West Ham United trauert um seinen ältesten Fan

A very special young lady

85 Jahre lang besuchte Mabel Arnold ihre »Hammers« im Upton Park. Vor dem Abriss des legendären Stadions verneigten sich die Fans vor jener Frau, die einst Bobby Moore eine Abfuhr beim Tanzen erteilte. Nun ist sie im Alter von 102 Jahren gestorben.

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Als Mabel Arnold die Torte mit den drei brennenden Kerzen überreicht bekommt, wird minutenlang gescherzt. »Die habe ich selbst gebacken«, verspricht West Hams damaliger Trainer Slaven Bilić mit einem Augenzwinkern. Es ist Arnolds 101. Geburtstag, das gesamte Team von West Ham United steht zum Gratulieren in Reih und Glied an. Arnold bedankt sich brav bei jedem Einzelnen per Händedruck, ist sichtbar gerührt und geistig voll da. Alles, was in diesem Moment passiert, zeigt West Ham als das, was Arnold immer als besonders empfand: »Chelsea und Arsenal gehören zu den besser gestellten Teilen Londons und ich mag solche Clubs, aber im Upton Park gibt es diesen Sinn für Gemeinschaft.«

Post von der Queen

Dieses Gefühl tritt vor allem am 10. Mai 2016 hervor. Es ist das letzte Heimspiel der Hammers im Upton Park, bevor die Bagger zum Abriss anrollen werden. Nach dem 3:2-Sieg gegen Manchester United startete eine Verabschiedung des alten Grounds, die erst nach Mitternacht enden soll. Minutenlange Videos mit den größten Szenen von Spielerlegenden wie Sir Trevor David Brooking oder Billy Bonds, die danach im Scheinwerferlicht höchstpersönlich aus einfahrenden Londoner Taxis aussteigen. Inmitten der Zeremonie kündigt der Moderator indes eine »very special young lady« an, die »alles über Loyalität weiß«. Mable Arnold steht - stilecht im Jersey - von ihrem Dauerkartenplatz des East Stands auf und erntet überschwänglichen Beifall.

Nur wenige Wochen zuvor hatte sie einen »fantastischen (100.) Geburtstag« gefeiert, bei dem einfach alles passte: »Einige meiner Familie flogen von Belfast her und kamen im gleichen Moment bei mir an wie der Postbote, der mir einen Brief der Queen brachte.« Auch die zehn Jahre jüngere Königin Elisabeth II. ist Fan der Hammers. Sie hatte also sicher nachvollziehen können, dass sich Arnold trotzdem »lieber drei Punkte« wünschte, als »ein Telegramm der Queen«.

Abfuhr nach Pokalsieg

Arnolds persönliche Geschichte ist immer nah an die des Vereins geknüpft. Das liegt vor allem daran, dass ihr Ehemann Dick über zwanzig Jahre als Coach und Scout tätig war und die berühmten Trainer Ron Greenwood und John Lyall unterstützte. Als Greenwood die Hammers 1964 vor 98.000 Zuschauern zum ersten FA-Cup-Titel in Wembley führt, gehört beim anschließenden Bankett auch das Ehepaar Arnold zu den Feiernden. Plötzlich triit West Hams Kapitän und Frauenschwarm Bobby Moore hervor und fordert Mabel zum ersten Tanz des Abends auf. Mable aber winkt ab, zeigt stattdessen auf ihren Ehemann und sagt: »Nein, er kommt zuerst«. Nicht genug der Abfuhr unter allgemeiner Belustigung, fügt sie später hinzu: »Unser Bobby konnte nicht gut tanzen – er hatte Fußballer-Füße.«

Schicksalsschläge nach dem Krieg

Dass Englands späterer Weltmeister-Kapitän das Ehepaar Arnold nicht einmal für einen lockeren Tanz trennen konnte, erzählt auch etwas über die innige Beziehung der beiden. Mabel wird am 2. April 1916 im Londoner Osten als eines von zehn Kindern geboren. In Europa tobt der Erste Weltkrieg, ein paar Monate nach Mabels Geburt richtet der Bombenangriff eines deutschen Zeppelins im Osten der Hauptstadt schlimme Schäden an. In den Jahren nach dem Krieg wird ihre Familie von Schicksalsschlägen heimgesucht. Als sie 14 Jahre alt ist, so erzählt sie 2016 der lokalen Presse, stirbt ihr Vater. Nur zwei Jahre später verliert sie auch ihre Mutter. Als Waisenkind kommt Mabel bei »Young Women’s Christian Association« (Christlicher Verein Junger Frauen) unter. In dieser Zeit lernt sie einen jungen Mann kennen, der sie prompt ins Stadion mitnehmen möchte. Mabel heiratet mit 19 Jahren nicht bloß einen Mann, sondern dessen Club gleich mit.

Dick stirbt 1981, von jetzt an besucht Mabel die Heim- und Auswärtsspiele mit ihrem Sohn Graham, eines von vier Kindern. Auch privat ergeben sich in den Achtzigern neue Wege. In ihrem Heimatbezirk Barking and Daggenham wird sie Stadträtin und Bürgermeisterin. In fußballerischer Hinsicht ist der Bezirk einer der berühmtesten. Barking and Daggenham, das steht für Ikone Booby Moore, Weltmeister-Coach Alf Ramsey und Terry Venables, für John Terry oder West Hams ehemaligen Kultstürmer Bobby Zamora - und nun auch für Mabel Arnold.

Trauer und Anerkennung

Die Dauerkarte bei West Ham behielt sie trotz ihres fortschreitenden Alters. Das letzte Spiel, an dem Mabel teilnehmen konnte, war das Londoner Derby gegen Tottenham Hotspur. Nach circa 2000 Heimspielen ist Mable Arnolds nun friedlich eingeschlafen. Neben großer Traurigkeit macht sich unter den Fans noch größere Anerkennung breit, der auch West Ham beim Heimspiel gegen Fulham nachkommen wird. Und ein Fan ist sich ganz sicher: »Während wir trauern, wird sie vielleicht tanzen – mit ihren Ehemann Dick oder sogar mit Bobby Moore. Auf jeden Fall aber mit West Ham United.«