Seite 2: Die große Freiheit

In den Sieb­zi­gern über­nahmen neue Fans die Regie. Und wie die alle hießen: Taxi-Manni, Mücke und eben Lothar, der Schreck vom Nie­der­rhein. Dazu tau­sende junge Anhänger, die mit großen und kleinen Fahnen, Schals und Kutten ins Sta­dion kamen. Da konnte der Sta­di­on­spre­cher noch so häufig mahnen, das inak­zep­table Ver­halten“ ein­zu­stellen, da konnten sich die empörten Besu­cher auf der Haupt­tri­büne auch über die lang­haa­rigen Row­dies mokieren, die West­kurve gab alles, beju­belte jede Grät­sche und jeden gewon­nenen Zwei­kampf, lachte sich aber auch sche­ckig, wenn Lip­pens mal wieder mit wackelndem Hin­tern zwei Gegen­spieler aufs Kreuz gelegt hatte.

Denn die Sprech­chöre und die Anfein­dungen waren stets nur die Kehr­seite des Enthu­si­asmus, mit der die Essener ins Sta­dion gingen. Wäh­rend sich beim Nach­barn Schwarz-Weiß auch der eine oder andere Klein­bürger auf die Tri­büne ver­irrte, drän­gelten sich beim RWE die Arbeiter aus den Stahl­werken und Koh­le­gruben. Am Wochen­ende an die Hafen­straße in die Kurve, das war für all die jungen Lehr­linge und Arbeiter die große Frei­heit. Und die Jungs hatten nichts gegen schönen Fuß­ball, kamen aber auch, wenn es sport­lich nicht mehr lief. Das ret­tete den Klub oft, denn in den Sieb­zi­gern war Essen längst ein Fahr­stuhl­verein mit ständig leeren Kassen, der zwi­schen den Ligen pen­delte. Vor Grün­dung der Bun­des­liga hin­gegen hatte der RWE noch zur natio­nalen Spitze gehört, Meister 1955 und zwei Jahre zuvor Pokal­sieger, in Essen kickten Boss Helmut Rahn und August Gott­schalk, Penny Isla­cker und Keeper Fritz Her­ken­rath. Doch dann war man irgend­wann für die Regio­nal­liga zu gut, aber für die Bun­des­liga etwas zu schwach“ und kehrte nach dem Abstieg 1977 nie wieder in die erste Liga zurück. Was die Anhänger nicht vom Sta­di­on­be­such abhielt.

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Die Essener Löwen“ ver­brei­teten Schre­cken an der Hafen­straße. Da rückte die Polizei besser schon mal hoch zu Ross an.

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Roland Sauskat etwa, heute Leiter des Essener Fan­pro­jekts. Sauskat wurde 1955 geboren („Eine Woche nach der Deut­schen Meis­ter­schaft!“), und in seiner Stimme klingt echtes Bedauern durch. Elf­jährig betrat er an der Hand seines Vaters zum ersten Mal das Sta­dion und war über­wäl­tigt vom rot-weißen Fah­nen­meer, das sich über die gesamte Kurve zog, und von den Cho­rälen, die durchs Sta­dion don­nerten. Da war es um den jungen Roland geschehen, fortan ging er regel­mäßig an die Hafen­straße, erst zu den Heim- und dann auch zu den Aus­wärts­spielen. Und als die Familie einen neuen Wagen kaufte, wurde ein Ford Taunus 17M ange­schafft, natür­lich in Ver­eins­farben, weiß mit rotem Dach. Als ich aber RWE-Auf­kleber aufs Heck geklebt habe, gab es richtig Ärger“, erin­nert er sich. Immerhin durfte Sauskat dann irgend­wann auch allein ins Sta­dion und in die Kurve, was in den Sieb­zi­gern kein unge­fähr­li­ches Ver­gnügen war. Vor allem, wenn es gegen Schalke ging, den Erz­ri­valen von nebenan, dessen Sta­dion nur zehn Kilo­meter Luft­linie ent­fernt lag.

Schlä­ge­reien waren schon zuvor an der Tages­ord­nung gewesen, nun aber machten die Essener den Nach­barn auch noch für den Abstieg aus der Bun­des­liga in der Saison 1970/71 ver­ant­wort­lich. Hatten die Schalker nicht aktiv im Bun­des­li­ga­skandal mit­ge­mischt und absicht­lich gegen Arminia Bie­le­feld ver­loren? Ange­sichts sol­chen Unrechts brannten manch einem Essener Anhänger schon vor dem Spiel die Siche­rungen durch. 1974 etwa, als Schalke-Prä­si­dent Günter Sie­bert beim Duell in Essen lei­chen­blass in Block E saß, umringt von streng bli­ckenden Kri­po­be­amten. Denn beim Land­ge­richt in Essen, wo die Schalker Mein­eide im Bun­des­li­ga­skandal ver­han­delt wurden, waren Mord­dro­hungen von Essener Anhän­gern ein­ge­gangen. Meiner Frau hab ich gar nichts von den Mord­dro­hungen erzählt, die hätte mich gar nicht gehen lassen!“

Che­vi­gnon­ja­cken und New-Balance-Schuhe

Befreundet waren die Essener hin­gegen tra­di­tio­nell mit den Anhän­gern aus Bremen und auch mit denen vom Nach­barn Borussia Dort­mund. Wobei die Freund­schaft zu den BVB-Fans Mitte der Sieb­ziger für kurze Zeit ruhte, weil sich ein paar Anhänger beider Klubs in der West­kurve in die Haare bekommen hatten. Eigent­lich eine Lap­palie“, sagt Lothar Dohr heute. Aber das braucht eben immer seine Zeit, bis sich das wieder ein­ge­renkt hat!“

Mitte der sieb­ziger Jahre hielt langsam die orga­ni­sierte Fan­kultur Einzug in der West­kurve. Auf einer Bus­fahrt grün­deten Lothar Dohr und ein paar Freunde den 1. Rot-Weiss Fan­club Essen“, noch heute zah­len­mäßig der größte im Sta­dion. Es folgten zahl­reiche andere Fan­klubs, die gemeinsam die stän­dige Berg- und Tal­fahrt durch­litten. Mitte der Acht­ziger orga­ni­sierten sich dann auch die Rauf­brüder und wurden Hoo­li­gans. Nun lau­erten die jungen Schläger der Essener Löwen“ in Che­vi­gnon­ja­cken und New-Balance-Schuhen den Geg­nern auf. Als deut­sche Hoo­li­gans wäh­rend der WM 1990 in der Mai­länder Innen­stadt ran­da­lierten, war es dann auch ein Essener, der in der Bild am Sonntag“ vom Kran­ken­haus­bett aus mit ein­ge­wor­fenen Schau­fens­ter­scheiben prahlte.