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West Ham Uniteds Abschied vom Upton Park

I'm Forever Blowing Bubbles

Mick Bowen hat den besten Job der Welt, findet er. Er pflegt die Tradition der Seifenblase bei West Ham United. Gestern tat er das zum letzten Mal im Upton Park.

Ed Thompson
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Spezial Nr. 9

Am Dienstagabend bestritt West Ham United sein letztes Spiel im Boleyn Ground, der vornehmlich als Upton Park bekannt ist (West Ham gewann 3:2 gegen Manchester United). Ab der kommenden Saison tragen die Hammers ihre Spiele im Olympiastadion aus. Für unser 11FREUNDE SPEZIAL »Calling London« reisten wir in den Upton Park und trafen Mick Bowen, den berühmten Seifenblasenmann.

»Welcome to Upton Park«, sagt Mick Bowen, als er den Innenraum durch den Spielertunnel betritt und sich in den Seifenblasenmann verwandelt. Auf dem Tartanboden vor ihm steht: Founded in 1895. Der Upton Park, das ist ein fossiles Stadion im Londoner East End. Einfache, flache Häuser mit Erker, ohne Vorgärten. Direkt vor dem Stadion: eine katholische Kirche, eine Grundschule, die Hauptstraße. Draußen fährt ein roter Bus vorbei, die Linie 104. Endhaltestelle: Stratford.

Mick Bowen, das wird gleich klar, ist ein zufriedener Mensch mit Glatze und Kinnbart. Die Fans im Upton Park rufen ihn Micky Bubbles. »Da ist man 44 Jahre alt und spielt immer noch mit Seifenblasen«, sagt er und lacht. Es ist ein verregneter Dienstagabend, zwei Stunden vor dem Anpfiff. West Ham, der Verein, zu dem Micky seit mehr als 35 Jahren pilgert, hat an diesem Tag ein Heimspiel gegen den FC Liverpool. Die Statistik sagt, dass es das größte Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte ist. Sie haben im FA Cup noch nie gegen den Giganten vom Mersey gewonnen, aber in dieser Saison die Reds schon zweimal in der Liga besiegt.

West Ham United ist für Premier-League-Verhältnisse immer noch ein kleiner Verein. Wenn er im Sommer in das Olympiastadion umzieht, könnte es so aussehen, als hätten sich ein paar unverbesserliche Nostalgiker in eine fremde Welt verirrt. Die Burgerwagen vor dem Upton Park verbreiten einen beißenden Fettgeruch, als hätte es Jamie Oliver nie gegeben. Trainer Slaven Bilic lebt jedes Spiel an der Seitenlinie mit, als würde er selbst auf dem Platz stehen – er verbiegt und windet sich wie eine Feder. Und das Stadion, schon dreimal nachgerüstet, bietet immer noch nur Platz für 35.000 Zuschauer.



Das ist den neuen Klubbesitzern, die die Entwicklung zum Big Player in der Premier League vorantreiben, zu wenig geworden. Sie wollen den Verein zurück nach Europa führen, wo er seit den siebziger Jahren nie wieder wirklich war. Im Moment stehen sie auf dem siebten Platz, und damit immerhin schon einmal vor Liverpool. Der Erfolg des Underdogs aus dem East End wäre normalerweise die wundersamste Geschichte dieser Saison – aber in einem Jahr, in dem eine Truppe wie Leicester am Titel schnuppert, sind sie in der Berichterstattung irgendwie hinten übergefallen. Und das ist ihnen auch ganz recht so.

Im Upton Park herrscht größtmögliche Demut

Großspurigkeit ist definitiv keiner der Charakterzüge der Hammers. Alles, was hier passiert, basiert auf dem, was in der Vergangenheit liegt. Andere Vereine ersticken an ihrer Tradition, im Upton Park sorgt sie für größtmögliche Demut.

Was man rund um das alte Stadion noch bis zum Sommer erleben kann, ist die reinste Form der englischen Fankultur. Die besondere Passion ist in jedem Lokal rund um das Stadion greifbar, überall findet sich ein Hinweis auf die Vereinsfarben – bordeauxrot und hellblau. Sie sind nicht die reichsten, aber vielleicht die freundlichsten Fans, und sie haben einen guten Humor. Das Wichtigste: Hier gibt niemand vor, irgendetwas zu sein, was er nicht ist. Das ist wohl auch ein Grund, warum so viele englische Fans West Ham als Zweitverein adoptiert haben.

Worum es geht? Um Loyalität, um das Familiäre und um Menschen wie Micky, der jetzt seinen Kindheitstraum lebt. Er ist eigentlich Pyrotechniker von Beruf, arbeitet sonst für Justin Bieber, Rihanna oder Coldplay. Vor etwas mehr als fünf Jahren bekam er einen Anruf, ob er auch Seifenblasen abfeuern könne. Mick machte keine halben Sachen, sondern kaufte zwanzig elektrische Seifenblasenmaschinen »auf eigenes Risiko«. Es war ein privates Investment von 2000 Euro, das sich ausgezahlt hat. Inzwischen lässt er seine Seifenblasen bei jedem Heimspiel steigen.

Was West Ham United einzigartig macht, ist dieses Lied: »I’m Forever Blowing Bubbles«, adaptiert aus einem amerikanischen Musical. Gesungen wird es im Upton Park seit den zwanziger Jahren. Es ist das »You’ll Never Walk Alone« der Ostlondoner. Und die inhaltliche Grundlage für den kunstvollen Seifenblaseneinsatz.

Früher haben die Fans kleine Plastikgefäße mitgebracht, die es im Spielzeugladen zu kaufen gab, und dann haben sie die Seifenblasen selbst in die Umlaufbahn gepustet. Hunderte junge Burschen mit Pustefix im Block – welch ein phantastisches Bild muss das gewesen sein. Jetzt produziert Micky die Blasen eher wie am Fließband. Heute, beim Spiel gegen Liverpool, stehen zwölf Maschinen gleichmäßig verteilt am Spielfeldrand. Als die Teams auf den Platz laufen, verschwindet Gästetrainer Jürgen Klopp in einer Wolke aus Seifenlauge.

Die Seifenblase: Destilliertes Wasser, Glyzerin und Spülmittel

Micky, ein Kerl wie ein Baum, lehnt während des Spiels entspannt an der Werbebande. Vor ihm: zwei seiner Maschinen. Das Modell, das er aktuell verwendet, ist der »Beamz B2500«. Die Geräte kommen aus China, und er muss sie häufig ersetzen. Sie werden halt nicht für regnerische Pokalnächte hergestellt. Der Plastiktrichter zum Nachfüllen steht jederzeit griffbereit auf einem Stromkasten. Ein Warnschild besagt: »Danger 400 Volt«. Das Seifenwasser lagert er direkt daneben in einem kleinen Kanister. 30 Liter, sagt er, braucht er pro Heimspiel.

Über die Flugeigenschaften einer Seifenblase könnte er inzwischen eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. »Destilliertes Wasser, Glyzerin und Spülmittel«, sagt er über die perfekte Mischung, »an einem heißen Tag muss ich mehr Glyzerin beimengen.« Er hat aber auch lernen dürfen, dass regnerisches Wetter die Performance nicht beeinflusst. Es war letztlich alles learning by doing, vor ihm gab es diesen Beruf ja nicht.


Bild: Ed Thompson

Einmal hat er versucht, die Seifenblasen in den Vereinsfarben einzufärben, vor anderthalb Jahren gegen Manchester City war das. Der Qualm sollte in die Blasen eindringen, aber am Ende qualmten die Maschinen, und die Fachpresse berichtete nachher von einem Drama neben dem Platz. Doch damit nicht genug: Vor ein paar Monaten schwebte eine einzelne Seifenblase von hinten auf Dimitri Payet zu. Der neue Superstar von West Ham zuckte eindrucksvoll zusammen, als er sie erblickte.