Wer ist Werders Top-Talent Josh Sargent

Über dem Radar

Nach dem ersten Bundesligator im ersten Einsatz ist der Hype um Josh Sargent noch größer geworden. Florian Kohfeldt gefällt das gar nicht. Doch er wird nicht verhindern können, dass der junge US-Amerikaner bei Werder zum Mann der Zukunft hochgejazzt wird.

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Höchstwahrscheinlich wäre er sowieso reingegangen. Michael Rensing hatte in der 78. Minute bei Werder gegen Düsseldorf den Schuss von Martin Harnik zwar abgewehrt, doch der Ball war trotzdem auf dem Weg ins Netz. Joshua Sargent hielt aus zwei Metern trotzdem noch seinen Kopf rein. 15 Bundesligaminuten, ein Schuss, ein Tor – mit dem ersten Ballkontakt. Mit so einer Statistik kann man schon mal eine Karriere starten.

Dabei sollte es am 15. Spieltag noch gar nicht so weit sein. Der eigentlich Plan lautete Florian Kohfeldt zufolge: »Januar, Südafrika, Wintertrainingslager« und den 18-jährigen US-Amerikaner dann langsam an die erste Mannschaft heranzuführen. Unerwartet stand er am vergangenen Wochenende dann doch zum ersten Mal im Kader. Kohfeldt: »Das hat er sich durch seine Trainingsleistungen verdient.« Auch bei der U23 sorgte er mit sieben Toren in zwölf Spielen für Aufsehen.

»Wir wissen, dass er da ist«

Der Sargent-Hype gefällt Kohfeldt überhaupt nicht. Auch wenn er sagt: »Der dreht nicht durch«, versucht er die Aufregung um den Stürmer möglichst gering zu halten. In der Vergangenheit wollte er Sargents Fortschritt auf Pressekonferenzen häufig gar nicht bewerten. »Wir wissen, dass er da ist. Wir wissen auch, dass er gut ist und werden ihn ganz behutsam heranführen«, sagte er dann zum Beispiel.

Jedoch ist er auch zum Teil hausgemacht, der Hype. Als Werder im vergangenen Winter Sargents Verpflichtung bekannt gab, wurde sie wie ein absoluter Transfercoup gefeiert. Europäische Topvereine habe man ausgestochen, Sargent zähle zu den vielversprechendsten Talenten weltweit. Obwohl der damals 17-jährige noch nicht einmal eine Spielerlaubnis hatte. Das spielte bei dem raketenhaften Aufstieg aber eine untergeordnete Rolle.

Einer wie Freddy Adu

In einer fußballbegeisterten Familie aufgewachsen, begann Sargent mit acht Jahren bei St. Louis Scott Gallagher in Missouri mit dem Fußballspielen. 2013 war er zum ersten Mal bei einem Auswahlcamp der U14-Nationalmannschaft der USA dabei, mit 15 zog er ins Internat der U17. Mit fünf Toren führte er sie bei den Nord- und Mittelamerika-Meisterschaften im Frühjahr 2017 ins Finale. Sein damaliger Trainer John Hackworth vergleicht ihn mit Robert Lewandowski.

Zwei Tage nach dem Finale wurde er für die U20-WM im selben Jahr nominiert. Im ersten Gruppenspiel stand er in der Startelf und traf doppelt. Vier Monate später spielte er mit der U17 die Weltmeisterschaft im gleichen Jahr. Das hatte vor ihm als bis dato einziger US-Amerikaner nur Freddy Adu geschafft. Im November schließlich wurde er zur A-Nationalmannschaft eingeladen. Da hatte er sich schon mit Bremen geeinigt. 

Pizarro-Nachfolger?

Für Werder begann der Balanceakt zwischen behutsamem Aufbauen und Hoffnungsträger-Image. Der wurde nicht vereinfacht, als Sargent im Mai in seinem ersten Einsatz für die A-Nationalmannschaft der USA traf. Nach seinem ersten Bundesliga-Treffer dürfte es noch schwerer werden. Andererseits gibt es beileibe genug mahnende Beispiele von Senkrechtstartern, die nach dem frühen Höhenpunkt rasant abbauten und schließlich in der Versenkung verschwanden. Nicht zuletzt ebenjener Freddy Adu.

Thomas Schaaf sieht das ähnlich und fordert dementsprechend, Sargent solle bitte nicht zu hoch gejubelt werden. Eine nachhaltige Entwicklung brauche Vernunft. Kohfeldt verwies nach dem starken Debüt ebenfalls darauf, dass es noch einiges an Verbesserungspotential gebe. Nichts desto trotz wird der Einsatz am vergangenen Spieltag nur der Anfang gewesen sein. Spätestens, wenn im Sommer der dann 41-jährige Claudio Pizarro aller Voraussicht nach seine Karriere beendet, wird ein Kaderplatz im Sturm frei. Bis dahin wird Kohfeldt dafür Sorge tragen, dass die Einsatzzeiten wohldosiert sind. 

Wie sich der Hype entwickelt, hängt aber auch von Sargents Leistungen ab. Das erste Bundesliga-Tor am letzten Wochenende verheißt dahingehend nichts Gutes.

Auch, wenn Sargent es auf Twitter als »beginner’s luck«, als Anfängerglück bezeichnete, reiht es sich ein in eine beeindruckende Statistik: Bislang hat er in der U20- und der A-Nationalmannschaft, für Werders U23 und die Profis jeweils im ersten Einsatz getroffen. Auch, wenn der Ball wahrscheinlich sowieso ins Tor gegangen wäre.