Seite 2: Der Kampf um die Deutungshoheit

Wäh­rend die übrigen Ver­treter der mol­da­wi­schen National-Divi­sion“ bit­terarm sind und ihre Spiele groß­teils in jäm­mer­li­chen Bruch­buden aus der Zeit des Kom­mu­nismus aus­tragen, steht in Tiraspol eine mit Geld aus Russ­land errich­tete hoch­mo­derne 200-Mil­lionen-Dollar-Arena für 15.000 Zuschauer. In der Mann­schaft des FC She­riff tum­melt sich ein halbes Dut­zend Süd­ame­ri­kaner und Afri­kaner, außerdem zahl­reiche gut besol­dete Legio­näre aus dem ost­eu­ro­päi­schen Raum. Früher zählte auch der Wei­ter­ver­kauf aus­län­di­scher Profis nach Russ­land oder in die Ukraine zum Geschäfts­mo­dell des Ver­eins. Doch man­gels sport­li­cher Kon­kur­renz in der natio­nalen Liga können sich junge Spieler in Tiraspol kaum ent­wi­ckeln.

Den Mol­da­wiern west­lich der Grenze ist die drü­ckende Über­le­gen­heit der von Moskau ali­men­tierten Abtrün­nigen“ ein Dorn im Auge. Ande­rer­seits dient ihnen die Tat­sache, dass der Kon­zern­klub weiter in ihrer Liga antreten muss, als will­kom­mene Erin­ne­rung daran, dass Trans­nis­trien offi­ziell noch immer mol­da­wi­sches Ter­ri­to­rium ist. Für die sta­li­nis­tisch geprägte Beton­burg Tiraspol, für die selbst ernannte Repu­blik Trans­nis­trien und für ihre Schutz­macht Russ­land hin­gegen ist die sport­liche Domi­nanz des FC She­riff vor allem eines: ein tri­um­phaler Beleg für die eigene Über­le­gen­heit gegen­über Mol­da­wien. 

Kalter Krieg in Europa

So klar wie die sport­li­chen Ver­hält­nisse, so ver­worren sind noch immer die poli­ti­schen Umstände in Mol­da­wien und Trans­nis­trien. 1992 starben Hun­derte Men­schen bei Kampf­hand­lungen zwi­schen mol­da­wi­scher Armee und rus­sisch-trans­nis­tri­schen Frei­schär­lern. An der Hoch­si­cher­heits-Grenze ent­lang des Flusses Dnister wird seither jeder Rei­sende miss­trau­isch beäugt und gründ­lich gefilzt. Wer die Demar­ka­ti­ons­linie mit einem mol­da­wi­schen Handy in Rich­tung Osten über­quert, hat plötz­lich kein Netz mehr. Ein kalter Krieg. In Europa. Doch Mol­da­wien und Trans­nis­trien sind so klein, dass die Welt kaum Notiz davon nimmt.

Und so ist jeder Auf­tritt des FC She­riff auf inter­na­tio­nalem Par­kett für beide Seiten eine Chance, Auf­merk­sam­keit für die eigene poli­ti­sche Sache zu erlangen. Ges­tern in Madrid gar auf der ganz, ganz großen euro­päi­sche Bühne.