Fan­kurven sind wie kleine Städte. Trutz­burgen gegen Ein­dring­linge. Lokalpatrio­tisch bis an die Grenze zur Ver­blen­dung. Bunt und markt­schreie­risch nach außen, abgründig und düster im Kern. Die Bewohner zugleich soli­da­risch und von Neid zer­fressen, in Lei­den­schaft ver­eint und doch inner­lich zer­rissen.

Keine Tra­verse in Bun­des­li­ga­sta­dien ver­sinn­bild­lichte diese schaurig-schöne Ambi­va­lenz mehr als die West­kurve im alten Volks­park­sta­dion. Ein mas­siger Klotz aus Stein, Eisen und Fleisch, der an jedem Spieltag vor Adre­nalin, Bier und Ziga­retten fiebrig dampfte. Ein beto­nierter Gebirgszug aus frei­dre­henden Emo­tionen. Bei seiner Erbauung 1953 ohne schüt­zendes Dach in die Land­schaft geklatscht – und bis zum Abriss 1998 so belassen. So dass an heißen Tagen viele der eh schon ver­ne­belten Hirne kurz­schlossen. Und an allen anderen, wenn der Bind­fa­den­regen nie­der­pras­selte, nur das damals noch mit Verve prak­ti­zierte Flü­gel­spiel die trie­fenden Besu­cher erwärmte. Flutschte es beim HSV, steckte der Mob aus seiner ent­le­genen Ecke eupho­ri­siert das gesamte Sta­dion an. Stüm­perte sich der Klub aber einen zurecht, konnte sich in der Herz­kammer han­sea­ti­scher Fan­kultur auch kalter Hass Bahn bre­chen.

Lager­feuer am Zaun

Der Besuch der West­kurve in den großen Jahren des HSV war ein Aus­flug auf den Aben­teu­er­spiel­platz. Schon zwei Stunden vor Anpfiff groovten sich im mythen­um­rankten Block E die Assis, die Erleb­nis­ori­en­tierten und neu­gie­rige Gefah­ren­su­cher ein. Selbst in Zeiten, als der Zuschau­er­schnitt des Klubs die Zwan­zig­tau­send deut­lich unter­schritt, brannte die Luft. Alle Klo­rollen der ver­sifften Toi­letten waren ent­wendet und als freund­li­cher Gruß gen Aschen­bahn geschleu­dert worden. Papier­schnipsel spren­kelten den auf­stei­genden Rauch der Fil­ter­losen und der explo­die­renden Böller, die ein paar Bekloppte von oben warfen, dort, wo die ganz Harten ihre Plätze hatten.

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Wit­ters

Unten gingen die Kano­nen­schläge knapp über den Köpfen der Block­ge­nossen hoch, der­weil von überall empor­ge­reckte Puls­wärmer mit Trap­per­kor­deln den Volks­park-Beat klatschten. Und war das Spiel vor­über, kratzten ein paar Unent­wegte unten am Zaun den ganzen Fan-Müll zusammen und ent­zün­deten ein hüb­sches Lager­feuer. Auf dass auch jeden auf dem Nach­hau­seweg das Aroma von Frei­heit, Gewalt und Aben­teuer umgab.

Geh nicht in die West­kurve!“

Für die Ver­treter der Ham­burger Arro­ganz auf der Haupt­tri­büne war die West­kurve stets das Scher­ben­viertel des Volks­parks. Nachdem der Fan Rainer Hoppe im April 1977 bei einem Tumult in den Blö­cken E und D gestorben war, riefen Eltern ihren Kin­dern, die sich sams­tags ins Sta­dion auf­machten, beschwö­rend hin­terher: Geh nicht in die West­kurve!“ Der 15-Jäh­rige hatte sich das Rück­grat gebro­chen, als in den hoff­nungslos über­füllten Abschnitten von den oberen Rängen geschubst wurde und rund 100 Anhänger die Stufen run­ter­fielen. Dabei war es ein Tag der Freude gewesen. 5:0 hatte der HSV die Bayern abge­fer­tigt. Typisch West­kurve: Selbst posi­tive Vor­zei­chen beschworen in diesem adre­na­linge­schwän­gerten Milieu düs­tere Begleit­erschei­nungen herauf.

Dass der harte Fan-Kern im Westen seine Heimat fand, war einem unschönen Zwi­schen­fall zu ver­danken gewesen. Erst mit der Grün­dung der Bun­des­liga war der HSV vom Rothen­baum in den Volks­park umge­zogen. Die güns­tigsten Ein­tritts­karten bot der Klub zunächst in der Ost­kurve an, dieser Bereich lag nahe des Eidel­städter Bahn­hofs und war für unmo­to­ri­sierte Jugend­liche ein­fach zu errei­chen. Doch die Kids aus dem Hafen, den Arbei­ter­vier­teln und dem struk­tur­schwa­chen Umland inter­es­sierten sich weniger für güns­tige Zuwege als für gepflegten Kra­wall. Als dem HSV im Spiel gegen Ein­tracht Braun­schweig 1965 ein regu­läres Tor aberkannt wurde, rot­teten sich Dut­zende Teen­ager zusammen, füllten Cola-Dosen mit Sand und feu­erten die Behält­nisse nach Abpfiff auf den Referee, als dieser unter der Ost­kurve in die Kata­komben ver­schwand.