Das Inter­view erschien erst­mals im Mai 2016 in 11FREUNDE #174.

Tim Wiese, wel­cher war der dun­kelste Moment Ihrer sport­li­chen Kar­riere?
Das Ach­tel­final-Rück­spiel in der Cham­pions League 2006 gegen Juventus Turin. 

In der 87. Minute fingen Sie eine harm­lose Flanke, rollten sich danach ab, ver­loren den Ball und Turins Emerson schoss das 2:1. Werder schied aus. Wie erin­nern Sie sich an die Szene?
Ich wollte Zeit schinden, warf mich auf den Boden, der Ball rutschte mir irgendwie aus den Händen und Emerson schob ein. Ein ganz bit­teres Ding.

Sie hatten zuvor ein groß­ar­tiges Spiel abge­lie­fert, waren erst 24 Jahre alt und trugen ein haut­enges, rosa­far­benes Trikot. Hand aufs Herz, mit dieser Rolle wollten Sie Ihren Auf­tritt an diesem Abend end­gültig zur großen Show werden lassen.
Ich bin ein Show­mann, ein Enter­tainer, das war ich schon immer. Aber in dieser Szene war ich ein­fach ein Tor­wart, der einen Fehler machte. Mehr nicht. 

Mehr nicht? Sie sagten vor der Partie, dass dies das wich­tigste Spiel Ihrer Kar­riere sei, und wollten anschlie­ßend nach eigener Aus­sage im Boden ver­sinken“. Wie lange saßen Sie nach dem Schluss­pfiff in der Kabine?
Nicht so lange. Ich habe geduscht und bin nach Hause gefahren. Okay, zwei Tage lang ging es mir beschissen. Andere Tor­hüter zer­bre­chen viel­leicht sogar an so einer Szene. Aber ich nicht. 

Ihr Tor­wart­spiel war immer sehr spek­ta­kulär. Gehörte das auch zur Show?
Klar. Ich war als Kind schon so: große Klappe, immer sehr selbst­be­wusst und manchmal halt eine Spur zu viel von allem. Aber ich konnte mir das ja auch erlauben.

Warum?
Weil ich es drauf hatte. Bis ich neun war, spielte ich als Stürmer. Dann ver­letzte ich mich, mein Trainer stellte mich ins Tor – und da war ich sogar noch besser. Ich wusste schon mit zehn Jahren, dass ich mal mein Geld mit Fuß­ball ver­dienen würde. Ich hatte mehr Talent – und einen eisernen Willen. Als Kind trai­nierte ich nach den nor­malen Ein­heiten noch mit meinem Vater auf einer Wiese in der Nähe unserer Woh­nung in Ber­gisch Glad­bach. Wir stellten zwei Taschen als Pfosten auf und er zim­merte mir die Bälle um die Ohren. 

Sind Sie ein Extre­mist?
Was die Arbeit an meinem Körper und das Errei­chen sport­li­cher Ziele angeht, ja.

Woher kommt diese Ein­stel­lung?
Das weiß ich nicht. Meine Eltern waren ganz nor­male Leute. Ich hatte zu beiden ein enges Ver­hältnis, und doch bin ich in vielen Dingen sehr anders drauf.

Wel­ches Ver­hältnis haben Sie zu Ihrem inneren Schwei­ne­hund?
Ich liebe es, den zu über­winden. Als Tor­wart wurde ich immer schneller, ath­le­ti­scher, stärker. Heute bin ich stolz darauf, dass ich in zwei Jahren 40 Kilo Mus­kel­masse zuge­legt habe und jetzt wieder abnehme, um meinen Körper zu defi­nieren.