Seite 3: Die Hoffnung, dass alles besser wird

Viele der Löwen sieht man heute noch am Spieltag. Sie fla­nieren am großen Auto­floh­markt vorbei, an der Tank­stelle und am Hafen­stüb­chen, wo das Bier aus dem Fenster hin­aus­ge­reicht wird. Aktiv im rau­fenden Gewerbe sind nur noch die wenigsten, das erle­digen inzwi­schen andere, aber sie werden immer dann wieder fickrig und bekommen glän­zende Augen, wenn es rund um die Hafen­straße mal wieder ein biss­chen nach Erfolg riecht. Dafür reicht dann sogar ein Nie­der­rhein-Pokal­fi­nale gegen Duis­burg oder Ober­hausen, wenn end­lich mal wieder der Gäs­te­block richtig voll ist. Dann kommen die Erin­ne­rungen wieder hoch, an die glor­rei­chen Spiele von einst. An das dra­ma­ti­sche Auf­stiegs­spiel 1968/69 an der Bremer Brücke in Osna­brück. An den rausch­haften 6:3‑Sieg in der Saison 1973/74 gegen Frank­furt vor 20 000 Zuschauern im Georg-Mel­ches-Sta­dion, als die West­kurve gar nicht wusste, wohin mit der ganzen Begeis­te­rung.

Aber natür­lich gab es immer mal wieder große Pläne beim RWE, end­lich aus der ver­dammten vierten Liga raus­zu­kommen, in der man seit 2011 fest­steckt, und end­lich durch­zu­mar­schieren, zumin­dest in die zweite Bun­des­liga. Darauf, dass alles besser wird, hoffen wir seit vielen Jahren“, sagt Uwe Stroot­mann, Autor des RWE-Blogs Im Schatten der Tri­büne“. Er fährt zu jedem Heim­spiel 140 Kilo­meter aus Nord­horn nach Essen und wieder zurück, obwohl ihn schon auf der Hin­fahrt der trübe Gedanke plagt, dass wieder alles umsonst ist. Aber nicht hin­zu­fahren, ist auch keine Option. Und so klam­mern sich alle an die Hoff­nung, dass nächstes Jahr end­lich ein Coach ver­pflichtet wird, der der Truppe Beine macht. Der gegen­wär­tige Trainer, Argi­rios Gian­nikis, ver­ab­schiedet sich nach dieser Saison zum Dritt­li­gisten VfR Aalen. So weit ist es schon“, sagt Stroot­mann.

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In der Rele­ga­tion 1980 hocken die Fans auf den Wel­len­bre­chern. Essen schlägt den KSC mit 3:1, verlor das Hin­spiel aber 1:5.

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Immerhin ein neues Sta­dion gibt es inzwi­schen. War ja nicht aus­zu­halten gewesen, mit den drei Seiten. 1994 war näm­lich die alte West­kurve wegen Bau­fäl­lig­keit abge­rissen worden, im Ver­trauen darauf, dass schon bald ein neues Sta­dion gebaut werden würde. Doch die übli­chen Que­relen in der Lokal­po­litik, das oft halb­sei­dene Manage­ment und die ständig leeren Kassen ver­zö­gerten den Bau um lange acht­zehn Jahre. Zwi­schen­zeit­lich waren die Fans auf die Gegen­ge­rade umge­zogen, die immerhin über­dacht war und deren Dach die Gesänge lauter machte. 

Im neuen Sta­dion heißt die Fan­kurve wieder West­kurve, obwohl sie im Osten liegt. Und auch ansonsten ist wenig übrig­ge­blieben vom alten Charme. Die offenen Seiten machen das Sta­dion kalt und zugig, bei Regen sind die zehn Reihen links und rechts an den Rän­dern unbe­nutzbar, die vor­deren Reihen auch, im Gäs­te­block wurden die Behin­der­ten­plätze gleich ganz ver­gessen. Anfangs hat Lothar Dohr immer die Sta­di­on­füh­rungen gemacht und dann darum gebeten, abge­löst zu werden, weil er sich die ganze Zeit nur auf­ge­regt hat.

Der ganze Dreck wird ver­gessen, der Pott steht in Flammen, Rot-Weiss Essen, wir halten zusammen“

Aber bei allem Frust ist Lothar Dohr immer noch da. Und Roland Sauskat. Und Uwe Stroot­mann. Und all die anderen, die schon so lange aus­harren und auf bes­sere Zeiten hoffen. Sie alle erin­nern ein wenig an Lot­to­spieler, die seit Jahr­zehnten die glei­chen Zahlen spielen, und nicht auf­hören können, aus purer Angst, dann könnten sie gezogen werden.

Und so singen sie noch heute trotzig das Lied vom Opa Lusches­kowski, der dem RWE immer und bis in den Tod hinein treu blieb. Opa Lusches­kowski, wo bist du nur geblieben? Du kennst den Rot-Weiss Essen schon seit 1907“ heißt es in dem Lied, das sie so ähn­lich auch auf Schalke singen. Du warst bei jedem Spiel, nur einmal warst du krank, Opa Lusches­kowski, wir schulden dir noch Dank.“ So geht das über vier Stro­phen, und streng genommen erzählt das Lied von denen, die alles mit­ge­macht haben, den Absturz von der Bun­des­liga bis in die Nie­de­rungen der Regio­nal­liga, und trotzdem nicht anders können, als jedes Wochen­ende wieder zur Hafen­straße zu pil­gern, über den großen Park­platz, unter dem die eins­tige West­kurve begraben ist, hinein ins neue Sta­dion, in dem es zieht wie Hecht­suppe und das natür­lich aus­ge­baut werden könnte, wenn es mit dem Klub mal wieder auf­wärts geht. 

Bis dahin gilt das Prinzip Hoff­nung und jenes Motto, das in den Neun­zi­gern auf Hand­zet­teln ver­teilt wurde. Der ganze Dreck wird ver­gessen, der Pott steht in Flammen, Rot-Weiss Essen, wir halten zusammen.“ Darauf läuft es hinaus.