Seite 3: Ein Ort radikaler Gegensätze

Die Löwen“ gaben lange im Block E den Ton an – nur vor­über­ge­hend bedrohte eine nicht minder berüch­tigte Gruppe aus Müm­mel­manns­berg die Hege­monie. Doch der Fan­klub Bunny Hill“ löste sich nach einer Ent­schei­dungs­schlacht auf einem Park­platz auf – nicht zuletzt, weil ihre schlag­kräf­tigsten Mit­glieder wegen Haft­strafen ver­hin­dert waren. 1982 sollen Mit­glieder der Löwen“ auch an Aus­ein­an­der­set­zungen mit Werder-Fans betei­ligt gewesen sein, die zum Tod des Bre­mers Adrian Maleika führten. Die Gewalt nahm derart über­hand, dass sich ab den späten sieb­ziger Jahren viele lang­jäh­rige Anhänger aus der Kurve zurück­zogen, auch weil zuneh­mend Rechts­ra­di­kale den Ton angaben, Insi­gnien der White Power“ all­täg­lich wurden – und die NPD ver­suchte, Teile des Anhangs für sich zu gewinnen.

Die Block­kon­trollen konnten nicht ver­hin­dern, dass es am 9. Juni 1979 zu einem erneuten Zwi­schen­fall kam. Der Ham­burger SV fei­erte am letzten Spieltag seinen ersten Bun­des­li­ga­titel – und die West­kurve hyper­ven­ti­lierte im Ange­sicht des Tri­umphs. Vom Block E drängten zahl­lose Fans aufs Feld, so dass schließ­lich die sta­chel­draht­über­spannten Metall­tore nach­gaben. 73 Men­schen kamen mit teils lebens­ge­fähr­li­chen Ver­let­zungen ins Kran­ken­haus. Es war die schlimmste Sta­di­on­ka­ta­strophe der Liga­ge­schichte. Der HSV schaffte post­wen­dend den Aus­schank alko­ho­li­scher Getränke ab. Was aller­dings nicht ver­hin­derte, dass trotzdem wei­terhin Wun­der­kerzen, Feu­er­werks­böller, Toast­brot oder Senf­tüt­chen aus den oberen Reihen in Rich­tung Spiel­feld flogen.

Weniger stumpf als ihr Ruf

Die West­kurve war ein aner­kannter Pro­blem­be­zirk – und viele seiner Bewohner genossen diese Wahr­neh­mung sicht­lich. Und wie nah ein Fan dort dem War­hol­schen Minu­ten­ruhm war, zeigte sich am 31. März 1982 beim Abend­spiel gegen den VfB Stutt­gart, nach­zu­lesen im ver­dienst­vollen Nach­schla­ge­werk Kinder der West­kurve“ über die Geschichte der HSV-Fans. Unmit­telbar nach dem 1:0 durch Horst Hru­besch kreiste ein Poli­zei­hub­schrauber überm Volks­park, senkte einen Schein­werfer auf die West­kurve und nahm ein­zelne Anhänger wie auf der Thea­ter­bühne ins Spot­light.

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Doch so trist sich manche Epi­sode auch liest, die West­kurve war stets ein Ort radi­kaler Gegen­sätze und viel­schich­tiger Aus­druck gelebter Fan­kultur. Wäh­rend manche mit ihren Gesängen bevor­zugt den SV Werder ver­re­cken“ sehen und kahl­köp­fige Nazis eine U‑Bahn von St. Pauli bis nach Ausch­witz“ bauen wollten, fragten andere im freund­li­chen Dis­cofox Wer wird Deut­scher Meister?“ oder reimten 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 – Kevin Keegan“. Dass die Kurve weit weniger stumpf als ihr Ruf sein konnte, zeigte sich am lie­be­voll aus­ge­stat­teten Stand am Tri­bü­nen­auf­gang, der nicht nur HSV-Uten­si­lien vor­hielt, son­dern auch Ansteck­na­deln und Wim­peln von Klubs aus allen Erd­teilen. An der Stamm­knei­pen­at­mo­sphäre am ver­sifften Döner­stand bei Güldis“. Und natür­lich bei zahl­losen natio­nalen und inter­na­tio­nalen Spielen, bei denen die Kurve trotz ihrer dezen­tralen Lage wie eine Mauer hin­term Team stand und das ganze Rund nach vorne peitschte.

Als das bunte Wim­mel­bild erstarrte

Die West­kurve war eine Heimat, nicht nur für die Han­seaten“, Rot­hosen“, Ran­gers“, Ham­burg Nord“, Heide 78“, Her­manns treue Riege“ oder die Sex­ma­chines“, die ab den späten Acht­zi­gern für Stim­mung in der Kurve sorgten, son­dern auch für die zahl­losen Fans, die keiner Gruppe ange­hörten und den­noch treu hierher tin­gelten. So wie es heute ihre Nach­fahren in der Nord­kurve des neuen Volks­park­sta­dions tun. Der Westen ist in der gedrehten Spiel­stätte zur Sitz­tri­büne geworden.

Die Löwen“ jedoch sind immer noch da. Nur haben sie ihr Motto leicht modi­fi­ziert: Wir fangen heut­zu­tage keine Schlä­ge­reien mehr an, wir beenden sie nur noch.“ Ruhe hat die West­kurve nie gegeben. Selbst als Ende der acht­ziger Jahre der Block mal einige Minuten leer blieb, wollten die Fans nur spürbar ihrem Pro­test Aus­druck ver­leihen. Nur ein ein­ziges Mal ver­schlug es dem Anhang wirk­lich die Sprache. Der ganze Hügel schwieg, als am 14. November 1992 der Sta­di­on­spre­cher vorm Spiel gegen Bayer 05 Uer­dingen zu einer Schwei­ge­mi­nute für den am selben Tag ver­stor­benen Jahr­hun­dert­trainer Ernst Happel auf­rief. Das bunte Wim­mel­bild in der Kurve erstarrte, kol­lektiv senkten sich die Köpfe und eine ergrei­fende Stille legte sich über den Volks­park. Nur vom Ober­rang der Süd­tri­büne – dort, wo die Hoo­li­gans standen, die aus freien Stü­cken die West­kurve ver­lassen hatten – höhnte ein schwarzer Block unver­drossen: Auf Wie­der­sehen …“