Seite 2: Warum sich die West-Ham-Fans so verarscht fühlen

In den Jahren vor dem Umzug nannte man den Fans alle mög­li­chen Gründe dafür, warum der Upton Park nicht umge­baut oder erwei­tert werden könne. Wegen des nahen Bus­de­pots, hieß es, sei man sehr ein­ge­schränkt. Und eine Auf­sto­ckung der Ost­tri­büne, sagte man, hätte zur Folge, dass die umlie­genden Gebäude nicht mehr genug Licht bekämen. Inzwi­schen ist das Bus­depot nicht mehr da, und die neuen Apart­ment­häuser werden höher, als es die Ost­tri­büne je hätte sein können. Boleyn Phoenix, die Gesell­schaft, die gegründet wurde, um den Upton Park von West Ham zu erwerben, bezahlte 40 Mil­lionen Pfund für das Gelände, ver­kaufte es sogleich wieder für 60 Mil­lionen und zahlte seinen Direk­toren Prä­mien von 16 Mil­lionen aus. Schneller Profit durch eine Fuß­ball­in­sti­tu­tion, die mehr als ein Jahr­hun­dert lang von der Arbei­ter­klasse getragen worden war.

Dass man ein Sta­dion wie den Upton Park ohne Not dem Erd­boden gleich­machte, ist nur einer der Gründe für den Missmut der Fans. Auch die Miss­ach­tung von Tra­di­tionen spielt eine Rolle. Seit 2001 gab es eine Gedenk­stätte vor dem Upton Park, wo Fans die Asche von Ver­stor­benen ver­streuten. Sie wurde wäh­rend der Abriss­ar­beiten ein­ge­zäunt und ist nun vor­läufig geschlossen. Auch Nathan’s Pies and Eels“ ist dem Umzug zum Opfer gefallen. In dem berühmten Laden gab es das klas­si­sche Lon­doner Arbei­ter­ge­richt: Hack­fleisch mit Kar­tof­fel­püree in einer Peter­si­li­en­soße. (Und für die ganz Mutigen noch Aal in Aspik.) Beim letzten Spiel standen die Fans Schlange, um noch einmal diese East-End-Spe­zia­lität zu genießen. Denn im neuen Sta­dion war kein Platz für Nathan’s; nach 80 Jahren schloss der Laden. Richard Nathan, der Besitzer, sagte einer Zei­tung: Als ich ins neue Sta­dion ging, habe ich ein ame­ri­ka­ni­sches Kaf­fee­haus gesehen. Was zum Teufel ist da pas­siert? Ich weiß, dass man das Fort­schritt nennt, aber es scheint nur noch um Geld zu gehen.“

Wo bleibt das Welt­klas­se­team?

Was da pas­siert ist, das wissen die Fans: So fuck off, Gold and Sully!“ David Gold und David Sul­livan über­nahmen West Ham im Jahre 2010 und machten die Geschäfts­frau Karren Brady zur stell­ver­tre­tenden Vor­sit­zenden. Alle drei waren zuvor bei Bir­mingham City tätig gewesen, bis sie 2009 nicht zuletzt wegen Fan­pro­testen dort aus­stiegen. Sul­livan hat sein Geld in der Porno-Indus­trie ver­dient, wäh­rend Gold eine Kette von Sex­shops auf­baute, wes­halb manche Fans die beiden abfällig als Dildo Boys“ bezeichnen. Schon 2005 wollten Gold und Sul­livan in Bir­mingham ein Sta­dion bauen, mit Spiel­ca­sino und Leicht­ath­le­tik­an­lagen. Wäh­rend Bir­mingham City noch immer im tra­di­ti­ons­rei­chen St. Andrew’s Sta­dium spielt, ist es nun West Ham, das als Mieter eine solche Schüssel bezogen hat.

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Laut Angaben der Polizei nahmen rund 2500 West-Ham-Fans an dem Pro­test­marsch teil.

Harry Mit­chell

Auch Brady wird von den Fans kri­tisch gesehen – sie ist das B“ im Hashtag #GSBOUT, den die Pro­tes­tierer benutzen. Brady, die 1,13 Mil­lionen Pfund pro Jahr ver­dient, bekam einen Bonus von 238 000 Pfund, obwohl der Klub 28,2 Mil­lionen Pfund Schulden hat. (Gold und Sul­livan allein haben seit ihrer Über­nahme West Ham 18,6 Mil­lionen Pfund an Kre­dit­zinsen in Rech­nung gestellt.) Kurz vor dem Marsch machte ein Video die Runde, in dem Brady den Umzug einen unglaub­li­chen Erfolg“ nennt. In einem anderen Inter­view fand sie eine ein­fache Erklä­rung für den Ärger der Fans: Die meisten Leute mögen keine Ver­än­de­rung.“ Vor allem dann nicht, könnte man hin­zu­fügen, wenn es eine zum Schlech­teren ist. Vor sieben Jahren ver­sprach Brady ein Welt­klas­se­sta­dion mit einem Welt­klas­se­team“, doch nun kämpft West Ham an einem Ort gegen den Abstieg, an dem die Fans wegen der Lauf­bahn weit vom Geschehen ent­fernt sind und dabei im Unter­rang des Olym­pia­sta­dions auch noch oft im Regen sitzen. Ganz zu schweigen davon, dass anders als im engen Upton Park in der Schüssel ein­fach keine Stim­mung auf­kommen will.

Dildos raus“

Dorthin, zum unge­liebten Olym­pia­sta­dion, machen sich die Fans jetzt auf. Unter ihnen ist auch ein Anhänger aus Malta, der für jedes Spiel nach Eng­land fliegt und nun Soli­da­rität mit den Leuten demons­trieren möchte, die für ihn zu Freunden geworden sind. Am Stra­ßen­rand steht ein Mann und ver­kauft Dildos raus“-Schals. Der Weg führt die Fans den Greenway ent­lang, einen Fuß- und Fahr­radweg, der über dem Kanal­system ange­legt wurde, das Joseph Bazal­gette im 19. Jahr­hun­dert ent­warf, um die Cho­lera-Epi­de­mien ein­zu­dämmen. Als Mahatma Gandhi 1931 einige Monate im East End von London lebte, ging er oft hier ent­lang. Angeb­lich hat er damals auch viele Spiele des Ver­eins besucht, dessen Fans nun gewalt­freien Wider­stand üben. Wir sind West Ham, wir halten euch auf“, singen die Anhänger, als sie beim Über­queren einer Straße die Autos zum Stoppen zwingen.

Andy, der Freund von Joe Eng­land, bleibt stehen und zündet sich eine Ziga­rette an, wäh­rend Tau­sende von Fans eine Unter­füh­rung durch­queren, um zum Ver­samm­lungs­platz zu gelangen. Müde rückt er seine Schie­ber­mütze zurück, dann zeigt er auf seinem Handy Fotos. Von den Ver­eins­wappen aus Holz, die er daheim her­stellt. Und von Son­nen­un­ter­gängen über den Dock­lands. Einer sieht aus, als wäre er in der Karibik auf­ge­nommen. Das war da drüben, wo früher die Fleisch­fa­brik stand“, sagt Andy. Auf seinen Fin­gern hat er die Buch­staben WHU ein­tä­to­wiert, zusammen mit den gekreuzten Häm­mern des Klubs. In dieser Gegend ist der Oktober eine gute Zeit für Son­nen­un­ter­gänge.“

Der Marsch löst sich auf, als das Spiel beginnt. Einige der Pro­tes­tierer gehen zum Sta­dion, das sie nicht mögen, um ihre Mann­schaft im Abstiegs­duell gegen Sout­hampton zu unter­stützen. Die anderen – die Boy­kot­teure – machen sich auf den Weg zurück. Bis zum nächsten Pro­test dieser Art. Ein Fan mit einer GSB Out“-Fahne sagt: Es ist nicht Teil der West-Ham-DNA, dass wir uns von Leuten so lange ver­ar­schen lassen.“

Um 21 Uhr tritt West Ham United heute Abend gegen Rapid Wien in der Europa League an – nur live bei TVNow.