Ailton, Sie stürmen seit Sommer 2012 für den rhein­hes­si­schen Ver­bands­li­gisten Hassia Bingen. Nach einem Traum­start zu Beginn, als Sie am ersten Spieltag auf Anhieb zwei Treffer erzielten, standen Sie in den ver­gan­genen Par­tien nicht mehr in der Startelf? Woran liegt’s?
Leider plagen mich seit ein paar Wochen Ver­let­zungs­sorgen. Ailton wird im Sommer 40 Jahre alt, ich bin ein alter Mann (lacht). Mein Körper benö­tigt immer län­gere Rege­ne­ra­ti­ons­phasen. Außerdem war und bin ich ein fauler Kerl: Das Spiel der Mann­schaft muss auf mich zuge­schnitten sein, das Team muss für mich mit­laufen, damit ich vorne meine Tore schießen kann. Das ist aktuell in Bingen nicht der Fall.
 
Momentan ist Hassia Bingen Tabel­len­letzter. Halten Sie dem Verein auch im Falle eines Abstiegs die Treue?
Das kann ich im Augen­blick nicht beant­worten. Der Verein und sein Manager suchen zur­zeit einen wei­teren Sponsor, sollten sie diesen finden, ist ein Ver­bleib bei Hassia Bingen mög­lich. Meine Frau und meine Kinder fühlen sich zudem in der Region sehr wohl und als Fami­li­en­vater muss ich bei der Ent­schei­dung natür­lich auf sie Rück­sicht nehmen. Ich würde mich freuen, im Klub zukünftig auch andere Funk­tionen zu über­nehmen, bei­spiels­weise als Jugend­trainer, aber wie gesagt, das steht momentan noch in den Sternen…
 
Ver­let­zungs­sorgen, 6. Liga, Abstiegs­kampf. Viele Ihrer Fans und Bewun­derer ver­gan­gener Tage fragen sich heute: Warum tut sich Ailton auf die alten Tage noch Ama­teur­fuß­ball an?
Ganz ein­fach: Mein Manager wollte, dass ich aus­schließ­lich geschäft­liche Ter­mine wie Wer­be­spots und andere TV-Auf­tritte wahr­nehme und so den Namen und die Marke Ailton besser ver­markte. Aber das ent­sprach nicht meinen Vor­stel­lungen: Ailton kann nicht zu Hause auf der Couch sitzen, Kaffee trinken und auf ein Tele­fon­ge­spräch warten. Und bei Hassia Bingen stimmte das Gesamt­paket: Hier kann ich Fuß­ball spielen, mich fit halten und nebenbei meinen geschäft­li­chen Ver­pflich­tungen nach­gehen.
 
Apropos Geschäfte: Sie haben einen Energy-Drink namens Kugel­blitz“ auf den Markt gebracht, die CD Ailton Sen­sa­tion“ auf­ge­nommen, hielten die Zuschauer des Dschun­gel­camps bei Laune und sind als Fein­schme­cker in einem Kaffee-Wer­be­spot zu sehen. Genießen Sie es, dass der Name Ailton noch immer im Medi­en­zirkus prä­sent ist?
Darum geht es mir nicht, ich kann viel­leicht noch ein oder zwei Jahre Fuß­ball spielen und danach muss ich schauen, dass ich wei­terhin die Rech­nungen bezahle, lau­fende Kosten abdecke und für meine Familie in Deutsch­land und Bra­si­lien sorge. Klar, das Leben eines Profi-Fuß­bal­lers ist sehr teuer, aber ich rede hier nicht von Klei­dern und Autos, das war ges­tern, jetzt muss ich an meine Zukunft denken.
 
Lassen Sie uns trotzdem über Ihre Ver­gan­gen­heit reden: Sie sollen erst im Alter von 16 das erste Mal für einen Fuß­ball-Klub auf­ge­laufen sein.
Noch später, erst mit 18 Jahren…
 
So spät? Junge Spieler wie Mario Götze wech­seln heut­zu­tage bereits als Jugend­liche zu großen Klubs und erlernen in den Ver­eins­in­ter­naten das Fuß­ball-ABC von klein auf. Wo haben Sie das Fuß­ball­spielen gelernt oder hat es Ihnen der Vater in die Wiege gelegt?
Mein Vater? Nie­mals! Ich glaube, der hat zu Leb­zeiten noch nie gegen einen Ball getreten. Ich glaube auch nicht, dass man Fuß­ball­spielen erlernen kann. Einige Spieler haben Talent, andere nicht. Ein guter Spieler wird als guter Spieler geboren…
 
Aber auch der kleine Ailton“ wird mit seinen Kum­pels gekickt haben, oder?
Klar, wir haben auf der Straße und auf unebenen Fel­dern barfuß gespielt, dieser Tat­sache ver­danke ich meine gute Technik und kann auch auf einem schlechten Rasen spielen. Das ist heute anders: Die jün­gere Genera­tion ist in dieser Hin­sicht sicher­lich etwas ver­wöhnter, die meckern ja schon, wenn ihnen die Eltern die fal­schen Fuß­ball­schuhe kaufen.
 
1998 wech­selten Sie aus der mexi­ka­ni­schen Liga zu Werder Bremen. Wie kam der Deal sei­ner­zeit zustande?
Werder und der dama­lige Trainer Wolf­gang Sidka hatten sich bereits ein Jahr zuvor um mich bemüht, hielten aber die Ablö­se­för­de­rungen meines Klub FC Gua­rani für zu hoch. Also wech­selte ich zunächst zu Tigres nach Mexiko, um dann schließ­lich doch bei Werder zu landen.
 
In der ersten Spiel­zeit bei Werder ver­lief nicht alles nach Plan: Ihr För­derer Wolf­gang Sidka wurde bereits nach dem 8. Spieltag ent­lassen und unter seinem Nach­folger Felix Magath fanden Sie sich vor­wie­gend auf der Bank wieder. Diese Situa­tion änderte sich erst, als Thomas Schaaf im Mai 1999 das Ruder an der Weser über­nahm. Was machte er im Ver­gleich zu seinem Vor­gänger anders?
Zunächst einmal nichts, denn auch unter ihm war ich in den letzten Spielen der Saison nicht gesetzt. Ich sei nicht gut inte­griert, wäre unmo­ti­viert und zeige keine Leis­tung im Trai­ning, hieß es. Aber in der Saison 1999/2000 schenkte er mir schließ­lich das Ver­trauen und ließ mich spielen, was das wich­tigste war – Thomas Schaaf habe ich viel zu ver­danken. Außerdem wech­selten Claudio Pizarro und Julio Cesar zu uns, mit denen ich mich auf Anhieb gut ver­stand, so dass ich mich in Bremen immer wohler fühlte.

Der Durch­bruch gelang Ihnen am fünften Spieltag in Wolfs­burg…
Als Ersatz für den ver­letzten Rade Bogd­a­novic bekam ich meine Chance und wir gewannen mit 7:2, Claudio Pizarro schoss drei Tore und ich eins: Das kon­ge­niale Duo Pizza-Toni“ war geboren.
 
Momentan durch­lebt Thomas Schaaf die schwie­rigste Phase seiner 14-jäh­rigen Lauf­bahn in Bremen. Kriegt er noch die Kurve?
Thomas Schaaf lebt Werder Bremen. Es gibt nur wenige Trainer, die so lange bei einem Verein arbeiten: Alex Fer­guson, Arsene Wenger und eben Thomas Schaaf, oder? Viel­leicht tritt er eines Tages zurück, aber Werder ohne Thomas Schaaf, das kann ich mir nicht vor­stellen…
 
Wo sehen Sie die Gründe der aktu­ellen Krise?
Die Fehler wurden in der Ver­gan­gen­heit begangen: Momentan fehlt es an Spie­lern mit Erfah­rung. Man hätte ver­su­chen müssen, Typen wie Torsten Frings, Hugo Almeida oder Claudio Pizarro zu halten, um gemeinsam mit ihnen eine neue Mann­schaft auf­zu­bauen. Außerdem schlugen viele Neu­ein­käufe nicht ein.
 
Welche Spieler meinen Sie?
Klaus Allofs hatte sich bei mir nach Carlos Alberto erkun­digt. Ich riet ihm ab, aber der Wechsel kam zustande. Das Resultat kennen wir ja…
 
Sie wurden 2004 Tor­schüt­zen­könig, Deut­scher Meister, Pokal­sieger und als erster Aus­länder Fuß­baller des Jahres“. Eine Nomi­nie­rung für die Seleção blieb aller­dings aus.
Leider traf der dama­lige Trainer Alberto Par­reira Ent­schei­dungen, die ich bis heute nicht nach­voll­ziehen kann. Ich schoss ein Tor nach dem anderen und Ewerthon von Dort­mund wurde berufen. (lacht) Aber gut, im Fuß­ball kann man eben nicht alles ver­stehen.
 
2014 findet die WM in Ihrer Heimat statt. Trotz eines Trai­ner­wech­sels erfüllt die Seleção noch nicht die hohen Erwar­tungen. Wird es nach der kata­stro­phalen Heim-WM 1950 nächstes Jahr eine wei­tere Tra­gödie für Bra­si­lien geben?
Felipe Sco­lari ist nicht mehr der Trainer, der er noch bei WM 2002 war, als Bra­si­lien den Titel gegen Deutsch­land holte. Ich weiß nicht, ob er der Mann­schaft noch ein Kämp­fer­herz ein­hau­chen kann. Ein wich­tiger Prüf­stand wird der Con­fe­de­ra­tions-Cup sein, da sehen wir, was mög­lich ist. Aber ich drücke sowieso den Deut­schen die Daumen.
 
Wie bitte? Als Bra­si­lianer unter­stützen Sie Deutsch­land?
Warum nicht? Ailton ist Ästhet und Deutsch­land spielt ein­fach den schö­neren Fuß­ball.
 
Ailton, Sie tragen schon immer die Rücken­nummer 32. Ist das eigent­lich Ihre Glücks­zahl?
Nein, als ich nach Bremen kam, wollte ich die 11, die war aber schon ver­geben. Also habe ich nach der 9 gefragt: ver­geben. Die 10? Ver­geben. Da wurde ich sauer und hab‚ gesagt: Dann gib mir halt die 32.