Seite 2: Zäsur in der Westkurve

Nichts gegen Begeis­te­rung, aber wer Krach schlägt, sollte im nächsten Augen­blick bei der Polizei landen“, for­derte das Ham­burger Abend­blatt“. Kon­se­quenz: Schü­ler­karten gab es fortan nur noch für die West­kurve, mög­lichst weit weg von den Kabi­nen­zu­gängen. Über­griffe auf den Schieds­richter oder geg­ne­ri­sche Spieler gab es danach nicht mehr. Doch auch vom Westen aus erar­bei­tete sich der blau-weiß-schwarze Anhang schnell einen Ruf in der Szene. Als mal wieder der FC Bayern zu Gast war, stürmte mitten im Spiel ein motor­rad­ket­ten­schwin­gender Rocker über die damals noch unein­ge­zäunte Bar­riere in den Straf­raum, um sich mit einem geg­ne­ri­schen Anhänger zu duel­lieren, der sei­ner­seits eine Peit­sche in der Hand trug. FCB-Keeper Sepp Maier lehnte wäh­rend des Schar­müt­zels see­len­ruhig am Pfosten und ver­folgte den Kon­flikt.

Die zwei­fel­hafte Repu­ta­tion der Kurve übte auf junge Ham­burger große Fas­zi­na­tion aus. In der West­kurve war was los. Wer sich dorthin traute, brauchte Mumm. Und wer sich als Rookie über die Blöcke A und B hoch­diente, um irgend­wann einen Stamm­platz in den Abschnitten D und E zu ergat­tern, keine Frage, war ein ganzer Kerl und mit allen Was­sern gewa­schen.

Mit­ge­brachte Grills und volle Bier­kisten im Block

Bis Mitte der Sieb­ziger herrschte pure Anar­chie. Und wurde Recht gespro­chen, war es das des Stär­keren. Im Sommer standen die Fans mit mit­ge­brachten Grills an den Block­zu­gängen. Volle Bier­kisten wurden mit in den Block gebracht und leer wieder raus­ge­schleppt. Ein­tritt wurde eher selten bezahlt. Stunden vor Anpfiff, die Tore waren noch ver­schlossen, klet­terten die Fans über die behelfs­mä­ßigen Zäune oder suchten im Staub nach weg­ge­wor­fenen Kar­ten­ab­rissen, um diese vorm nächsten Heim­spiel wieder ans alte Ticket anzu­kleben. Die Druck­luft­si­renen kos­teten bei den flie­genden Händ­lern ums Sta­dion allen­falls einen Hei­er­mann und sorgten im Westen für einen knat­ternden Sound, als würden gleich Bomben auf Ham­burg nie­der­pras­seln wie 1943 beim grau­en­haften Feu­er­sturm“.

Schon in den Sech­zi­gern gab es eine Art Kapo, einen rot­haa­rigen Teen­ager, der wäh­rend des Spiels auf den Schul­tern eines Kum­pels stand und gen Kurve blökte. Die Besu­cher nannten ihn den Vor­beter“. Nur einer von zahl­losen Son­der­lingen, die unter der Woche ein karges Dasein fris­teten, jedoch an Spiel­tagen zu Kult­fi­guren auf­stiegen, die jeder im Block freund­lich begrüßte: Amanda Arndt, die HSV-Oma“, die immer dann, wenn’s gar nicht lief, kräch­zend Wer wird Deut­scher Meister?“ anstimmte. But­ter­keks“, der Fan mit Schnurr­bart und Fis­tel­stimme. Der Grieche“ Jannis mit seiner Trommel. Der seltsam fra­gile Gang-Leader Tarzan“. Der urige Lakritz­ver­käufer. Oder Schimmi“, der stets eine Vier­tel­stunde nach Anpfiff kam und sich laut heiß & fääd­dich“ grö­lend mit zwei rand­vollen Bier­be­chern den Weg in Block D bahnte.

Die Löwen“ sind los

Der Tod von Rainer Hoppe im April 1977 war jedoch eine Zäsur. Nachdem bereits zur WM 1974 Trenn­zäune zwi­schen den Blocks errichtet worden waren, ver­fügte der Verein nun Kon­trollen an den Zugängen, damit die Gefahr über­füllter Tra­versen mini­miert wurde. HSV-Manager Dr. Peter Krohn wollte mit dem Klub neue Käu­fer­schichten erschließen. Da wirkte eine solche Kata­strophe kon­tra­pro­duktiv. Schon seit langem ist die West­kurve ein Pro­blem,“ bilan­zierte das Abend­blatt“, es gibt nur Zugänge von oben, in deren Nähe sich zugleich die besten Plätze befinden. Wer also dort einen Platz ergat­tert hat, bleibt am liebsten dort stehen.“ Und wer stand da? Natur­gemäß die Jungs mit der größten Ver­drän­gung. 

Bereits 1972 hatten sich etwa 125 HSV-Anhänger als Rot­hosen“ zum ersten Fan­klub zusam­men­ge­schlossen. Zahl­lose andere Grup­pie­rungen folgten ihrem Bei­spiel: Oft war es nur eine Hand­voll Klas­sen­ka­me­raden, die sich mal eben in der großen Pause zusam­men­taten. Mit­unter aber auch Ver­ei­ni­gungen, die bur­schen­schaft­li­chen Prin­zi­pien folgten – nicht zuletzt, um als Macht in der Kurve auf­zu­treten. Vom Che­yenne-Club“ aus wech­selten später Mit­glieder zu den Hells Angels. Im Jahr 1976 taten sich rund 100 schlag­kräf­tige Gesellen – etliche mit ansehn­li­chem Füh­rungs­zeugnis – zum Fan­klub Löwen“ zusammen. Sie machten sich nicht mehr die Mühe, über Zäune zu steigen oder alte Tickets zu kleben, um ein Heim­spiel zu ver­folgen, son­dern sie rückten geschlossen zum Spiel an. Vor den Toren schmissen sie ihre Gas­pis­tolen, Schlag­stöcke und Spring­messer in eine Regen­tonne, drückten ange­führt vom Prä­si­denten die ver­dutzten Kar­ten­ab­reißer bei­seite und mar­schierten in den Block. Ein Ein­satz­po­li­zist war der­weil so freund­lich, die Regen­tonne wäh­rend des Spiels zu bewa­chen. Als andere Fans das Pro­ze­dere mit­be­kamen, reihten sie sich am Ende des Gra­tis­zugs ein. 

Auch linke Punks wie der spä­tere Slime-Sänger Dirk Jora, dessen Band dem sozialen Biotop später im Song Block E“ ein ener­vie­rendes Mit­gröl-Denkmal setzte: Doch Frei­tag­abend, da geht es los/​Du fühlst dich stark, jetzt bist du mal groß/​Die ganze Nacht wird durchgesoffen/​Sonnabend dann wieder Bangen und Hoffen/​Hier regiert der HSV!“