Lieber Ronald­inho,

wie hörte, bist Du jetzt ohne Verein. Das klingt für mich so, als wenn Mick Jagger keine Band mehr hätte. Obwohl: Mick Jagger hat noch nie so spek­ta­kulär per­formt wie Du.

Du bist jetzt 34 Jahre alt und angeb­lich nicht mehr gut genug für Atle­tico Mineiro. Wer so etwas sagt, gehört eigent­lich ver­prü­gelt. Ich würde auch das über­nehmen, wenn Du es von mir ver­langst.

Warum ich Dir schreibe: Du hast der­zeit keinen Verein. Ich hätte einen für Dich. Er heißt Werder Bremen. Bremen liegt im Norden Deutsch­lands. Es ist schön da. Viel Wasser, viel Strand, viele Bars, viel Musik, viel Fuß­ball. Klingt wie gemacht für Dich.

Du kennst Werder bestimmt noch. Als Du für Bar­ce­lona spiel­test, hast Du gleich viermal gegen Werder gespielt. Einmal hast Du dabei einen gewissen Frank Fah­ren­horst der­maßen ver­arscht, dass sich das ganze Camp Nou dabei kaputt­ge­lacht hat. Außerdem hast Du noch einen Frei­stoß direkt ver­wan­delt. Du hast damals ein­fach unter der Mauer durch­ge­schossen. Ich war live dabei und dachte mir, wenn ich Dich nach dem Spiel in die Finger kriege, dann beglück­wün­sche ich Dich erst für diesen Genie­streich – und erwürge Dich dann mit bloßen Händen. Statt­dessen traf ich später Carlos Puyol in den Kata­komben, eure Ordner hatten es damals nicht so mit der Sicher­heit. Ich wollte Dich über Puyol schön grüßen lassen, aber dann fiel mir ein, dass ich gar kein spa­nisch kann. Ich beließ es bei einem gemein­samen Foto. Puyol und ich sahen uns erschre­ckend ähn­lich. Ich hatte damals genauso eine bescheu­erte Frisur wie er. Aber ich schweife ab.

Herzog, Micoud, Diego, Özil – Ronald­inho?

Werder also. Ich will ehr­lich zu Dir sein. Der Klub hat sich ziem­lich ver­än­dert. Cham­pions League spielen wir schon lange nicht mehr, Thomas Schaaf ist auch weg (jaja, ich weiß, schlimm, nicht wahr?) und inzwi­schen würde man sich als Fan sogar wieder über einen Frank Fah­ren­horst freuen. Kurzum: Es gab schon mal bes­sere Zeiten.

Aber: Bes­sere Vorraus­set­zungen könnte es für Dich doch gar nicht geben! Den Inter­na­tio­naler-Fuß­ball-Stress könn­test Du Dir sparen und Dich ganz auf die Bun­des­liga und unseren knuf­figen DFB-Pokal kon­zen­trieren. Die Sta­dien sind meist rap­pel­voll, die Wege zwi­schen den Spiel­stätten kurz und wenn unsere Fans mal böse werden, dann schmeißen sie ein ben­ga­li­sches Feuer auf den Rasen, oder rüt­teln an einem Stahltor und schreien dabei Wir! Ham! Die! Schnauze! Voll!“. Im Ver­gleich zum bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball also fried­li­cher als jedes Live-Aid-Kon­zert.

Außerdem hatten wir hier in Bremen eine Tra­di­tion, die leider seit einigen Jahren man­gels ent­spre­chender Fuß­baller ein­ge­schlafen ist: Hoch­be­gabte Spiel­ma­cher mit der stets unschlag­baren Mischung aus Genie und Wahn­sinn. Andy Herzog, Johan Micoud, Diego, Mesut Özil – die Namen sagen Dir was, gell? Und Du, lieber Ronald­inho, wür­dest dem ganzen natür­lich die Krone auf­setzen. Manche sagen viel­leicht, dass Du zu alt, zu langsam, zu satt wärest. Ich sage: Der hat selbst mit 60 Kilo Über­ge­wicht, schwerer Dia­betes und Arthrose in sämt­li­chen Gelenken mehr Ball­ge­fühl als der aktu­elle Werder-Kader zusammen. Außerdem hatten wir noch nie einen ehe­ma­ligen Welt­fuß­baller in der Mann­schaft. Gut, Dieter Eilts hätte es 1996 werden MÜSSEN, aber die Fuß­ball­welt ist eben nicht gerecht.

Van Nistel­rooy kam doch auch!

Ich gebe es ja zu: Dieses Emp­feh­lungs­schreiben folgt rein ego­is­ti­schen Gründen. Meine Sehn­sucht nach einer echten Gra­nate bei meinem ange­schla­genen Verein ist groß. Ich habe mal gelesen, dass es Werder doch tat­säch­lich geschafft hat, in all den Jahren die quasi schon fixen Trans­fers von Uli Hoeneß, Paul Breitner, Rivaldo, Andrij Schwet­schenko und Michael Bal­lack noch in letzter Sekunde zu ver­mas­seln. Es wäre bloß his­to­ri­sche Gerech­tig­keit, wenn Du jetzt bald die Raute auf der Brust tragen wür­dest.

Viele Men­schen werden mich jetzt aus­la­chen und meine Idee für geis­tigen Dünn­schiss halten. Diese Men­schen möchte ich an den spek­ta­ku­lären Transfer von Ruud van Nistel­rooy zum Ham­burger SV erin­nern. Der war auch mal Welt­klasse, wurde dann angeb­lich zu alt und zu langsam und spielte plötz­lich in der Bun­des­liga.

Lieber Ronald­inho, überleg es Dir. Ich hol Dich auch vom Flug­hafen ab. Mit Dieter Eilts. Ver­spro­chen.

Ganz dicken Sur­fer­gruß,

Dein Alex