Dieser Text erschien erst­mals in Aus­gabe #221. Hier im Shop erhält­lich.

So fuck off, Gold and Sully! Where’s our fucking money? It’s all lies, lies, lies.“ An einem kalten Tag im Februar stehen Fans von West Ham United vor dem Pub Vic­toria Tavern“ im Osten von London. Zur Melodie des Slade-Hits Cum On Feel the Noize“ wün­schen sie die Besitzer ihres Klubs – David Gold und David Sul­livan – zum Teufel. Doch dabei bleibt es heute nicht. Heute halten sie einen Pro­test­marsch ab. Wie viele es sind, das ist schwer zu sagen. Die Ver­an­stalter hofften auf 2000 Fans, doch es sind mehr. Die Polizei spricht von 2500, die sich gleich auf den drei Kilo­meter langen Weg zum Olym­pia­sta­dion machen werden, in dem ihre Mann­schaft inzwi­schen spielt. Doch auch diese Schät­zung ist eher kon­ser­vativ.

Keiner will in die Schüssel

Der geht nicht in die Schüssel, der auch nicht, und der erst recht nicht!“ Paul Col­borne, einer der Orga­ni­sa­toren des Mar­sches, steht im Pub und zeigt auf die Fans, die her­ein­kommen, um sich mit einem Pint für den Fußweg zu stärken. Mit Schüssel“ meint er das neue Sta­dion, das alle hier für see­lenlos halten. Viele Fans boy­kot­tieren es. Auch Col­borne geht nicht mehr zu den Spielen, aller­dings aus anderen Gründen. Nachdem er vor zwei Jahren bei einer Partie aus Pro­test gegen die Klub­füh­rung mit einer Eck­fahne in der Hand auf den Platz rannte, ist er lebens­lang gesperrt. Was nicht heißt, dass er tatenlos ist. Er und die anderen ver­ges­senen Fans der Ham­mers glauben an eine Revo­lu­tion von unten. Sie wollen sich ihren Klub zurück­holen, der im Sommer 2016 nach 112 Jahren den berühmten Upton Park ver­ließ und in die Schüssel umzog, die für die Olym­pi­schen Spiele in London errichtet wurde. Ein Umzug, der für die Gegend dra­ma­ti­sche Folgen hatte. Jetzt, kurz vor dem Marsch, herrscht in der Vic­toria Tavern natür­lich Hoch­be­trieb, doch der Umsatz des Pubs ist um 80 Pro­zent gesunken, seit West Ham nicht mehr nebenan spielt.

Nun kommen nur noch die Ein­hei­mi­schen her, wie zum Bei­spiel Joe Eng­land und seine Kum­pels Andy und Danny. Ein paar Tage vor dem Pro­test treffen sie sich auf ein Bier in der Vic­toria Tavern, um über die alten Zeiten zu reden. Joe Eng­land – ein Mann mit einem typisch Ost-Lon­doner Namen – ist 55 Jahre alt und erheb­lich viel­schich­tiger als man das viel­leicht von West-Ham-Fans erwarten würde, die als harte, raue Kerle gelten. Wenn man sich mit ihm unter­hält, spürt man eine Fein­füh­lig­keit und Ver­letz­lich­keit, die sicher auch daher rührt, dass man seinen Verein ent­wur­zelt hat. Ich hatte erwartet, dass ich Zorn oder Schmerz fühlen würde“, sagt er, wenn ich hier her­um­laufe, wo mal der Upton Park stand. Aber ich fühle mich nur betäubt.“ Wie viele hier, so ist auch Joe betrübt, kann aber nicht wirk­lich trauern, denn schließ­lich exis­tiert sein Verein ja noch. Auch wenn es sich anders anfühlt.

Der Klub inter­es­siert sich nicht für die Treuen

Joe besuchte sein erstes Spiel 1973. Aber weil der Freund, der ihn mit­nahm, sich im Datum vertan hatte, sahen sie zusammen mit nur ein paar Hun­dert anderen Zuschauern ein Spiel der Reser­ver­unde. Doch gerade weil kaum Fans da waren, ver­liebte sich Joe in den Upton Park. Er malte sich aus, wie dieser Ort wohl aus­sehen würde, wenn die Ränge voll wären. Eine Woche später sah er die erste Elf vor aus­ver­kauftem Haus, und es war um ihn geschehen. Zur letzten Saison im Upton Park, 2015/16, brachte Joe das Fan­zine 5 Mana­gers“ heraus, dessen Name darauf anspielte, dass West Ham zwi­schen 1895 und 1989 tat­säch­lich nur fünf Trainer hatte.

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Der einst stolze Arbei­ter­klub wird geführt wie ein Zirkus: Es geht nur noch um Geld und Enter­tain­ment.

Harry Mit­chell

Doch das letzte Spiel im alten Sta­dion – am 10. Mai 2016 gegen Man­chester United – musste Joe sich am Fern­sehen ansehen. Für diese Partie wurden die Ein­tritts­karten ver­lost, und Joe hatte ein­fach kein Glück. Es war nur eine von vielen Maß­nahmen, die den Ein­druck erweckten, dass der Klub sich nicht wirk­lich für die Treu­esten seiner Treuen inter­es­siert. Joe ver­folgte das Spiel im East Ham Working Men’s Club“, einer Art Frei­zeit­zen­trum für Arbeiter. Als die Partie abge­pfiffen wurde, wusste er, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Sowohl der Working Men’s Club als auch das Sta­dion wurden bald abge­rissen, um Platz für teure Woh­nungen zu machen. Ein Apart­ment im Neu­bau­ge­biet Upton Gar­dens kostet 493 000 Pfund. Der Min­dest­lohn in dieser Gegend beträgt 9,30 Pfund pro Stunde.