzte Ent­schei­dung treffen und auch mal die Ver­ant­wor­tung für Dinge über­nehmen, die man nicht wirk­lich beein­flussen kann. Das ist eine Erfah­rung, in die man sich vorher nicht rein­denken kann.

Sucht sich dieses ver­än­derte Bewusst­sein ein Ventil? Beim Spiel gegen Ein­tracht Frank­furt ras­teten Sie an der Linie aus und wurden vom Schieds­richter auf die Tri­büne ver­bannt. Anders gefragt: Hat Ihre Frau in letzter Zeit mal gesagt: Jetzt komm mal runter?“
Nee, hat sie noch nicht. Ich ver­suche, diese Seite so gut wie mög­lich zu unter­drü­cken. Denn ich weiß, dass ich damit nur ver­lieren kann. Auch wenn es meines Erach­tens falsch ist, sich so zu ver­stellen.

Welche Seite meinen Sie?
Gerech­tig­keits­fa­na­tiker. In der fünften Klasse bin ich mal mitten im Sport­un­ter­richt abge­hauen, weil ich der Ansicht war, die Leh­rerin habe unser Bas­ket­ball­team vor­sätz­lich ver­pfiffen. Das gab ziem­lich Ärger, weil ich ein­fach weg war, sogar der Direktor wurde ein­ge­schaltet. Wenn ich mich unge­recht behan­delt fühle, muss ich extrem mit mir kämpfen, um nicht aus der Haut zu fahren. Gegen Frank­furt war es nun das erste Mal so.

Ver­formt das Pro­fi­ge­schäft einen Men­schen?
Gegen Frank­furt musste ich irgend­wohin mit der Emo­tion. Also bin ich wütend über die Bande gesprungen und wurde zur Strafe auf die Tri­büne ver­bannt. Auch wenn ich die Ent­schei­dung nicht nach­voll­ziehen kann, weiß ich, dass mir so etwas besser nicht pas­sieren sollte. Ich kann Ihnen aber trotz dieser Situa­tion gegen Frank­furt ver­si­chern, dass ich noch nie in meinem Leben einen Schieds­richter belei­digt habe.

Spie­gelt sich womög­lich, wenn jeder Schritt eines Men­schen von Kameras doku­men­tiert wird, dieser Umstand irgend­wann unbe­wusst oder bewusst in seinem Ver­halten wider?
Emo­tionen bewusst ein­setzen, um der Mann­schaft zu helfen, ist sicher ein Thema. Ich mache das auch manchmal in der Kabine. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, so etwas am Spiel­feld bewusst gegen Schieds­richter ein­zu­setzen.

Vor der Saison ver­kün­deten Sie das Errei­chen des inter­na­tio­nalen Geschäfts als Sai­son­ziel. Sie erklärten diesen Schritt damit, dass Werder zuletzt immer dann gut funk­tio­niert habe, wenn es mit dem Rücken zur Wand stand. Glauben Sie, so eine Instant-Druck­si­tua­tion kommt bei den Spie­lern an?
Natür­lich lässt sich das nicht ver­glei­chen. Europa ist ein posi­tives Ziel, der Abstieg ein Exis­tenz­ziel. Den­noch haben wir fest­ge­stellt, dass sich hier unab­hängig von Spie­lern und Trai­nern in den letzten Jahren oft sehr schnell Zufrie­den­heit ein­stellte. Egal, ob der Klub Siebter oder Zwölfter war, es war meis­tens irgendwie okay. Und diese Men­ta­lität wollten wir mit der Bekannt­gabe eines Sai­son­ziels auf­bre­chen. Bei aller Gelas­sen­heit, die wir uns bewahren wollen, wir können nicht zufrieden sein, wenn wir am Ende auf Platz elf landen.

Sie hoffen also, dass sich Druck auf­baut, wenn Jour­na­listen Ihre Spieler nach jeder Nie­der­lage fragen: Was ist denn nun mit Euro­pacup?“
Erst einmal wollen wir intern Druck auf­bauen. Aber natür­lich setzen wir auch auf die Wech­sel­wir­kung. Nach den ersten drei Spielen dieser Saison hatten wir fünf Punkte. Prompt kamen die Über­schriften: Reicht das für Europa?“ Erst dachte ich: Was haben die? Ist doch erst der dritte Spieltag. Aber dann fiel mir auf: Genau diesen Effekt wollte ich. Warum soll ich mit fünf Punkten zufrieden sein?

Ist es nicht frus­trie­rend, dass Sie kühn das inter­na­tio­nale Geschäft als Ziel setzen, aber wohl nie mehr dahin kommen, wo Werder bis vor gut zehn Jahren Dau­er­gast war: in die Cham­pions League?
Die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gungen sind so, dass es mit­tel­fristig eher unrea­lis­tisch ist. Aber bitter finde ich es nicht, denn das Ent­schei­dende im Sport ist doch, sich nie mit sol­chen ver­meint­li­chen Grenzen abzu­finden, son­dern in vielen kleinen Schritten darauf hin­zu­ar­beiten, dass sich Dinge ver­än­dern. Ich fahre ja auch mit der Absicht zum FC Bayern, dort zu gewinnen. Sonst könnte ich es lassen.

Leidet der Werder-Fan in Ihnen dar­unter, dass der Klub im Zuge der Kom­mer­zia­li­sie­rung einen Nie­der­gang erlebt hat.
Mir ist bewusst, dass uns selbst bei über­ra­gender Arbeit von Spie­lern, Trai­nern und Manage­ment viel­leicht bestimmte Grenzen gesetzt sind. Ich halte es auch für aus­ge­schlossen, dass ein Auf­steiger noch einmal den Durch­marsch schafft und Meister wird. Ande­rer­seits erkenne ich in Bremen nicht mal ansatz­weise, dass unter den ver­än­derten Rah­men­be­din­gungen die Begeis­te­rung leidet. Die Emo­tio­na­li­sie­rung der Stadt und des Ver­eins hat eher zuge­nommen. In der Hin­sicht leben wir hier doch noch im Para­dies.

Am Ende seiner aktiven Lauf­bahn ant­wor­tete Oliver Kahn auf die Frage, ob er sich vor­stellen könne, Trainer zu werden: Davon lass ich die Finger.“ Als Ex-Tor­wart fürch­tete er, bei Pro­fi­teams könne ihm die Akzep­tanz fehlen.
Mein Vor­teil ist, dass ich von einem Niveau als Aktiver komme, wo sich die Frage nach der Posi­tion erst gar nicht stellt. Des­wegen habe ich mir dar­über nie Gedanken gemacht.

Haben Sie denn Tor­wart-Cha­rak­te­ris­tika?
Was ist denn typisch Tor­wart? Ich war zumin­dest nie ein Ein­zel­gänger und hatte immer großes Inter­esse daran, wie Gruppen funk­tio­nieren. Und ich war auch kein Typ, dem es wahn­sinnig Spaß machte, sich in zehn Leute rein zu schmeißen. Im Gegen­teil, das war eher der Teil, der mich am Tor­wartjob abge­turnt hat.

Mit zwölf Jahren haben Sie mal bei einer 0:5‑Niederlage noch wäh­rend des Spiels den Platz ver­lassen.
Wieder dieses Gerech­tig­keits­ding. Nach dem fünften Gegen­treffer beschwerte ich mich bei meinen Vor­der­leuten und die meinten, mich auch noch ver­ar­schen zu müssen. Da habe ich gesagt: Wenn ihr das nicht ernst nehmt, kann ich ja gehen.“

Damals prä­sen­tierten Sie noch am Spieltag Ihrem Jugend­trainer in einer Kladde Ent­würfe mit mög­li­chen Auf­stel­lungen und Trai­nings­emp­feh­lungen.
Nur zum Ver­ständnis: Diese Geschichte hat mein Trainer erzählt, nicht ich. Ich will das gar nicht so hoch hängen, ich habe damals ein­fach so gedacht.

Aber beweist diese Epi­sode nicht, dass Sie früh schon eher Trainer als Tor­wart waren?
Wenn, dann nur unter­be­wusst. Ich habe näm­lich sehr lange darauf hin­ge­ar­beitet, Profi zu werden und es ist letzt­end­lich daran geschei­tert, dass ich nicht gut genug war. Ich kann mich noch nicht mal mit einer Ver­let­zung raus­reden. (Lacht.)