Marcel Schäfer, Sie sind seit sechs Jahren beim VfL Wolfs­burg, Sie haben viele Spieler kommen und gehen sehen – wel­cher Ihrer Kol­legen hat sich am stärksten mit dem Klub iden­ti­fi­ziert?
Da fällt mir spontan Ashkan Dejagah ein (seit 2012 beim FC Fulham, d. Red.). Nicht umsonst war er derart beliebt bei den Fans. Die spüren so etwas. Ich könnte Ihnen jetzt viele wei­tere Spieler nennen, zum Bei­spiel Diego Benaglio, Chris­tian Gentner oder Sascha Rie­ther, die beim VfL den Durch­bruch geschafft haben.

Woran erkennen Sie, ob ein Mit­spieler sich mit dem Klub iden­ti­fi­ziert?
Das zeigt sich meist in schlechten Zeiten. Man merkt es zum Bei­spiel daran, ob der­je­nige mit dem Verein leidet oder ob er nur sein Pro­gramm abspult. Die Spieler, die ich eben genannt habe, haben sich nie weg­ge­duckt, sie waren auch dann Anführer, wenn es hef­tigen Gegen­wind gab. Profis, die Iden­ti­fi­ka­tion pur ver­kör­pern, sind meist auch die­je­nigen, die sich abseits des Platzes für den Klub enga­gieren. So etwas erwarte ich übri­gens von einem Profi, er sollte sich sowohl mit seinem Verein als auch mit der Stadt iden­ti­fi­zieren.

Wir halten fest: Marcel Schäfer iden­ti­fi­ziert sich mit der Stadt Wolfs­burg.
Selbst­ver­ständ­lich!

Nach der Meis­ter­schaft 2009 hat der VfL seine Ziele immer wieder ver­fehlt. Leis­tungs­träger ver­ließen den Klub und eine Menge Spieler wurden ver­pflichtet, doch: die Negativ-Schlag­zeilen rissen nicht ab. Welche Rolle hat dabei feh­lende Iden­ti­fi­ka­tion gespielt?
Die Fluk­tua­tion war in der Tat hoch. Dass so was nicht die Iden­ti­fi­ka­tion för­dert, ist klar. Ich würde das aller­dings nicht als Grund für die Rück­schläge anführen. Wir haben hier immer Füh­rungs­spieler gehabt, die sich über­durch­schnitt­lich stark mit dem Verein iden­ti­fi­ziert haben.

Woran lag es dann?
Wir hatten nach dem Titel­ge­winn einen enorm hohen Anspruch an uns selbst. Einige dachten viel­leicht, es würde auto­ma­tisch so wei­ter­gehen. Hinzu kam die gestie­gene Erwar­tungs­hal­tung im Umfeld. Damit konnten wir damals offen­sicht­lich nicht umgehen. Zudem müssen wir zugeben, dass damals jeder Spieler am Limit gespielt hat, einige sind sogar dar­über hinaus gegangen. Kurzum: 2009 passte ein­fach alles.

Sie spre­chen nicht gern über das Meis­ter­jahr, richtig?
Zumin­dest bin ich es leid, dass wir ständig damit kon­fron­tiert und daran gemessen werden. Wenn man so an die Sache her­an­geht, findet man doch immer etwas Nega­tives – egal wie wir spielen, egal was wir tun. Wir können zwar stolz sein auf diese Meis­ter­schaft, sollten es aber dabei belassen. Es gilt, nach vorne zu schauen. Wenn wir immer wieder über die alten Zeiten spre­chen, machen wir uns das Leben selbst schwer.

Sie haben vor kurzem gesagt, es sei toll, bei einem Werks­klub zu spielen – wie haben Sie das gemeint?
Wir sollten uns nicht für etwas schämen, um das uns andere beneiden. Wir können stolz sein, mit Volks­wagen einen starken Partner zu haben, der welt­weit geschätzt wird. Dass uns dieser Partner auch finan­ziell unter­stützt, ist keine Schande, son­dern eine Ehre. Wir reden hier schließ­lich über einen abso­luten Erfolgs­kon­zern, der Tau­senden Men­schen einen Arbeits­platz bietet. Es ist doch sehr positiv, dass der eine oder andere Welt­kon­zern den Sport unter­stützt.

Sind Sie der Mei­nung, viele Tra­di­ti­ons­klubs bil­deten sich zu viel auf ihre Ver­gan­gen­heit ein?
Ach, das Thema kocht ja immer wieder hoch, wenn sich irgend­je­mand über Werks­klubs äußerst. Wir werden regel­mäßig in ein schlechtes Licht gerückt. Damit kann ich mich absolut nicht anfreunden. Hier arbeiten viele Leute extrem hart, es ist daher unfair, wenn man ihnen immer wieder diese feh­lende Tra­di­tion um die Ohren haut. Abge­sehen davon gibt es den VfL auch schon seit fast 70 Jahren.

Was ant­worten Sie jenen Leuten, die behaupten, Werks­klubs seien eine Gefahr für die Bun­des­liga?
Das ist doch totaler Quatsch. Diese Leute argu­men­tieren auf Ihre Art und Weise. Wir müssen uns nicht dafür ent­schul­digen, dass wir sport­lich für die Bun­des­liga qua­li­fi­ziert sind.

Marcel Schäfer, Sie haben par­allel zum Pro­fi­fuß­ball zwei Lehr­gänge im Sport­ma­nage­ment und Sport­mar­ke­ting abge­schlossen – sind Sie mit dem Mar­ken­image des VfL Wolfs­burg zufrieden?
Leider ist es uns in den ver­gan­genen zwei, drei Jahren nicht gelungen, das Image des Klubs noch weiter zu ver­bes­sern. Das Ent­schei­dende ist die Leis­tung auf dem Fuß­ball­platz. Hier haben wir in den ver­gan­genen Jahren ent­täuscht. So selbst­kri­tisch müssen wir schon sein. Wie man eine Stim­mung in relativ kurzer Zeit ins Posi­tive ver­än­dern kann, haben wir 2009 erlebt. Diese attrak­tive und erfolg­reiche Spiel­weise hat dem Klub damals einen Rie­sen­schub gegeben – wir wurden plötz­lich bun­des­weit anders wahr­ge­nommen. Auch hier können wir übri­gens von unserem Arbeit­geber lernen.

Wie meinen Sie das?
Es geht um Kon­stanz und Glaub­wür­dig­keit. Gewisse Tugenden wie zum Bei­spiel Team­work, Akribie und Selbst­be­wusst­sein, sind auch für den VfL ent­schei­dend. Der Klub hat her­vor­ra­gende Mög­lich­keiten. Wir müssen sie ein­fach noch besser aus­schöpfen.

Man hört in dieser Saison häufig den Satz, die Stim­mung in Ihrer Arena habe sich deut­lich ver­bes­sert…
Das kann ich nur bestä­tigen.

Woran liegt das?
Die Fans sehen, dass sich etwas tut im Verein, dass ein anderer Weg ein­ge­schlagen wurde. Auch wenn die Nie­der­lage gegen Braun­schweig ein ganz herber Rück­schlag gewesen ist, ein Rück­schlag, der uns und unseren Fans unheim­lich weh getan hat: Sie spüren, dass hier etwas ent­steht, dass ver­mehrt auf junge Talente gesetzt wird. Wir sind auf einem guten Weg. Trotzdem müssen wir unbe­dingt eine Schippe drauf­legen.

Apropos Braun­schweig: Würden Sie das Rück­spiel schon jetzt als Wolfs­burgs Spiel des Jahres bezeichnen?
Bis dahin ver­geht noch viel Zeit. Jeder Spieler weiß, dass wir etwas gut zu machen haben. Gegen die Ein­tracht standen mehr als nur drei Punkte auf dem Spiel. Wir haben das ver­geigt. Da gibt es keine Aus­reden. Diese Nie­der­lage liegt unseren Fans, dem Verein und uns als Spie­lern immer noch schwer im Magen. Nur durch Erfolge in den kom­menden Wochen können wir das wieder etwas kor­ri­gieren. Natür­lich spielt dabei auch das Rück­spiel eine ent­schei­dende Rolle.

Gegen den FC Augs­burg hat der VfL die Anfangs­phase ver­schlafen, sich später ins Spiel hin­ein­ge­kämpft – und am Ende glück­lich den ersten Aus­wärts­sieg ein­ge­fahren. Wie erklären Sie sich diese Leis­tungs­schwan­kungen?
Es war klar zu erkennen, dass wir nach der Partie gegen Braun­schweig ver­un­si­chert waren und nur schwer ins Spiel gefunden haben. Wir haben nach dem Rück­stand Moral bewiesen und so die ersten Punkte aus­wärts geholt. Das war enorm wichtig.

Marcel Schäfer, stimmt eigent­lich die Geschichte, dass Sie ver­sucht haben, Ihren Ex-Kol­legen Edin Dzeko zu einer Rück­kehr zu über­reden?
(Pause) Das höre ich zum ersten Mal und kann dies so nicht bestä­tigen. Ich kann aber sagen, dass ich ihn sehr gerne wieder hier begrüßen würde. Doch derlei ist, wie wir alle wissen, eher unwahr­schein­lich.

Ist Edin Dzeko der beste Stürmer, mit dem Sie jemals zusam­men­ge­spielt haben?
Das wäre Gra­fite gegen­über unfair (lacht) – sie sind schließ­lich unser Traum-Duo gewesen! Fest steht: Edin ist nicht nur ein groß­ar­tiger Fuß­baller, son­dern auch ein toller Mensch. Wenn ich noch­mals über seine Qua­li­täten und sein Poten­zial nach­denke, ja, dann muss ich wohl doch bestä­tigen: Dzeko ist der beste Stürmer, mit dem ich je gekickt habe.